Zürich

Folklore an der Schwulenparade

Die Fahnenschwinger-Vereinigung Zürich und Umgebung sieht keinen Widerspruch zwischen Tradition und Moderne. Heute Samstag treten die Fähnler am Zurich Pride Festival auf.

Zürcher Fahnenschwinger beim Training in der Turnhalle Kolbenacker in Seebach: Je langsamer, desto besser, lautet die Devise.

Zürcher Fahnenschwinger beim Training in der Turnhalle Kolbenacker in Seebach: Je langsamer, desto besser, lautet die Devise.
Bild: Doris Fanconi

Wer glaubt, Fahnenschwinger seien ein konservatives Völkchen, muss dieses Vorurteil revidieren. An diesem Wochenende begleitet die Fahnenschwinger-Vereinigung Zürich und Umgebung das Zurich Pride Festival. Zwei Wochen darauf werden die Fähnler – wie die Hüter der eidgenössischen Tradition ihre eigene Zunft nennen – an der Art Basel drei Fahnen mit Totenköpfen schwingen. Entworfen wurden die Banner und die dazugehörigen Trachten vom Basler Künstler Hanspeter Hofmann.

Präsidentin fährt Skateboard

Zwar liegt der Altersdurchschnitt der zwölf Aktivmitglieder des Vereins weit über 50, doch die Zürcher Fahnenschwinger geben sich aufgeschlossen und dynamisch. Das Amt des Präsidenten hat nicht etwa ein bodenständiger Stumpenraucher inne, sondern eine junge Frau, die mit dem Skateboard zur Generalversammlung fährt.

«Mein Amt ist eine Gratwanderung zwischen Tradition und Moderne», sagt Sandra Reck. Seit zwei Jahren bringt die 26-jährige Gärtnerin frischen Wind in den 1982 gegründeten Verein. Ihr Ziel ist es, das Fahnenschwingen aus der Folklore-Ecke herauszuholen. Kürzlich motivierte sie ihre Mannen zu einem Auftritt in der Bahnhofshalle, begleitet von einer Eigenkomposition mit Electro-Beats.

Wie sie zu ihrem aussergewöhnlichen Hobby gekommen ist, weiss Sandra Reck selbst nicht mehr so genau. «Das Urchige der Schweizer Folklore hat mich einfach schon immer fasziniert. In der Primarschule habe ich statt Hip-Hop Ländler gehört», sagt die Vereinspräsidentin. Ihre Mitstreiterinnen kann Reck an einer Hand abzählen, denn bis vor kurzem war das Fahnenschwingen Männern vorbehalten. Da die Fahne bei den sogenannten Unterschwüngen zwischen den Beinen geschwungen wird, lässt sich die Sportart in einer Frauentracht nicht ausüben. Seit dem 1. Januar 2009 erlaubt das Reglement jedoch auch Frauen, bei eidgenössischen Wettkämpfen eine Tracht mit Hosen zu tragen.

Im Gegensatz zu allen anderen Sportarten lautet die Devise beim Fahnenschwingen: je langsamer, desto besser. Vielleicht ist die Tradition, die in allen Alpenländern praktiziert wird, deshalb in der Schweiz weitaus am populärsten. «In der Schweiz sind die Schwünge vielseitiger und gemächlicher als in Bayern oder im Tirol», sagt Luzius Brüetsch, das zweitälteste Aktivmitglied. Eine Schulterverletzung handicapiert den 71-Jährigen momentan beim Training, das einmal wöchentlich in der Turnhalle Kolbenacker in Seebach stattfindet. Noch traut er sich nicht, die Fahne bis knapp unter die Turnhallendecke zu werfen. Bis zu zwölf Metern hoch werfe ein Profi mit einem Krickler, erzählt Brüetsch.

Pilatusstich und Bürgerstöckler

Pilatusstich, Bürgerstöckler, Hinderzi-Dächli – das Schweizer Schwungverzeichnis umfasst 79 verschiedene Schwünge. Ruedi Huser kennt sie alle. Mit kritischem Auge beobachtet der Trainer die Bewegungen seiner Schützlinge und gibt Tipps, um den Drehpunkt zu optimieren. «Und denn so ufe dahie», sagt der Coach in breitestem Unterwaldnerdialekt, während er das Hinderzi-Dächli demonstriert. Was bei geübten Fahnenschwingern so mühelos aussieht, erfordert viel Training. Rund drei Jahre braucht ein durchschnittlich begabter Fähnler, um auf Wettkampf-Niveau zu kommen. Das jüngste Vereinsmitglied, der österreichische Austauschstudent Jean-Jacques, schlägt sich nach zwei Monaten schon ganz gut. «Er hat Talent», meint Philipp Stein, einer der besten Schwinger des Vereins. Mit der Grazie eines Matadors schwingt der dreifache Vereinsmeister sein rotes Tuch. Stein ist beileibe kein waschechter Schweizer, sondern ein mustergültiges Integrationsbeispiel: Der Vereinsaktuar stammt aus Hamburg, ist mit einer Schweizerin verheiratet und lebt in Bülach. Wie die Präsidentin bringt auch der Aktuar Tradition und Moderne unter einen Hut: Am liebsten hört er Pink Floyd – trotzdem trägt er einen Chüeli-Gürtel.

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(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.06.2010, 19:51 Uhr

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