Freie Wohnung im Herzen Zürichs: Drei Zimmer für 872 Franken

Von Jan Derrer, Philipp Albrecht. Aktualisiert am 18.08.2010 24 Kommentare

Wer eine wirklich günstige Wohnung sucht, muss auf viel verzichten. Tagesanzeiger.ch war bei der Besichtigung einer städtischen Wohnung dabei, in der sich die künftigen Mieter warm anziehen müssen.

Die Stimmung an diesem regnerischen Montagmittag im dunklen Treppenhaus ist bedrückt. Immerhin ist die Schlange übersichtlich. Viele suchen schon seit Monaten nach einer geeigneten Wohnung. Diese steht direkt an der dicht befahrenen Seebahnstrasse und erst noch im Erdgeschoss, wo der Geräuschpegel am höchsten ist. Aber das stört die wenigsten, der tiefe Mietpreis steht über allem. So günstig ist eine 3-Zimmer-Wohnung in Zürich selten zu haben. Knapp 900 Franken kostet das 61-Quadratmeter-Objekt im Kreis 4. Entsprechend gross ist das Interesse. Die Wohnungsnot in Zürich reisst nicht ab und preiswerter Wohnraum ist ganz besonders gefragt.

Dass nur rund 20 Interessenten im dunklen Treppenhaus stehen, um die Wohnung zu besichtigen, hat seine Gründe. Die Liegenschaft, der Erismannhof, gehört der Stadt. Deren Liegenschaftenverwaltung schreibt die freien Objekte immer mittwochs im «Tagblatt der Stadt Zürich» aus. Einige der Wohnungen kann nur besichtigen, wer ein paar Tage zuvor eine Telefonnummer gewählt hat und durchgekommen ist. Die Nummer im Inserat ist aber nur während einer halben Stunde in Betrieb.

Geheizt wird mit Holz

«Wir wenden diese Praxis oftmals an, wenn die betreffende Wohnung zum Zeitpunkt der Besichtigung noch bewohnt ist», erklärt Christoph Kaiser von der städtischen Liegenschaftenverwaltung. Nur wenn das Objekt schon leer ist, schreibt die Stadt im Inserat in der Regel einen konkreten Besichtigungstermin aus. «Bei einer günstigen 3- oder 4-Zimmer-Wohnung stehen dann jeweils bis zu 200 Interessenten im Treppenhaus», weiss Kaiser.

Die Interessenten im Ehrismannhof-Treppenhaus hatten zwar Glück, weil sie durchgekommen sind, die Wohnung ist dennoch kein Schmuckstück. Geheizt wird, wie überall in der 83-jährigen Überbauung, noch mit Holz. Die junge Noch-Bewohnerin sitzt auf dem Sofa und erklärt einem Interessenten, dass das Selberheizen im wohnungseigenen Holzofen seine Tücken hat: «Am Morgen ist die Wohnung einfach immer kalt.» Sie zieht nun in ein Haus mit Zentralheizung. Im Inserat stand zwar ein «O» für Ofenheizung, nur ist das nicht allen klar. «Viele verstehen das einfach nicht und werden schlicht durch die tiefe Miete geleitet», glaubt Kaiser.

Auf die Durchmischung kommt es an

Die Stadt ist eine soziale Vermieterin. Beim Vermietungsentscheid gilt als Richtlinie unter anderem die gute Durchmischung in einer Liegenschaft. Im denkmalgeschützten Erismannhof ist sie gegeben. Auf der ruhigeren Seite zur Quartierstrasse hin wohnen mehrheitlich Familien, an der Seebahnstrasse hat es mehr WGs. Bei Studenten ist die einstige Arbeitersiedlung beliebt, ein leichter Kultcharakter schwingt mit. Einige Wohnungen werden über die Studentische Wohngenossenschaft oder über das Jugendwohnnetz vergeben.

Gut möglich, dass Mitte Oktober auch in diesen drei Zimmern eine Zweier-WG einziehen wird. Nach Christoph Kaisers Eindruck schien die Wohnung bei den wenigen anwesenden Familien eher weniger gut angekommen zu sein. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 16.08.2010, 15:48 Uhr

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24 Kommentare

Thomas Müller

16.08.2010, 16:21 Uhr
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Wohnungsnot? Nein, das kann gar nicht sein... Unmöglich... denn der über alles heilige freie Markt von dem die Bürgerlichen immer schwärmen regelt ja alles ganz wunderbar... Antworten


Stefan Meier

16.08.2010, 16:26 Uhr
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Niemand wird mir das in der Schweiz glauben, aber hier in Brasilien wo ich wohne, kann es im Winter sehr kalt werden im Haus. Kein Haus hat hier im Staat São Paulo eine Heizung. Und die Temperaturen können im Winter schon mal bis auf 10°C fallen. Wenn man dann noch weiter in den Süden fährt, gibt es auch schon Schnee. Ob die Häuser da eine Heizung haben kann ich aber nicht sagen. Antworten



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