Handystrahlung kommt in Zürich jetzt aus den Dolen

Der Stadtrat hat der Swisscom 27 Funkantennen bewilligt, die bestens versteckt sind.

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Früher, da stank es erbärmlich aus den Kanalisationen. Heute, da strahlt es. Die Swisscom hat eine neuartige Antenne entwickelt, die an stark begangenen ­Orten im Teerbelag von Trottoirs oder in Pflastersteinplätzen eingebaut wird. In Zürich sind bereits 5 verbaut und 22 weitere bewilligt. Die Antennen sind so gross wie eine Familienpizza und sehen wie ein normaler Schachtdeckel aus. Die Antennen können nur entdeckt werden, wenn man mit der Hand draufklopft. Erstens sind die Deckel spürbar warm. Und zweitens sind sie aus Harz- und Glasfaserkomposit gefertigt. Ein Gussdeckel würde die Abstrahlung verhindern.

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Während auf normalen Schacht­deckeln, die zu Zehntausenden in der Stadt verbaut sind, Wasser, Kanalisation oder Strom steht, hat der Antennen­deckel, der auf dem Trottoir direkt vor dem C&A an der Uraniastrasse eingepflastert wurde, die Bezeichnung «D400EN124». Kein Fussgänger käme auf die Idee, dass da eine getarnte Funkantenne mit sechs Watt strahlt.

Swisscom-Eigenentwicklung

Die Swisscom ist stolz auf ihre Eigen­entwicklung. Praktisch sind die Kabelschacht- oder Manholeantennen, wie sie in der Fachsprache heissen, zweifellos. Sie können genau dort eingebaut werden, wo besonders viele Leute telefo­nieren: auf Trottoirs, an Tramhalte­stellen, vor grossen Länden und in engen Strassenschluchten, in welche die Strahlung der Dachantennen kaum vordringen kann. Die Antennen können zudem in den unterirdischen Kabelschächten sehr einfach angeschlossen werden, weil Strom und Glasfaserkabel bereits vorhanden sind. Was es braucht, ist bloss ein tortenplattengrosses Loch im Belag.

Vor allem aber: Während gegen leistungsstarke Antennen auf Dächern und Sendemasten ganze Quartiere Amok laufen, sind gegen die maximal sechs Watt strahlenden Schachtantennen keine Einsprachen möglich. Gemeinden können diese Kleinantennen – wie in Bern – in Rahmenkonzessionen bewilligen. In Bern werden oder sind bereits 100 Schachtantennen verbaut.

In Zürich müssen die Bodenantennen vom Stadtrat bewilligt werden. Gemäss Medienstelle von Tiefbauamtvorsteher Filippo Leutenegger (FDP) wurden in Zürich im letzten Jahr 5 und dieses Jahr bereits 22 Schachtantennen genehmigt: Uraniastrasse 6, Werdmühleplatz, Central 1, Escher-Wyss-Platz sowie in Oerlikon am Ende der Schwamendingerstrasse hinter dem Bahnhof. Die Swisscom plant, finanziert und baut ihre Antennen selbst; sie muss Bewilligungsgebühren für Antenne und Schacht sowie eine Verwaltungs- und Schreib­gebühr bezahlen, aber keine Miete.

Wie beim Thema «Handystrahlung» üblich, ist der Streit unter den Fachleuten bereits entbrannt.

Ihre Schachtantennen hat die Swisscom praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit getestet und eingeführt. Letzte Woche informierte die SRF-Sendung «Schweiz aktuell» erstmals eine breite Öffentlichkeit. Und prompt beginnen sich nun strahlensensible Kreise zu wehren. Die grüne Fraktion des Stadtzürcher Gemeinderats will heute Mittwochabend den Stadtrat mit einer Anfrage löchern. Markus Kunz fragt nach Bewilligungspraxis, Strahlenbelastung, Nachweis der Ungefährlichkeit und einer auffälligen Markierung der Deckel. «Solche Antennen betreffen vor allem Kleinkinder in Kinderwagen, aber auch Menschen mit Herzschrittmachern», schreibt Kunz.

Nach Ansicht der strahlenkritischen Kreise ist politisch vor allem bei der Markierung viel zu holen. In Bern hat die Stadtregierung bereits eingelenkt. Filippo Leuteneggers Amtskollegin Ursula Wyss (SP) ist bereit, die im öffentlichen Raum platzierten Schachtantennen «auf geeignete Weise zu markieren». Sie bittet nun um Vorschläge.

In Zürich dagegen argumentiert Leuteneggers Sprecher Pio Sulzer, dass die strahlenden Schachtdeckel «wegen der geringen Strahlung» nicht markiert werden müssten. Weiter argumentiert das Departement Leutenegger mit dem Stadtbild: «Auf international bedeutsamen Strassen und Plätzen . . . müssen die Schachtdeckel die gleiche Materialisierung wie das umliegende Material haben.» Was also für eine möglichst gute Tarnung der Deckel spricht.

Die Argumente der Antennengegner für eine Markierung mit dem knallgelben Strahlendreieck tönen dramatisch. Der pensionierte Elektroingenieur Hans-Ulrich Jakob, Präsident des Vereins Gigaherz und Kämpfer gegen elektromagnetische Strahlung, befürchtet gar, dass die Schachtantennen bei Babys zu «plötzlichem Kindstod» führen könnten. Dann nämlich, wenn eine Mutter ihren Kinderwagen auf einer getarnten Antenne abstellt, weil sie aufs Tram wartet oder mit einer Kollegin schwatzt. Kritisch könnte es auch werden, so Strahlenfachmann Jakob, wenn ein Patient mit einem Herzschrittmacher auf der Bahre genau über der Antenne abgelegt und versorgt wird. Deshalb müssen nach Ansicht des Vereins Gigaherz auch Sanität und Feuerwehr über die Position der Antennen informiert werden. Über Bodenantennen müsse zudem «ein absolutes Fahr- und Halteverbot für Kinderwagen» gelten.

Studie in Auftrag gegeben

Die weiteren 22 Schachtantennen für Zürich können in der städtischen Digitalkarte (www.maps.stadt-zuerich.ch) herausgesucht werden, indem bei Objekten «Mobilfunkantenne LTE» eingegeben wird. So sind weitere Bodenantennen mit einer Leistung von einem bis sechs Watt am Stauffacher zwischen Tram und Pasta-Station, an der Bahnhofstrasse zwischen St. Annahof und Tramhaltestelle, am Rand der Pestalozziwiese, am Bellevue und rund um den HB geplant.

Wie beim Thema «Handystrahlung» üblich, ist der Streit unter den Fachleuten bereits entbrannt. Gemäss Swisscom-Medienstelle entspricht eine Schachtantenne «der Sendeleistung von drei Handys». Laut Gigaherz-Präsident Jakob stimmt diese Behauptung «nur sehr begrenzt bis gar nicht». Wenn die Antenne unter einem stark frequentierten Trottoir zehn Handys bediene, dann strahle sie auch wie zehn Handys. Der Verein hat selbst Messungen angestellt und herausgefunden, dass eine Schachtantenne 30 Zentimeter über Boden mit 30 Volt pro Meter strahlt. Die Grenzwerte würden damit höchstens für erwachsene Menschen bei Kurzaufenthalten erfüllt (50 Volt pro Meter), niemals aber für Mütter mit Babys, die über einer Antenne aufs Tram warten.

Handy am Ohr strahlt genauso stark

Die Swisscom argumentiert, dass sich die von Handys heruntergeladenen Daten jedes Jahr verdoppeln. Sie hat bei der IT’IS Foundation, eine der ETH angeschlossene Non-Profit-Fachorganisation, eine Studie in Auftrag gegeben. Projektleiter Sven Kühn erklärt auf Anfrage, wie man mit anatomischen Kinder- und Erwachsenenmodellen die Strahlung direkt auf einer Antenne gemessen habe. Resultat nach Interpretation des Bundesamts für Umwelt: Die Messungen würden «überzeugend bestätigen», dass die Grenzwerte eingehalten werden. Sven Kühn macht einen anderen Vergleich: «Ein Handy mit Maximalleistung strahlt etwa genauso viel in den Körper, wie wenn man auf der Schachtantenne sitzt, und diese auch bei Maximalleistung betrieben wird.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2017, 21:35 Uhr

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