Greenpeace darf auf Zürichs Strassen keine Mitglieder anwerben
Von Stefan Häne. Aktualisiert am 23.12.2009 9 Kommentare
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Angst vor Negativschlagzeilen
Was Greenpeace vermeiden möchte, ist beim – ebenfalls global tätigen – Kinderhilfswerk Unicef Tatsache geworden: Negativschlagzeilen. Unicef Schweiz erfülle die Kriterien für das Zewo-Gütesiegel (Bild) nicht. Diese Nachricht hat im Februar 2008 für Wirbel gesorgt. Nach der Affäre um Geldverschwendung bei Unicef Deutschland gab es auch in der Schweiz Einwände gegen das Kinderhilfswerk; unter anderem zur Rechnungsführung, die nicht den geforderten Standards entspreche, und zum Verwaltungsaufwand, den die Zewo-Prüfer für zu hoch taxierten. Unicef Schweiz wies die Vorwürfe zurück. Unicef sei eine Uno-Organisation und werde von der Uno sowie durch ihren Verwaltungsrat kontrolliert. Unicef Schweiz hat das Label bis heute nicht erworben. Zewo-zertifiziert sind in der Schweiz rund 500 gemeinnützige Organisationen, viele davon sind im Kanton Zürich angesiedelt, etwa die Caritas Zürich, die Krebsliga Zürich, die Pestalozzi-Stiftung oder der Verein für Sozialpsychiatrie Zürcher Unterland. (sth)
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Weihnachtszeit ist Spendenzeit. Auf Zürichs Strassen buhlen Hilfswerke und Umweltorganisationen um neue Mitglieder. Nicht dabei ist Greenpeace – allerdings unfreiwillig. Der 1971 gegründeten internationalen Nonprofit-Organisation ist es in Zürich, wo sie ihren Schweizer Hauptsitz hat, verboten, Mitglieder anzuwerben.
Betteltour erlaubt
Greenpeace fehlt eine Voraussetzung, die es nach Ansicht der Stadt Zürich für solche Aktionen braucht: das Gütesiegel der Zewo, der Schweizerischen Zertifizierungsstelle für gemeinnützige, Spenden sammelnde Organisationen. Zwar könnte Greenpeace mit «Kässeli» oder Einzahlungsscheinen auf Betteltour gehen; nicht erlaubt ist ihr jedoch, die Leute für eine Mitgliedschaft per Lastschriftverfahren (LSV) zu gewinnen – das heute gängige Vorgehen. «Wir haben ein Problem, da nach unserer Erfahrung das Sammeln mit LSV das einzige effiziente Mittel ist», sagt Markus Allemann, Ko-Geschäftsleiter von Greenpeace Schweiz.
Für die Bewilligungen verantwortlich zeichnet die Stadtpolizei Zürich. «Wir müssen möglichst hohe Gewähr bieten, dass die Spenden an den richtigen Ort fliessen und nicht zweckentfremdet werden», sagt Polizeisprecher René Ruf. Dies sei die Stadtverwaltung ihren Bürgerinnen und Bürgern schuldig. Zürich habe «im Laufe der Jahre» gute Erfahrungen mit dem Zewo-Gütesiegel gemacht.
Fast alle Städte machens anders
Unklar bleibt, seit wann diese Regel besteht, wer sie erlassen hat und ob sie über den Tisch von Polizeivorsteherin Esther Maurer (SP) oder eines ihrer Vorgänger gegangen ist. Ruf kann dazu keine näheren Angaben machen. Die Stadt Zürich stützt sich bei ihrem Vorgehen auf eine Verordnung, die der Stadtrat vor 32 Jahren erlassen hat: Diese «Vorschriften über das Sammeln von Geld und Naturalgaben» besagen, dass die Stadt «Sammlungen zu gemeinnützigen Zwecken» bewilligt. Ein Gütesiegel als Voraussetzung schreibt die Verordnung jedoch nicht explizit vor.
Die Zürcher Praxis hat in der Schweiz Seltenheitswert: Nebst Zürich wird sie nur in St. Gallen und Winterthur gepflegt. Für Greenpeace hat dies Konsequenzen: «Wir verlieren einen der grössten Märkte», sagt Ko-Geschäftsleiter Allemann. Pro Jahr, schätzt er, gingen der Umweltorganisation so 1000 Neumitglieder durch die Lappen. Zum Vergleich: Ende 2008 zählte Greenpeace rund 167'000 Spenderinnen und Spender, das sind 4000 mehr als ein Jahr zuvor. Auch finanziell müsse Greenpeace Einbussen hinnehmen: Rund 150'000 Franken jährlich, dies bei Gesamteinnahmen von 23 Millionen Franken in der Schweiz.
Vorgehen gesetzlich zulässig?
Greenpeace hofft darauf, dass die Stadt Zürich von ihrer Praxis abrücken wird. Laut Polizeisprecher Ruf bestehen aber keine Pläne, diese Hürde abzubauen. Umgekehrt kommt es für Greenpeace laut Allemann nicht infrage, sich zertifizieren zu lassen. Die Organisation befürchtet unter anderem bürokratischen Mehraufwand, zudem graut es ihr vor Negativschlagzeilen, falls sie bei einer Bewerbung das Zertifikat nicht erhalten sollte, so geschehen bei Unicef (siehe Kasten links).
Denkbar wäre es, wie Allemann sagt: Greenpeace sei eine globale Kampagnenorganisation, passe also nicht in die Strukturen der Zewo, da ihre Umweltarbeit im eigenen Verständnis «immer auch ein politischer Akt» sei. So hinge es von der «wohlwollenden Bewertung der Zewo-Prüfer» ab, ob eine Kampagne dem Umweltschutz zugerechnet oder als politische Kampagne eingestuft werde, sagt Allemann. Letzteres wäre nicht Zewo-konform.
Die Umweltorganisation wird nun möglicherweise das Gespräch mit der zuständigen Stadträtin Maurer suchen. Das Vorgehen der Stadt bezeichnet Allemann zwar als «nachvollziehbar». Das Zewo-Gütesiegel könne als verlässlicher Wegweiser im Spendendschungel durchaus taugen. «Fraglich ist aber, ob es gesetzlich zulässig ist, wenn sich die öffentliche Hand darauf bezieht und Einschränkungen oder Verbote darauf abstützt.» Allemann verweist auf das Holzlabel Forest Stewardship Council (FSC). Die Schweiz etwa beschränke den Markt auch nicht, indem sie nur noch FSC-Holz zulasse. Ein Gerichtsverfahren möchte Greenpeace nicht anstrengen – aus Kostengründen.
Standplätze auf privatem Boden
Als Alternative bleibt Greenpeace die Möglichkeit, auf dem Boden von Privaten Mitglieder anzuwerben. Erste Standplätze hat die Umweltorganisation gefunden. Wo, verrät sie nicht. Dem Vernehmen nach stellt die Post ihre Areale zur Verfügung. Bestätigen will das niemand.
Das Wehklagen von Greenpeace wollen andere Umweltverbände nicht kommentieren. Der WWF Schweiz, im Gegensatz zu Greenpeace Zewo-zertifiziert, gibt sich zurückhaltend. Er taxiert es als verständlich, dass Zürich ein Zewo-Label verlangt. WWF-Sprecher Fredi Lüthin sagt jedoch: «Ob es sinnvoll ist, diese Praxis zu lockern, liegt im Ermessen der Stadt.»
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.12.2009, 04:00 Uhr
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9 Kommentare
Sieht ganz nach 'unserer Stadt' aus - Zürich zensiert die Anliegen der Bürger - nicht zum ersten mal. Tipp: Zieht in die Umgebung (mit S-Bahn/Nachtnetz) und zahlt die Hälfte weniger Miete - bis Zürich es gelernt hat! Die Arroganz dieser Stadt ist stossend! Antworten
@Matthias: Ich finde die Aktivitäten von Greenpeace sehr kreativ und manchmal notwendig. Ich weiss aber von einem ehemaligen Greenpeace-Mitarbeiter wie "unten" das Personal "geschunden" wird und oben abgezockt wird! Deshalb wird Greenpeace niemals eine Transparenz über ihre Gelder geben. Antworten



