Zürich

Freie Wohnung im Herzen Zürichs: Drei Zimmer für 872 Franken

Wer eine wirklich günstige Wohnung sucht, muss auf viel verzichten. Tagesanzeiger.ch war bei der Besichtigung einer städtischen Wohnung dabei, in der sich die künftigen Mieter warm anziehen müssen.

Die Stimmung an diesem regnerischen Montagmittag im dunklen Treppenhaus ist bedrückt. Immerhin ist die Schlange übersichtlich. Viele suchen schon seit Monaten nach einer geeigneten Wohnung. Diese steht direkt an der dicht befahrenen Seebahnstrasse und erst noch im Erdgeschoss, wo der Geräuschpegel am höchsten ist. Aber das stört die wenigsten, der tiefe Mietpreis steht über allem. So günstig ist eine 3-Zimmer-Wohnung in Zürich selten zu haben. Knapp 900 Franken kostet das 61-Quadratmeter-Objekt im Kreis 4. Entsprechend gross ist das Interesse. Die Wohnungsnot in Zürich reisst nicht ab und preiswerter Wohnraum ist ganz besonders gefragt.

Dass nur rund 20 Interessenten im dunklen Treppenhaus stehen, um die Wohnung zu besichtigen, hat seine Gründe. Die Liegenschaft, der Erismannhof, gehört der Stadt. Deren Liegenschaftenverwaltung schreibt die freien Objekte immer mittwochs im «Tagblatt der Stadt Zürich» aus. Einige der Wohnungen kann nur besichtigen, wer ein paar Tage zuvor eine Telefonnummer gewählt hat und durchgekommen ist. Die Nummer im Inserat ist aber nur während einer halben Stunde in Betrieb.

Geheizt wird mit Holz

«Wir wenden diese Praxis oftmals an, wenn die betreffende Wohnung zum Zeitpunkt der Besichtigung noch bewohnt ist», erklärt Christoph Kaiser von der städtischen Liegenschaftenverwaltung. Nur wenn das Objekt schon leer ist, schreibt die Stadt im Inserat in der Regel einen konkreten Besichtigungstermin aus. «Bei einer günstigen 3- oder 4-Zimmer-Wohnung stehen dann jeweils bis zu 200 Interessenten im Treppenhaus», weiss Kaiser.

Die Interessenten im Ehrismannhof-Treppenhaus hatten zwar Glück, weil sie durchgekommen sind, die Wohnung ist dennoch kein Schmuckstück. Geheizt wird, wie überall in der 83-jährigen Überbauung, noch mit Holz. Die junge Noch-Bewohnerin sitzt auf dem Sofa und erklärt einem Interessenten, dass das Selberheizen im wohnungseigenen Holzofen seine Tücken hat: «Am Morgen ist die Wohnung einfach immer kalt.» Sie zieht nun in ein Haus mit Zentralheizung. Im Inserat stand zwar ein «O» für Ofenheizung, nur ist das nicht allen klar. «Viele verstehen das einfach nicht und werden schlicht durch die tiefe Miete geleitet», glaubt Kaiser.

Auf die Durchmischung kommt es an

Die Stadt ist eine soziale Vermieterin. Beim Vermietungsentscheid gilt als Richtlinie unter anderem die gute Durchmischung in einer Liegenschaft. Im denkmalgeschützten Erismannhof ist sie gegeben. Auf der ruhigeren Seite zur Quartierstrasse hin wohnen mehrheitlich Familien, an der Seebahnstrasse hat es mehr WGs. Bei Studenten ist die einstige Arbeitersiedlung beliebt, ein leichter Kultcharakter schwingt mit. Einige Wohnungen werden über die Studentische Wohngenossenschaft oder über das Jugendwohnnetz vergeben.

Gut möglich, dass Mitte Oktober auch in diesen drei Zimmern eine Zweier-WG einziehen wird. Nach Christoph Kaisers Eindruck schien die Wohnung bei den wenigen anwesenden Familien eher weniger gut angekommen zu sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.08.2010, 15:48 Uhr

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24 Kommentare

Meret Leenders

18.08.2010, 10:31 Uhr
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@Marianne Berchthold: Ein subventionierter Neubau wäre dann ein wohl eine Betonhöhle - ob sie einer charmanten Wohnung, in der man sich der Jahreszeit angepasst anziehen muss, vorzuziehen ist, ist wohl Geschmackssache. Antworten


Alfred Brunner

17.08.2010, 18:28 Uhr
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@Saile Klein: Die Menschen haben die freie Wahl: Sie können in einer Wohnung in der Stadt leben und den Preis dafür bezahlen oder sie können für weniger Geld in der Agglomeration eine Wohnung beziehen. Ich möchte auch lieber an der Goldküste leben, kann es mir aber nicht leisten. Entscheiden wer wo lebt kann nur der Markt. Oder soll es irgend ein Gremium von (beeinflussbaren) Menschen sein? Antworten


Marianne Berchtold

17.08.2010, 15:50 Uhr
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Ob es überhaupt noch Sinn macht, ein derartiges Haus überhaupt noch zu bewohnen, mag ich bezweifeln. Für eine derartige fast schon "Bastel"-Wohnung sind auch 872 Franken zu viel. Das Haus wäre besser abzubrechen und ein subventionierter Neubau als günstiger Wohnraum für wenigerverdienende sicher besser. Antworten


Saile Klein

17.08.2010, 14:32 Uhr
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Es zeigt sich hier sehr schön was unter "freiem Markt" verstanden wird. Es herrscht Knappheit, so dass jene welche etwas Besitzen, aus dem was sie Besitzen noch viel mehr machen können, während jene die nichts besitzen, diese wenige durch hohe Mietpreise noch reduzieren müssen. Das mag freier Markt sein, freie Menschen sind es nicht. Freier Markt macht nur da Sinn, wo Menschen eine Wahl haben. Antworten


Michael Sold

17.08.2010, 13:12 Uhr
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Wenn jeder nach Zürich will, dann regelt leider das Angebot und die Nachfrage den Preis. Es wäre ja wohl auch nicht so schlimm ausserhalb Zürichs zu wohnen, immerhin gibt es wohl eines der besten S-BahnNetze weltweit. Wenn man Zürich mit anderen Städtchen vergleich (auch DE) ist es "leider" sogar noch günstig, auch im teuren Segment. Antworten


Gianni Dal Pont

17.08.2010, 09:44 Uhr
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@Thomas Müller Sie machen eine falsche Überlegung , als eh. Vermieter bekamen wir bereits im Jahr 2003 , für ausgeschriebene WG, im mittleren Preissegment ( 3 Zi -1750.-Fr.) grösstenteils nur noch Anrufe von Auslaend. Akademiker und Ausl.Firmen, die ?hren Sitz nach Zürich verlagerten .Die SP hat ?hren Klientel diese Tatsache vor der PFK Wahlen verschwiegen ...oder verschlafen ! Antworten


Sebastian Oberholzer

17.08.2010, 09:05 Uhr
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Aus Vermietersicht: Wenn Mietinteressenten einfachste Grundregeln einhalten wie eine Kopie eines Ausweises, eines Betreibungsregisterauszugs, eines Arbeitsvertrags und eines kurzen Lebenlaufs mitzubringen, dann ist es absolut möglich, eine Wohnung in Zürich zu erhalten. Nur tun dies 19 von 20 Mietinteressenten nicht und wundern sich dann, weshalb immer nur ein anderer die Zusage erhält. Antworten


Franz Karrer

17.08.2010, 07:02 Uhr
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Das sind leider die folgen wenn sich der Staat aus dem sozialen Wohnungsbau verabschiedet und Genossenschaften ein Auslaufmodell ist. Leiden müssen die Menschen mit tiefen Einkommen. Aber auch auf diese Arbeitnehmer ist die Wirtschaft angewiesen - schon wegen den riesigen Gewinnen die erwirtschaftet werden. Antworten


Irene Häusler

17.08.2010, 03:18 Uhr
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Solche Bruchbuden zu renovieren lohnt sich in der Stadt Zürich nicht, zu viele Bauauflagen. Deshalb ist der Rückbau solcher Gebäude die einzige wirtschaftliche Alternative. Niemand ist gezwungen in der Stadt zu wohnen, in der Agglo hats genug freie Wohnungen. Wohnungsnot, eine Folge der Personenfreizügigkeit. Baut in die Höhe, wie jede andere vernünftige Stadt, aber bitte keine Pruitt-Igoe Kopie! Antworten


Mayer Peda

17.08.2010, 00:16 Uhr
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Ich selber habe Jahre da gewohnt und muss zugeben, dass es sehr kalt ist im Winter. Wolken vor dem Mund sind nicht selten in der Wohnung und da wir aus Kostengründen auf eine Elektroheizung verzichtet haben (der Kachelofen kommt im Winter nicht weit), haben wir in der WG das Bett bei frostnächten geteilt. Der Lärm der Strasse ist nicht schlimm, eher der Staub hinterlässt seine Spuren überall... Antworten


Steiner Regina Steiner

16.08.2010, 22:52 Uhr
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... und? Wer hat die Wohnung gekriegt? Antworten


peter ess

16.08.2010, 22:10 Uhr
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Schoen dass die Studenten einen 'Arbeitsweg' von 30' haben. Antworten


Hans Lips

16.08.2010, 21:40 Uhr
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FürSchweizer und Alteingesessene hätte es schon genug Wohnungen. Aber bei 100'000 Zuwanderern braucht es eben 50'000 bis 100'000 Wohnungen mehr, jährlich. Alles klar? Antworten


Sandro Schaub

16.08.2010, 20:47 Uhr
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Ja, die Autoren mögen scheinbar möglichst durchsanierte Altbauwohnungen mit nachträglich eingebauter Zentralheizung. Im Inserat steht dann jeweils: Altbauwohnung mit modernem Ausbau. Schrecklich! Für mich ist es genau umgekehrt: Die Wohnungen im Erismannhof sind Schmuckstücke, gerade weil u.a. mit Holz geheizt wird. Antworten


Nadine Binsberger

16.08.2010, 20:36 Uhr
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Sich warm anziehen ist kein Verzicht, sondern etwas sehr schönes, romantisches - und erst noch umweltfreundlich. Schlimm wirds erst, wenn man sich nicht mehr warm anziehen kann. Z.B. wenn der Pulli aufgrund seiner schlechten Qualität beim vierten mal tragen bereits auseinanderfällt oder so. Antworten


Marco Henzer

16.08.2010, 19:01 Uhr
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Hatte auch keine Probleme eine 3-Zimemr Wohnung zu finden. Auftreten, ordentliche Bewerbung, guter Leumund, bezahlte Rechnungen und persönlichen Kontakt herstellen ist das A und O. Dann klappts auch. Und ja. Die Mieten sind teuer. Geht halt nach Deutschland haben ja Personenfreizügigkeit, da könnt ihr ein Einfamilienhaus für 400 Euro im Monat mieten. Bei uns ists halt das 5-fache. Antworten


peter steiner

16.08.2010, 18:13 Uhr
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@ Thomas Müller: klar regelt der freie Markt das. Wie bei den Jobs auch - wer nicht flexibel ist (mit dem superperfekten S-Bahn Netz ist es vielleicht sogar zumutbar nach Winterthur oder Frauenfeld zu ziehen?), der muss mit höheren Preisen leben. So einfach ist das. Antworten


Patrick Jakob

16.08.2010, 18:08 Uhr
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der Wohnungsmarkt in Zürich ist sowieso nicht mehr normal.... und leider werden immer mehr teure Wohnungen gebaut. Eigentlich sollte mit Masterplänen günstiges Wohnen ermöglicht werden. Nicht dass die Wohnungen von der Stadt subventioniert werden sollte, jedoch sollte es Masstäbe geben, wie viel 1m2 kosten darf! Antworten


Hans Saurenmann

16.08.2010, 18:06 Uhr
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Traurig zu vernehmen dass der Erismannhof so heruntergekommen ist. Meine Gross-Eltern haben dort gewohnt, glaube damals war es eine Wohnbaugenossenschaft. Als ich aufwuchs war das eine gute Wohnlage, natuerlich ein Arbeiter Quartier und ich habe meine Grossmutter zur Verzweiflung gebracht weil ich immer auf dem Brueckengelaender ueber die Bruecke gegangen bin,Sie war natuerlich nicht schnell genug Antworten


Mario Keller

16.08.2010, 17:44 Uhr
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Städtische Wohnungen würde man besser mit Wartelisten zusprechen, anstatt das ganze Telefonier-Besichtigungs-Bewirbdichmal-Affentheater zu veranstalten. Gäbe auch weniger Verwaltungsaufwand an die Stadtkasse. Antworten


Heinz Imboden

16.08.2010, 17:21 Uhr
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Die Stadt ist zwar sozial in der Vermietung (mieternützig). Die städtischen Wohnungen sind aber nicht gemeinnützig, liefern der Stadt keine Steuereinnahmen. In der Miete sind nur die Land u. Baukosten. Bei den Baukosten werden energetische Sanierungskoten teils nicht einmal dazugerechnet. Die steuertechnisch mit einem Finanztrick billig gemachten Wohnungen sollten nur geldarme Leute bekommen. Antworten


Doris Bertoli

16.08.2010, 17:11 Uhr
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Mich würde interessieren, wie viele Male dass die Stadt als Vermieterin die Erstellungs-und Unterhaltskosten schon "usegwirtschaftet" hätt!!?? Antworten


Stefan Meier

16.08.2010, 16:26 Uhr
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Niemand wird mir das in der Schweiz glauben, aber hier in Brasilien wo ich wohne, kann es im Winter sehr kalt werden im Haus. Kein Haus hat hier im Staat São Paulo eine Heizung. Und die Temperaturen können im Winter schon mal bis auf 10°C fallen. Wenn man dann noch weiter in den Süden fährt, gibt es auch schon Schnee. Ob die Häuser da eine Heizung haben kann ich aber nicht sagen. Antworten


Thomas Müller

16.08.2010, 16:21 Uhr
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Wohnungsnot? Nein, das kann gar nicht sein... Unmöglich... denn der über alles heilige freie Markt von dem die Bürgerlichen immer schwärmen regelt ja alles ganz wunderbar... Antworten



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