Grauenvoll schöne Unfallfotos
Von Benno Gasser. Aktualisiert am 03.11.2009 4 Kommentare
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31. Januar 1920, In Gassen 10: Mitten im Herzen von Zürich stürzte eine ganze Hausseite in sich zusammen. (Bild: Stadtarchiv Zürich)
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33 Strassentote im Jahr 1930
In den 30er-Jahren ereigneten sich in Zürich im Vergleich zu heute viel mehr Unfälle auf Strassen. Gemessen an der Zahl zugelassener Autos und Motorräder, krachte es rund 20-mal mehr. Obwohl fast 24-mal weniger Autos zugelassen waren als heute, starben dreimal so viele Menschen. Auch die Zahl der Schwerverletzten war trotz des geringen Verkehrsaufkommens rund 2,5-mal höher.
1930 verzeichnete die Statistik 3076 Unfälle bei nur 7714 PWs und Motorrädern. In die Unfälle waren 1855 Personenwagen, 431 Motorräder, 543 Fussgänger und 934 Velofahrer verwickelt. 33 Tote und 525 Schwerverletzte waren zu beklagen.
Ein ganz anderes Bild zeigt sich 2008. Im vergangenen Jahr rollten 151'072 Fahrzeuge (PWs und Motorräder) über die Strassen, 3885 Unfälle ereigneten sich. 4216 Motorräder, 225 Fussgänger und 286 Velofahrer waren beteiligt. 11 Personen starben, 211 verletzten sich schwer. (bg)
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In den 30er- und 40er-Jahren muss auf Zürichs Strassen das Faustrecht geherrscht haben. Diesen Eindruck vermitteln die Unfallfotos aus jener Zeit, die seit heute auf der Website des Stadtarchivs verfügbar sind. Auf den Bildern sind Dutzende zusammengestauchter Autos, total zerstörter Trams und umgekippter Lastwagen zu sehen. Die Fotos stammen aus den Beständen der damaligen Abteilung Erkennungsdienst der Stadtpolizei Zürich, dem heutigen Unfalltechnischen Dienst. Die Sammlung aus den Jahren 1920 bis 1980 umfasst neben den Fotos auch Unfallrapporte, Lehrmittel und Einsatzpläne.
Bis vor zwei Jahren lagerten die 129 Fotoalben und 50 Schachteln mit Diapositiven und Glasplattennegativen im Dachgeschoss eines Amtshauses. Heute liegt der historisch wertvolle Schatz – ganz seiner Bedeutung entsprechend – tief im Untergrund des Amtshaus Werd hinter dicken Panzertüren, die früher das Gold der UBS schützten. Aus den insgesamt etwa 25 000 Bildern hat Archivar Nicola Behrens rund 700 ausgewählt und auf der Stadtarchiv-Website öffentlich zugänglich gemacht. Bisher konnte Behrens die Bilder bis zum Jahr 1947 sichten, nicht wenige liessen den Archivar dabei erschaudern. «Fotos, auf denen zerstümmelte Tote oder Kinderleichen zu sehen waren, gingen mir nahe.» Solche Bilder bleiben aus Pietätsgründen und – obwohl die Ereignisse Jahrzehnte zurückliegen – wegen des Persönlichkeitsschutzes unter Verschluss. Einblick darf nur nehmen, wer besondere Gründe geltend machen kann.
Der Milchmann mit Fuhrwerk
Aus den Schwarzweissbildern – seinerzeit als Beweismittel den Polizeirapporten beigelegt – sind längst zeithistorische Dokumente geworden. Speziell an den Aufnahmen ist, dass sie authentische Alltagssituationen zeigen mit Strassen, Plätzen und Häusern, die auf historischen Postkarten kaum zu sehen sind. Dazu zählt etwa der Milchmann mit Pferd und Fuhrwerk an der Frohburgstrasse im Kreis 6 auf einer Aufnahme aus dem Jahr 1927. Es dürfte wahrscheinlich eines der wenigen Bilder sein mit einem Gespann der Vereinigten Zürcher Molkereien.
Ebenso faszinierend wie die Hauptdarsteller – die demolierten Wagen und Trams – sind die Details auf den Bildern, die vor dem Auge des Betrachters Geschichten auftauchen lassen. Auf einem Unfallbild vom 13. April 1926 hat offensichtlich ein Cabrio-Fahrer vor der Augenklinik seinen Wagen geradewegs in einen Baum gelenkt. Hat sich der Fahrer von der Litfass-Säule ablenken lassen, die das Fussball-Länderspiel Schweiz-Italien auf dem Letzigrund ankündet und neben dem Wrack steht? Für sich selbst spricht ein Unfallbild vom 21. Juni 1946 auf dem Röschibachplatz in Wipkingen – Lastwagen gegen Tram. Über dem Platz spannt sich ein Banner mit der Aufschrift «Er liebt die Stadt, ist ihr gewogen – der Zürcher ist verkehrserzogen». Diese frühe Präventionskampagne der Stadtpolizei war mehr Wunschdenken als Realität, wie die hohen Unfallzahlen belegen.
Mühe rechtzeitig zu bremsen
Die Tramchauffeure hatten vor Jahrzehnten offenbar grosse Mühe mit der damaligen Technik, um rechtzeitig bremsen zu können. Eindrücklich zeigt dies etwa eine Kollision auf der Kreuzung Birmensdorfer-/Weststrasse. Das Tram fuhr in das Ende eines mit rund 40 Meter langen Holzstämmen beladenen Lastzugs. Auch ein fataler Tramunfall im Universitätsquartier an der Gloriastrasse am 10. September 1930 zeigt die Grenzen der früheren Bremstechnik auf. Vier Wagen verkeilten sich nahe des Physikgebäudes ineinander. Auf der Stützmauer sind Dutzende von Schaulustigen zu sehen. Gaffen war damals nicht verpönt, wie die grossen Menschentrauben auf zahlreichen Unfallbildern belegen. Beim Unfall an der Gloriastrasse starben 2 Menschen, und 14 verletzten sich schwer. Bereits zehn Monate zuvor war dort ein Tramzug beinahe ungebremst in die Mauer gerast.
Herausragend ist auch das Bild eines «Kleintaxis» aus dem Jahr 1928, das die die damaligen Standesunterschiede veranschaulicht: Der Fahrer sitzt unter freiem Himmel, während dahinter die Kundschaft in der Gästekabine Platz nahm.
Archivar Behrens lobt die hohe Qualität der Bilder: «Es hat in der Zwischenkriegszeit bei der Stadtpolizei offensichtlich Mitarbeiter gegeben, die eine hohe künstlerische Begabung gehabt haben.» Deren Qualität sei durchaus vergleichbar mit den Bildern des Nidwaldner Polizeifotografen Arnold Odermatt. Ob die Zürcher Unfallbilder wie jene Odermatts ebenfalls einmal in Buchform erscheinen werden, ist ungewiss.
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Erstellt: 03.11.2009, 04:00 Uhr
4 KOMMENTARE
Nur schade, werden die Bilder nicht öffentlich in einer Ausstelung dem interessierten Publikum zugänglich gemacht. Aber vielleicht hilft die Politik noch nach ..
Der Nidwaldner Polizeifotograf Arnold Odermatt publizierte bereits vor Jahren derart eindrückliche Bilder. Und dank der smarten Vermarktung durch seinen Sohn Urs Odermatt (der mit seinen Filmen etwas weniger erfolgreich war als der Vater hinter der Fotokamera) schaffte er es sogar in renommierte New Yorker Galerien und Museen.
In den Nachkriegsjahren war es ganz normal, dass die Fotos von tödlichen Unfällen jeweils vor den Polizeiposten öffentlich ausgehängt waren. Das ist keine schlechte Idee, denn ich selbst bin nach dem Betrachten der schaurigen Bilder viel vorsichtiger zur Schule gegangen und habe mich immer vergewissert, ob die Strasse frei war. Vielleicht würde diese Abschreckung auch heutzutage Wunder wirken.
Eines haben die Bilder mit denen von aktuellen Unfaellen gemeinsam. Man fragt sich automatisch: Wie konnte das denn passieren?
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