Gemeinderat sagt deutlich Ja zum 120 Meter hohen Getreidesilo
Von Peter Aeschlimann. Aktualisiert am 16.09.2010 1 Kommentar
Artikel zum Thema
Der Turm wecke Emotionen, sagte Christine Seidler (SP) zu Beginn einer Debatte, die dann ziemlich emotionslos geführt wurde. Einzig Pierino Cerliani (Grüne) zeigte sich kurz «ganz gerührt», als ihm das Wort doch noch erteilt wurde, nachdem die Rednerliste eigentlich bereits geschlossen war. Da der gestrige Mittwochabend Cerlianis letzter im Gemeinderat war, stellte Daniel Meier (CVP) einen entsprechenden Ordnungsantrag – und Ratspräsidentin Marina Garzotto (SVP) zeigte ein Herz.
Aber der Reihe nach. Zu befinden hatten die Parlamentarier über den Gestaltungsplan «Kornhaus Swissmill». Die Getreidemühle will am Sihlquai ihr 40 Meter hohes Silo um 80 Meter auf 120 Meter aufstocken. Der Speicher würde so hinter dem Prime Tower (126 Meter) zum zweithöchsten Gebäude der Schweiz. Laut SP-Frau Seidler macht der Bau aus logistischer und ökologischer Sicht Sinn. Es gebe am Standort im Industriequartier bereits ein Silo, das bestens ans Schienennetz angeschlossen und gleichzeitig Verarbeitungs- und Produktionsstätte sei. «Die Mühle ist traditionell gewachsen. Sie war schon vor der Badi und der Quartierbevölkerung da», sagte Seidler. Und sprach damit die Gegner des Silos an: die Wipkinger, die wegen des Schattenwurfs um ihr Flussbad am Unteren Letten fürchten – und ankündigt hatten, bei einem Ja zum Gestaltungsplan das Referendum zu ergreifen.
Gegner fordern andere Lösung
Sie könne den Ärger nachvollziehen, meinte Seidler, es gehe jedoch nicht um Badi-Interessen, sondern um Stadtinteressen. Die Mühle sei ein entscheidender Beitrag zur Erhaltung eines Industriebetriebs in einem sonst immer einseitiger werdenden Quartier. «Wir hätten sogar gerne noch eine Antenne ganz oben montiert, damit das Silo den Prime Tower überragen würde.»
Einer der wenigen Gegner der Aufstockung, Richard Wolff (AL), erwiderte: «Wir sind nicht gegen die Industrie, wir fordern einzig eine bessere Lösung.» Es gebe ein Hochhausleitbild, das die Stadt vor solchen Gebäuden an dafür ungeeigneten Standorten schützen soll. Dieses könne man getrost shreddern, falls der Gestaltungsplan angenommen würde.
Das Gebiet an der Limmat gehöre zu den besonders sensiblen Orten, wo theoretisch nicht über 40 Meter gebaut werden dürfe. Er glaube nicht, dass Swissmill Zürich bei einem Nein zum Turm verlassen würde. «Die würden einen Plan B aus der Schublade ziehen.» Auch das Argument der Durchmischung liess er nicht gelten: «Man soll Gentrification nicht durch eine mutwillige Verschlechterung der Lebensqualität verhindern.»
CVP: «Schatten ist gesund»
Die CVP war für eine Aufstockung. Klar sei der Schattenwurf eine unschöne Sache, sagte Mario Mariani. Der Mediziner in ihrer Fraktion habe aber gemeint, dass Sonnenbaden im Schatten sowieso viel gesünder wäre. «Zynisch» fand diese Bemerkung Pierino Cerliani bei seinem letzten Auftritt als Parlamentarier. Ein Grund zu bauen und damit für einen Gestaltungsplan finde sich immer, auch an unzulässiger Stelle. Das müsse aufhören.
Min Li Marti (SP), die den Bau befürwortet, störte sich an etwas Grundsätzlichem: «Immer wenn es um Bauten geht, sagen alle: nicht in meinem Garten hinter dem Haus.» Dieses Denken bringe die Stadt nicht weiter. Parteikollegin Seidler pflichtete ihr bei: «Alle wollen Urbanität, aber niemand will ein Haus vor der Nase.»
SP-Stadtrat André Odermatt betonte die Wichtigkeit der Pflege des Industriestandorts: «Ich mag es, wenn täglich ein paar Güterwagen an den Glaspalästen im Kreis 5 vorbeifahren.» Das Silo sei auch nicht einfach nur ein Speicher für Getreide, sondern ein «hochkomplexes Gebilde». «Wenn Sie Ihr Fünfkornbrötli essen», wandte er sich an die Parlamentarier, «kommt das Mehl aus verschiedenen Kammern im Silo.» Und obwohl auch Odermatt den Unteren Letten als «seine Badi» bezeichnete, warb er für ein Ja zum Gestaltungsplan. Dieses bekam er dann auch deutlich mit 104 zu 10 Stimmen. Einzig einzelne Vertreter von AL, SD und GLP waren dagegen.
Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 15.09.2010, 23:44 Uhr



