Giacobbo von Polizei verzeigt, weil das Fernsehen patzte

Das Verfahren gegen das Schweizer Fernsehen wegen unbefugter Nutzung des öffentlichen Grundes ist Realsatire – und ein Beispiel für Bürokratiewildwuchs.

Diesmal als Tattergreis: Viktor Giacobbo beim illegalen Dreh in Oerlikon.

Diesmal als Tattergreis: Viktor Giacobbo beim illegalen Dreh in Oerlikon. Bild: SF

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Wenn die Geschichte nicht wahr wäre, hätte sie für eine Satiresendung mühsam erfunden werden müssen. Nach dem Stratosphärensprung von Felix Baumgartner vom 14. Oktober planten Viktor Giacobbo und Mike Müller für die Sendung vom 21. Oktober eine Veräppelung der Aktion anhand eines Rekordversuchs mit einem ZVV-Automaten.

Um auf dem – meistens menschenleeren – Platz vor dem Hallenstadion filmen zu dürfen, stellten sie bei der Stadtpolizei den Antrag für eine Drehbewilligung. Das Schweizer Fernsehen füllte ein sechsseitiges Vertragswerk aus, in dem unter anderem Angaben zur geplanten Anzahl von WC-Häuschen und zu den Tribünengrössen verlangt wurden. Als Frist zur Erteilung der Bewilligung nannte die Polizei vier Wochen.

Ein Fall für den Stadtrichter

Giacobbo und seine Crew filmten daraufhin ohne Bewilligung, wie Tattergreis Jakob Liniger – eine von Giacobbos Figuren – mit Bauchkamera aus zehn Meter Distanz torkelnd einen blauen Billettautomaten ansteuerte und es in 15,96 Sekunden schaffte, ein Tramticket zu lösen. Giacobbo entschuldigte sich in der Sendung vom 21. Oktober öffentlich dafür, dass man illegal gedreht habe. Eine Anfrage an Rekordspringer Felix Baumgartner, in vier Wochen nochmals zu springen, sei abgelehnt worden, witzelte er weiter, weil Sponsor Red Bull «absolut unflexibel» sei.

In der neusten Sendung vom letzten Sonntag zeigten Giacobbo und Müller prompt einen amtlichen «Verzeigungsvorhalt», den sie vom Kommissariat Gewerbedelikte West erhalten hatten. Grund für das Verfahren: Benützen des öffentlichen Grundes ohne Bewilligung. Die beiden müssen nun innerhalb von zehn Tagen Stellung nehmen, dann geht der Fall ans Stadtrichteramt.

Der «Platz»-Patzer

Beim Verfassen des Dokuments innert dreier Wochen musste die Stadtpolizei jedoch ihrem eigenen horrenden Tempo Tribut zollen. Adressiert war die Amtsschrift an «Giaccobo-Müller». Und der illegale Dreh soll sich laut Stapo am «ZSC-Lions Patz» zugetragen haben. Für die beiden Satiriker ein gefundenes Fressen. Da war erstens Giacobbo falsch geschrieben (mit zwei c statt mit zwei b). Zweitens verbinden sich die beiden in ihrer Satiresendung mit Schrägstrich und nicht mit einem Bindestrich wie verheiratete Paare. Dazu kommt der Patzer mit dem ZSC-Lions-Platz.

Giacobbo/Müller liefen am Sonntagabend im Kaufleuten zu Hochform auf – und die Stadtpolizei machte eine zunehmend schlechtere Falle. «Liebe Polizei, ich kenne niemanden, der sich so schreibt», sagte Giacobbo maliziös. Den «ZSC-Lions Patz» habe er bei Google und auf allen Stadtplänen gesucht – «aber einfach nicht gefunden». Und Mike Müller sagte im Stile des gestrengen Schullehrers: «Wir geben euch nun fünf Tage Zeit, das nochmals sauber abzutippen. Mit solchen formaljuristischen Böcken kommt ihr in Strassburg nicht durch.»

Fernsehen vermixt ZSC mit SCZ

Marco Cortesi, Medienchef der Stadtpolizei, hat sich am Sonntagabend während der Sendung «köstlich amüsiert», wie er sagt. Beim bürokratischen Irrlauf mit der Drehbewilligung habe sich das Schweizer Fernsehen aber mindestens ebenso ungeschickt angestellt. Das Fernsehen lud nämlich bei der Stadtpolizei fälschlicherweise das sechsseitige Formular für die Bewilligung einer Veranstaltung herunter – das sind Kaliber im Stile eines Züri-Fäscht oder des Sechseläutens. Das einfache Formular für Dreharbeiten hätte genügt. Zudem wollte das Fernsehen angeblich auf dem «SCZ-Lions Platz» filmen.

«Nachdem sich Giacobbo vor drei Wochen mit dem illegalen Dreh öffentlich gebrüstet hatte, mussten wir handeln», sagt Cortesi. «Wir müssen alle gleichbehandeln, auch das Schweizer Farbfernsehen.» Die Schreibfehler im amtlichen Verzeigungsvorhalt nimmt Cortesi auf die Kappe der Polizei. «Wir haben nun in unserem Korrekturprogramm den Namen Giacobbo gespeichert.» Die Anzeigeschrift hat Cortesi gestern nochmals fehlerfrei abgetippt – «und mit der Brieftaube an Giacobbo-Querstrich-Müller geschickt». (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.11.2012, 07:46 Uhr)

Drei Fehler in der Verzeigung durch die Stadtpolizei.

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