Geschichten, wie sie nur Gebrauchtes erzählen kann

Im Brockenhaus findet man nicht nur Schnäppchen. Es werden auch Möbel mit Tradition angeboten, und bekannte Autoren verkaufen Sessel und Spiegel.

«Wir verstehen uns auch als Kulturplatz»: Brockenhaus-Leiter Ueli Müller in seinem originellen Warenhaus. Foto: Sabina Bobst

«Wir verstehen uns auch als Kulturplatz»: Brockenhaus-Leiter Ueli Müller in seinem originellen Warenhaus. Foto: Sabina Bobst

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Stephan Pörtner hat einen alten, riesigen Sessel ausgesucht. Franz Hohler einen schweren mit Spiegeln versehenen Nussbaumschrank und Ilma Rakusa einen Abakus, einen alten Zählrahmen zum Rechnen. Zu diesen und weiteren aus dem Brockenhaus stammenden Gegenständen haben sie und elf weitere Autoren Geschichten erfunden. Darunter befinden sich bekannte Namen wie Thomas Hürlimann, Tim Krohn und Annette Mingels.

Dass Schriftsteller Möbel verkaufen, ist ungewöhnlich. Ungewohnt ist auch die Umgebung. Die Idee zu diesem Projekt hatten das Brockenhaus Zürich und die Werbeagentur Wirz. Aus dem Brockenhaus stammen die Möbel, die Werbeagentur hat die Geschichten dazu in einem Tonstudio aufnehmen lassen. Wie in einem Museum können ab Dienstag nächster Woche bis Ende Jahr die Besucher die Geschichten per Audioguide auf einer Tour quer durch die Räume des Brockenhauses selbst hören.

Kein Museum

Das Brockenhaus an der Neugasse hinter dem Bahnhof ist zwar kein Museum, aber auf der Eingangstüre steht schwarz auf weiss: «Zürichs originellstes Warenhaus». Seit Ueli Müller vor vier Jahren Direktor dieses Unternehmens wurde, gehören hin und wieder Anlässe wie Konzerte oder das Geschichtenerzählen von Schriftstellern dazu. Diese veranstaltet er zusammen mit seinen 30 Mitarbeitenden. «Wir verstehen uns inmitten all der Möbel aus verschiedenen Jahrzehnten auch als Kulturplatz», sagt Müller. «Das ist unser Fundament, und darauf bauen wir auf.»

Das Zürcher Brockenhaus ist mit seinen 108 Jahren zwar landesweit das älteste seiner Art. Doch die Idee, die zur Gründung des gemeinnützigen Unternehmens führte, war nicht kultureller Idealismus, sondern nüchterner Pragmatismus. Es ging darum, gebrauchte Gegenstände einzusammeln und weiterzuverkaufen und diese ärmeren Menschen zugänglich zu machen. Deshalb finden die Kunden auf drei Etagen verteilt alles, was sie für einen Haushalt benötigen: vom Korbstuhl über die Bircher-Benner-Raffel bis zu einem Bildband über Kunst.

Anlaufstelle für junge Menschen

Angebot und Preise haben sich im Laufe der Zeit allerdings verändert. Vor 30 Jahren war das Brockenhaus in erster Linie eine Anlaufstelle für junge Menschen und für Sammler. Sie konnten von günstigen Preisen profitieren, weil der wahre Wert der Gegenstände oft nicht erkannt wurde. «Heute ist das anders», sagt Ueli Müller.

Er weiss, wovon er spricht, schliesslich war er einige Jahre in der Möbelbranche tätig. Dabei hat er rechnen und kalkulieren gelernt. «Unser oberstes Prinzip ist die Gemeinnützigkeit, Arbeitsplätze zu erhalten und wirtschaftliche Unabhängigkeit. Die Produkte werden deshalb vermehrt zu ihrem Marktwert verkauft.» Ein massiver, drei Meter langer Beizentisch beispielsweise ist unter 3000 Franken nicht zu haben, ein gebrauchter Original-Glarner-Stuhl kostet mindestens 100 Franken. Solche Preise hat man früher in trendigen Secondhand-Möbelgeschäften bezahlt, aber nicht in einem Brockenhaus. «Das hat mit einem Wertewandel zu tun», erklärt Müller. «Auch wir schätzen heute Qualität und Tradition.» Das heisst nicht, dass man im Brockenhaus nur noch mit dem grossen Portemonnaie einkaufen kann. «Gebrauchte Ikea- und andere Möbel sind immer noch günstig zu haben», versichert Müller.

Ramsch hingegen verhökert das Brockenhaus nicht. Billigstmöbel fehlen im Sortiment. «Wir müssen wirtschaftlich sein», sagt Müller. «Bei einem Stuhl, den wir für bloss 2 Franken weiterverkaufen könnten, ist der Aufwand des Abholens schlicht zu gross.» Stimmt jedoch die Qualität, holt das Brockenhaus, wie es in der Werbung verspricht, alles ab. Für eine Taburett-Veranstaltung sind so rund 400 verschiedene solcher Stühle aus der Zeit zwischen 1900 und 2000 zusammengetragen worden. «Wir arbeiten mit Gebrauchtem», sagt Müller. «Das hat Zukunft.»

Eine andere Zukunft hat der Sessel in Stephan Pörtners Geschichte. Sein Verhältnis zu diesem Stuhl bezeichnet der Schriftsteller als Liebe auf den ersten Blick. Doch die Liebe zu diesem Möbel teilen nicht alle mit ihm. Eine grosse, schöne, kluge Frau stellte ihn vor die Entscheidung: «Er oder ich.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.11.2012, 12:45 Uhr)

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