«Für die Prostituierten ist das sicher keine Verbesserung»

Die Stadt vertreibt Sexsalons aus dem Langstrassenquartier. Wohin sich das Milieu nun verlagert, können selbst Fachpersonen nicht abschätzen. Sicher ist nur, dass die Frauen so in neue Abhängigkeiten geraten.

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Die Stadt Zürich setzt sich seit Jahren zum Ziel, das Langstrassenquartier aufzuwerten und die Auswirkungen des Sexgewerbes einzudämmen. Insbesondere den sogenannten Problemliegenschaften, in denen Prostitution betrieben wird, hat sie den Kampf angesagt, denn sexgewerbliche Nutzungen von Zimmern ist in Zonen mit einem Wohnanteil von über 50 Prozent verboten.

Eine dieser Liegenschaften, das Haus an der Hohlstrasse 30, steht nun leer und wird renoviert. In den 78 Wohnungen schafften noch bis vor kurzem Prostituierte an. Bis Ende Jahr sind in drei weiteren Kreis-4-Liegenschaften ähnliche Veränderungen vorgesehen. Eine Entwicklung, die von Fachpersonen mit Besorgnis beobachtet wird.

Die Szene verzettelt sich

«Die Szene verzettelt sich, wir kommen immer schwerer an die Frauen heran», sagt die ehemalige Sozialarbeiterin Jeanette Vernay, die sich heute als Barbetreiberin um Prostituierte kümmert, gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Ähnliche Beobachtungen macht auch Regula Rother, Leiterin der Zürcher Stadtmission. «Für uns ist es noch schwieriger geworden, mit den Prostituierten in Kontakt zu treten. Wenn sich die Szene verlagert, wissen die Frauen nicht mehr, wo sie uns finden können.»

Mit der neuen Prostitutionsgewerbeverordnung, die seit Januar 2013 in Kraft ist, sei gemäss Rother ein Prozess in Gang gesetzt worden, dessen Auswirkungen noch nicht abgeschätzt werden könnten. Im Moment werde das ganze Gewerbe durcheinandergewirbelt. Es lasse sich schlicht nicht abschätzen, was geschehen wird, wenn sich alles wieder gesetzt hat. «Klar ist einzig, dass die Verunsicherung bei den Frauen enorm ist.»

Komplexes Bewilligungsverfahren

Die Vorgaben für den Erhalt einer Salonbewilligung sind komplex und umfangreich. «Viele sind nicht in der Lage, ein solches Verfahren ohne die Hilfe eines Anwalts anzugehen – und für einen Anwalt fehlen oft die finanziellen Mittel.» Die Frauen müssten laut Rother fast einen Businessplan ausarbeiten und jederzeit schriftlich Auskunft erteilen können, wer bei ihnen arbeitet.

Auch sei es nicht einfach, in der Stadt selbst neue Räumlichkeiten für den Betrieb eines Salons zu finden. «Die Mietpreise und die Auflagen sind enorm hoch. Wir haben gehört, dass Vermieter im Quartier sogar direkt von der Stadt angeschrieben wurden, ihre Zimmer nicht mehr an Prostituierte zu vermieten. Das verunsichert die Frauen zusätzlich.» Einige suchen deshalb ausserhalb der Stadt oder ausserhalb des Kantons nach Möglichkeiten, weiter in Salons anzuschaffen oder neue Etablissements zu gründen.

Kleine Salons gehen ein

Wer im Langstrassenquartier einen Salon weiter betreiben will, muss beweisen können, dass der Betrieb bereits seit mehr als 20 Jahren existiert – beispielsweise durch eine lückenlose Werbung für das Etablissement während der ganzen Zeit. Für Kleinstsalons – also Zimmer, in denen höchsten zwei Frauen anschaffen – werden zwar Ausnahmebewilligungen erteilt. Aber auch diese sind nur in Zonen erlaubt, in denen der Wohnanteil unter 50 Prozent liegt. «Im Langstrassenquartier ist das somit praktisch ausgeschlossen. Mittelfristig werden sich wohl nur die grossen Salonbetreiber halten können. Viele kleinere Betriebe werden eingehen», so Rother. Das sei vielleicht für die Stadt Zürich eine positive Entwicklung. «Aber für die Frauen ist das sicher keine Verbesserung. Sie verdienen weniger. Viele verlieren deshalb ihren Wohn- und Arbeitsort.»

Zu einem ähnlichen Schluss kommt Rebecca Angelini von der Zürcher Fachstelle für Frauenhandel und Frauenmigration (FIZ). «Die bürokratischen Hürden, die jetzt aufgebaut werden, sind gigantisch hoch», sagt sie in einem Interview mit der Wochenzeitung WOZ. Für ein grosses Bordell mit eigenem Treuhänder oder Juristen sei das kein Problem, kleine Gruppen von selbstständig erwerbenden Frauen könnten dies aber kaum allein bewältigen und würden so in neue Abhängigkeiten geraten. «Es kann doch nicht sein, dass mit behördlichen Auflagen ausgerechnet das Arbeitsmodell behindert wird, das den Frauen die grösstmögliche Selbstbestimmung erlaubt», so Angelini.

Gegenpart zu den Auswertungen der Stadt

Das FIZ sammeln daher gemäss Mediensprecherin Susanne Seytter Informationen und Fakten der verschiedenen NGOs über die Auswirkungen der neuen Prostitutionsgewerbeverordnung auf das Milieu. Geklärt werden die Fragen, welche Erfahrungen die Prostituierten mit den neuen Regelungen machen, wie sich der neue Strichplan und der Strichplatz auf das Gewerbe auswirkt und wie erreichbar die Frauen für die aufsuchende Sozialarbeit seit der Einführung der neuen Verordnung sind. «Damit wollen wir einen Gegenpart zu den Auswertungen durch die Stadt ermitteln, die voraussichtlich Ende Oktober bekannt gegeben werden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 14.10.2013, 14:05 Uhr)

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