Hier soll Zürich langsamer werden

Tempo 30 nicht nur in Quartieren: An 15 stark frequentierten Orten will der Stadtrat das Tempo reduzieren – ein Gerichtsurteil könnte ihm dabei helfen.

An diesen überkommunalen Strassen will die Stadt Zürich auf einzelnen Abschnitten Tempo-30-Zonen einrichten. (Quelle: Stadt Zürich, Dienstabteilung Verkehr)


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Auf der Hälfte des ganzen Strassennetzes in der Stadt Zürich gilt heute Tempo 30. Dies entspricht 390 Kilometern. Und dieser Anteil soll in den nächsten zwei Jahren weiter steigen: Die Stadt plant zahlreiche Temporeduktionen, um wie gefordert die Lärmschutzverordnung des Bundes bis Ende März 2018 zu erfüllen. Ein Urteil des Bundesgerichts könnte diese Bemühungen nun vorantreiben (der TA berichtete). Das höchste Gericht sieht es als vertretbar an, dass auf einer stark befahrenen kantonalen Durchgangsstrasse in der Stadt Zug die zulässige Geschwindigkeit von 50 km/h auf 30 km/h reduziert wird.

Ein wichtiges Urteil für Zürich: Denn der Stadtrat will Tempo 30 nicht nur in Quartieren, sondern auch auf überkommunalen Strassen einführen. Bis heute hat die Stadt 15 entsprechende Zonen auf kantonalen Hauptverkehrs- und regionalen Verbindungsstrassen ausgeschrieben (siehe Karte). Dazu gehören viel befahrene Abschnitte etwa auf der Zweierstrasse, der Langstrasse oder der Nordstrasse. Auch der Goldbrunnenplatz und der Rigiplatz sind markiert. Teilweise handelt es sich um kurze Strecken im Bereich von Quartierzentren.

Gewagte These

Alle neuen Tempo-30-Zonen müssen im Amtsblatt ausgeschrieben werden und können angefochten werden – was die Automobilverbände umgehend getan haben. Erst einzelne Einsprachen gegen die 15 ausgeschriebenen Tempo-30-Zonen sind bereits rechtskräftig abgewiesen worden, wie die Stadt auf Anfrage bekannt gibt. Befürworter von Tempo 30 sehen sich nun durch das Urteil des Bundesgerichts bestätigt. Der grüne Gemeinderat Markus Knauss, Co-Geschäftsführer des VCS Zürich, äusserte etwa die Hoffnung, dass die Rekurse nun zügiger behandelt werden.

Eine interessante Position zur umstrittenen Tempodiskussion vertritt die Schweizerische Vereinigung der Verkehrsingenieure und Verkehrsexperten (SVI)

In einem im vergangenen Jahr publizierten Positionspapier plädiert sie für einen 180-Grad-Richtungswechsel: Nicht die niedrigere, sondern die höhere Geschwindigkeit gelte es zu begründen. Innerorts solle die Höchstgeschwindigkeit 30 km/h gelten, Hauptstrassen und andere begründete Ausnahmen seien separat zu behandeln. Verkehrsplanerin und Mitverfasserin Ulrike Huwer sagt: «In der Praxis würde sich der Stadtverkehr nicht grundlegend ändern. Es ginge vielmehr um einen neuen Konsens in der Frage, welche Geschwindigkeiten akzeptiert sind.» Sie verweist auf ähnliche Diskussionen, die der Herabsetzung der Höchstgeschwindigkeit innerorts von 60 km/h auf 50 km/h in den 1980er-Jahren vorangegangen seien.

Was gilt für Bus und Tram?

Eine weitere bemerkenswerte Aussage aus dem Positionspapier: Höhere zulässige Geschwindigkeiten führen nicht automatisch dazu, dass man schneller am Ziel ankommt. Huwer: «Auf stark befahrenen Strassen wie etwa der Bellerivestrasse oder der Universitätsstrasse können zur Stosszeit ohnehin nicht die erlaubten 50 km/h gefahren werden. Hingegen sollten die Anwohner zu Zeiten, in denen der Verkehr flüssig läuft und die Autos schneller fahren können, vor Lärm geschützt werden.»

Die Stadt Zürich argumentiert neben der Sicherheit mit der Lärmreduktion: Wird die Fahrgeschwindigkeit von 50 km/h auf 30 km/h gesenkt, nimmt der Verkehrslärm um 3 Dezibel ab, die wahrgenommene Verkehrsmenge ist nur noch halb so gross. Auf der anderen Seite befürchten Tempo-30-Gegner Mehrverkehr durch die Quartiere, wenn auf den Hauptstrassen eine tiefere Tempolimite gilt. Eine Gefahr, die laut Huwer schon heute besteht aufgrund des oftmals stockenden Verkehrs in Spitzenzeiten und die es weiterhin zu beobachten gelte. Noch ungeklärte Fragen bei einer flächendeckenden Temporeduktion wären etwa, ob sich der öffentliche Verkehr daran halten müsste – durch die verlängerte Reisezeit könnten Mehrkosten entstehen – oder mit welchen Massnahmen Tempo 30 in der ganzen Stadt praktisch durchzusetzen wäre. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.03.2016, 20:53 Uhr)

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