Zürich
Frau Rigozzi, braucht die Schweiz neue Kampfjets?
Von Peter Aeschlimann. Aktualisiert am 06.11.2009 3 Kommentare
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Heute muss es eine sehr dunkle Kapsel sein, denn es ist noch sehr früh, und dunkel bedeutet stark, das weckt. Ich lade eine schwarze Patrone in die Nespresso-Maschine und drücke ab. Es röhrt. In der Küche vermischt sich Kaffeeduft mit dem unangenehmen Odeur vertrockneter Mandarinenschalen und leerer Bierdosen. Erste Notiz des Tages: Züri-Säcke kaufen. Um acht Uhr habe ich mit Christa Rigozzi beim Bellevue abgemacht, danach werde ich mir welche im Coop besorgen.
Später im Tram plagen mich dunkle Gedanken. Warum in aller Welt schickt mich die Redaktion an «die legendäre Mastro Lorenzo Rallye 2009»? «Mach irgendwas mit Kafi», haben sie gesagt. Zufälligerweise finden heute zwei PR-Events zum Thema statt. Am Abend die Premierenfeier für den neuen Nespresso-Spot mit George Clooney, und in ein paar Minuten kommt schon die Miss. «What else?», fragte ich. «Das ist alles. Überleg dir halt ein paar Fragen.» Ich zücke das Notizbuch und schreibe unter die Züri-Säcke: «Frau Rigozzi, braucht die Schweiz neue Kampfjets?»
Auftritt Wirbelwind
Vor dem Coop, zwischen Bretzelbude und Marronistand, nehmen PR-Menschen zwei Kaffeemaschinen in Betrieb. Sie füllen literweise braune Brühe in Thermoskannen. Der ist für später, wenn der Tross übers Land bis nach St. Gallen weiterzieht, auf der Suche nach ein bisschen Italianità in der Deutschschweiz.
Dann kommt Christa Rigozzi. Sie trägt: eine schwarze Daunenjacke von Moncler, schwarze Lederhandschuhe, eng anliegende schwarze Jeans, flache schwarze Lederstiefel, die ihr bis über die Knie reichen, viel Make-up. Umwerfend sieht sie aus. Sofort klebt ein PR-Mensch einen Mastro-Lorenzo-Kleber an die blonde Tessinerin, während sie einem Radioreporter ein iPhone-Interview gibt, live vom Bellevue! Die Miss Schweiz 2006 ist nicht zum Vergnügen da. Als Kaffeebotschafterin soll Christa Rigozzi heute Morgen Passanten beglücken. Sie wirbelt über den Asphalt, fragt alle: «Wollen Sie Kaffee?»
Die Rigozzi reicht den Becher, reisst ein Zuckerbriefchen auf, schüttet den Inhalt in die dampfende Flüssigkeit, wirft einen Plastiklöffel nach, rührt. Und immer lächelt sie dabei. Ein Coop-Angestellter posiert für ein Handyfoto. Dabei hat Riccardo schon ein Bild mit Christa vom letzten Jahr. Sie mit ihm, leicht zerknittert. Er habe das Bild von der Wand reissen müssen, um es heute signieren zu lassen: «Per Riccardo, baci, Christa.» Und Riccardo strahlt und sagt: «Sie ist die Hübscheste. Und die Sympathischste.» Eine Dame pflichtet ihm bei: «Ich finde sie mega!»
«Sie ist mit Abstand die beste Ex-Miss», sagt der PR-Mensch zufrieden, «Christa macht einfach alles mit.» Das ist gut. Gut für mein Interview:
Frau Rigozzi, braucht die Schweiz neue Kampfjets?
(unwiderstehlicher italienischer Akzent) Es gibt Pro und Kontra. Es ist gut auf einer Seite für die zukünftige Sicherheit der Schweiz. Auf der anderen Seite sind viel Geld, die könnten anders investiert sein.
Haben Sie sich gegen die Schweinegrippe impfen lassen?
Nein, ich nehme Vitamin B und alles Mögliche, um keine Grippe zu nehmen, ich hoffe.
Hat der Bundesrat im Fall Libyen versagt?
Es gab schon gewisse Verhalten von Merz, sie war nicht so eindeutig, oder? Aber am Schluss die Libyen ist nicht so für Kooperation. Sie haben viel versprochen und nichts gemacht.
Werden Sie die nächste Tessiner Bundesrätin?
Ja, wissen Sie, haben mir schon viele Parteien gefragt, ich wäre gut für PR und sprechen. Ich habe eine Meinung, bin aber noch nicht bereit, um das zu kämpfen. Viele streiten mit alle, und im Moment will ich nicht streiten.
Warum gerade Mastro Lorenzo?
Weil es ist eine italienische Kaffee, die ich liebe. Ich mache die Werbung seit drei Jahren, und seit drei Jahren habe ich Mastro Lorenzo bei mir. Mir gefällt auch diese autoironische Kampagne mit meine Fehler.
Machen Sie die absichtlich?
Meine Muttersprache ist Italienisch. Ab und zu mache ich schon einen Fehler, aber mir stört nicht.
Niemanden stört das. Im Gegenteil. Und in nun gar nicht mehr dunkeln Gedanken stosse ich Melanie vom ersten Platz meiner persönlichen Liste der besten Missen aller Zeiten. Ich schlage meinen Notizblock auf und notiere: «Christa Rigozzi forever.» Und beim Lesen des Wortes «Züri-Säcke» fällt mir ein, dass ich die wichtigste aller PR-Fragen prompt zu stellen vergessen hatte.
Christa, was gefällt Ihnen an Zürich?
Die Leute sind sehr offen, mir gefallen. Sie geniessen das Leben und schätzen kleine Momente, wie ein Kaffee zu trinken, wie die Italiener und darum es ist super!
Waren Sie schon mal mit Carl Hirschmann im Saint Germain?
Nein. Er hat mich mehrere Male eingeladen, aber ich bin nie gegangen.
Was sagen Sie zu seiner Verhaftung?
Die Frauen haben ein bisschen Pause jetzt.
Einen Augenaufschlag für die Ewigkeit später verschwindet Christa Rigozzi aus meinem Leben. Und während ich im Coop Züri-Säcke kaufe, wirbelt die Miss weiter am Bellevue und verdreht allen den Kopf. Flankiert von einer aufgeregten Medienschar überfällt der Tessiner Charme-Bomber Pöstler, Passanten und Bauarbeiter: «Wollen Sie Kaffee?»
Nein, dieses Land braucht keine neuen Kampfflugzeuge. Dieses Land braucht eine Bundesrätin Christa Rigozzi. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.11.2009, 06:18 Uhr




Filippo Veneziano
Ich denke, das Beste wäre, wenn Christa Rigozzi mit Libyen verhandeln würde. Antworten