«Hi, I’m Michael»

Michael Hengartner ist preisgekrönter Biologe, Kanadaschweizer, sechsfacher Vater, «Lord of the Rings»-Fan – und seit gestern neu gewählter Rektor der Universität Zürich ab 2014.

«Als Forscher müssen Sie das ‹feu sacré› haben»: Michael Hengartner, neu gewählter Rektor der Universität Zürich.

«Als Forscher müssen Sie das ‹feu sacré› haben»: Michael Hengartner, neu gewählter Rektor der Universität Zürich. Bild: Sabina Bobst

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Schnell sei er, sagen jene, die ihn kennen. Energisch. «Ein brillanter Forscher», sagt ETH-Mikrobiologe Markus Aebi. «Als Dozent kann er die Studenten begeistern. Ich habe einmal heimlich seine Vorlesung besucht, um von ihm zu lernen», sagt sein früherer Vorgesetzter, der Biologe Walter Schaffner. «Er steuert sofort auf den Kern eines Problems zu», sagt Reinhard Fatke, ehemaliger Dekan der Philosophischen Fakultät. Und Deni Subasic, der als Doktorand im «Hengartner Lab» arbeitet, sagt: «Wenn er eine Gruppe Doktoranden begrüsst, stellt er sich nicht als ‹Professor Hengartner› vor. Er sagt nur: ‹Hi, I’m Michael.›»

Wer mit dem designierten Rektor der Uni Zürich ein Treffen vereinbart, wird in einen engen Raum gebeten, ein Anhängsel des Büros 55-L-22 auf dem Campus Irchel. Der Gast findet dort keine LeCorbusier-Sessel vor, man setzt sich auf eine abgewetzte Brockenhaus-Ledercouch. Michael Otmar Hengartner nimmt gegenüber Platz. Er trägt Seitenscheitel und Schnauz, sein Hemd ist weit geschnitten, die Krawatte kurz gebunden.

«Das wollen Sie mit der Welt teilen»

«Ich hatte im Leben mehrmals total Glück», erzählt er. «Ich war zur richtigen Zeit im richtigen Labor. Einmal, es war zehn Uhr abends, realisierte ich: ‹Hoppla, das ist jetzt signifikant.› Und ich war der erste Mensch auf der Welt, der das gewusst hat. Das ist einfach cool! Das wollen Sie mit der Welt teilen! Aber es war niemand mehr im Haus, ausser der Mann, der die Korridore wischt. Also habe ich ihn ins Labor gezerrt und ihm meine Daten gezeigt – ‹da, schau mal!› Der Mann hat nur den Kopf geschüttelt – ‹was ist denn mit dir los?›»

Die Geschichte ist typisch, so beschreiben ihn auch andere – Hengartner, begeistert, fast besessen von seiner Arbeit. Forschungsgebiet des 47-jährigen Molekularbiologen ist ein winziger Wurm namens Caenorhabditis elegans, 1 Millimeter lang, so dick wie ein Kopfhaar, aus 959 Zellen bestehend. Er wächst schnell und ist durchsichtig – ideal, um ihn unter dem Mikroskop zu studieren. Denn auf Zellebene gilt oft: Wie der Wurm, so der Mensch.

Die Selbstmordzellen

Die Karriere des gebürtigen St. Gallers startet mit einem Irrtum. Als Sohn eines Mathematikprofessors in Québec aufgewachsen und ausgebildet, will er beim Nobelpreisträger David Baltimore am Massachusetts Institute of Technology seine Doktorarbeit schreiben. Ein Freund schleppt ihn dort aber zum Wurmexperten Robert Horvitz. Dieser glaubt, Hengartner wolle für ihn arbeiten, und schwärmt ihm eine Stunde lang von C. elegans vor. Hengartner widern die Würmer an, aber er schweigt. Und so erfährt er in den letzten Minuten des Treffens von den Selbstmordzellen: Bei jedem C.-elegans-Exemplar sterben exakt 131 Zellen zu einem exakt bestimmten Zeitpunkt ab.

Damit hat Horvitz den jungen Hengartner am Haken – wozu diese sinnlose Verschwendung? Hengartner ändert seine Pläne und will bei Horvitz doktorieren, obwohl Freunde ihm sagen, dass er gerade seine Karriere beerdigt.

Gegen das Moduldenken

Die Sprüche hören schnell auf. Denn Horvitz, Hengartner und Co. finden im Wurm jene Gene, die das Selbstzerstörungsprogramm in den Zellen auslösen. Sie stellen fest: Ähnliche Gene gibt es auch beim Menschen. C. elegans wird zum Modellorganismus, ähnlich wie die Hausmaus. Robert Horvitz erhält 2002 den Medizin-Nobelpreis, in seiner Rede dankt er auch Michael Hengartner. Der arbeitet inzwischen in Zürich, die Uni hat ihn aus einem Labor in New York abgeworben. «Ich bin in meine Heimat ausgewandert», sagt er.

Bei den Studierenden ist der neue Rektor beliebt, 2010 wählten sie Hengartners Genetikvorlesung für den hochschulweiten «Award for Best Teaching» aus. Was den Geehrten nicht daran hindert, den Nachwuchs zu kritisieren: «Manche Studis fragen sich nur noch: Wie komme ich am leichtesten an die Credits?» Und dann sagt er noch etwas, was Studierende nicht freuen wird: «Wir müssen etwas gegen das Moduldenken tun. Bei Prüfungen sollten wir nicht nur das Wissen aus dem aktuellen Modul kontrollieren, sondern auch alles, was davor kam. Es baut ja aufeinander auf.»

Drittmittel beschaffen statt Studiengebühren erhöhen

Eine Erhöhung der Studiengebühren kommt für ihn aber nicht infrage. «Das sind symbolische Beiträge, im Budget spielen sie mit 3 Prozent keine wichtige Rolle.» Viel wichtiger sei es, dass sich die Uni stärker um Drittmittel bemühe. «Die EU-Gelder wachsen, der Nationalfonds wächst, da müssen wir aktiver sein.»

Bei den Sponsoringdeals wird Hengartner vorsichtig. Den umstrittenen 100-Millionen-Vertrag mit der UBS will er nicht kommentieren. Solche Sponsorings seien willkommen, müssten aber die Reputation der Uni stärken. «Grenzfälle sind deshalb keine gute Idee.» Und: Die Verträge müssten «total transparent» sein. «Wenn von einem Vertrag 90 Prozent offen und 10 Prozent geheim sind, hilft das kein Jota.»

Labor und Liebe

Hengartner selbst ist voll transparent. Im Internet listet er alles auf, von seiner Natelnummer bis zu den Namen seiner Kinder (Alexander, Sophie, Caroline, Isabelle, Nicholas, Michelle). Spitzenforschung und Grossfamilie, geht das? Doktorand Deni Subasic sagt: «Michael arbeitet wahnsinnig viel. Wenn wir abends ein Meeting haben, sieht man manchmal, wie er gegen die Müdigkeit kämpft, wie er sich immer wieder neu konzentriert. Ich habe mich auch schon gefragt, wie er alles unter einen Hut bringt.»

«Work is part of life», sagt Hengartner, eine Trennung zwischen Arbeit und Privatleben gibt es für ihn nicht. Hengartners wohnen in einem Haus direkt am Irchel-Campus. Wenn er sonntags kurz ins Labor muss, nimmt er die Kinder mit, davon zeugen die Filzstiftkritzeleien an den Wänden des Besprechungszimmers. Und wenn die Kinder abends nach dem 10-Minuten-«Lord of the Rings»-Bettmümpfeli im Bett liegen, setzt er sich nochmals an den Laptop.

«Love is part of work», hätte er auch sagen können. Denn im Büro 55-L-22 arbeitet noch jemand: Denise Hengartner, Biologin. Zu 30 Prozent ist sie bei ihrem Ehemann angestellt. «Ich bin der Chef hier, sie ist der Chef zu Hause», sagt er. Seine Frau nickt: «Michael ist sehr engagiert bei den Hausaufgaben. Und er macht den Garten. Für uns stimmts.»

Die Uni sieht solche Beziehungen nicht gern, Interessenkonflikte stehen im Raum. Er habe Denise nicht eingestellt, sagt Hengartner. Sie arbeitete im Nachbarbüro, als sie sich verliebten, erst danach wechselte sie in seine Gruppe. Die Sache klärt sich nun von selbst: «Als Rektor werde ich all over the place sein und mehr als die Hälfte der Zeit mit talking to people verbringen», sagt er in seinem Deutsch-Englisch-Mix. Für seine 15-köpfige Forschungsgruppe wird die Zeit nicht reichen, er wird sie nach und nach schliessen – und damit auch das «family office» im Raum 55-L-22.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.06.2013, 07:16 Uhr)

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