Hoffen fernab der Heimat

Asylgesuche von Afghanen haben sich 2015 verzehnfacht. Wir haben mit zwei jungen Menschen gesprochen, die als vorläufig aufgenommene Flüchtlinge in Zürich leben.

Ist im Bachser Märt als fleissiger Lehrling bekannt: Der 17-jährige Sabur. (Bild: Dominique Meienberg)

Ist im Bachser Märt als fleissiger Lehrling bekannt: Der 17-jährige Sabur. (Bild: Dominique Meienberg)

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Sabur (17)
Sabur ist auf seiner Flucht aus Afghanistan als 14-Jähriger schnell erwachsen geworden.

«Auf meiner schwierigen Reise bin ich immer wieder Menschen begegnet, die an mich glaubten und sagten: Sabur, du bist stark, du schaffst es. Und sie hatten recht. Seit zwei Jahren bin ich in der Schweiz, ich bin vorläufig aufgenommen, F-Status, seit letztem Sommer mache ich beim Bachser Märt eine Lehre als Assistent im Detailhandel. Meine Noten sind gut. Ich lerne viel über die Kultur und das Leben. Später möchte ich studieren.

Über die Reise in die Schweiz zu sprechen, tut weh. Wir wohnten in einem kleinen Dorf. Fliehen musste ich wegen der Taliban. Meinen Vater haben sie auf offener Strasse erschossen. Ich hätte ihnen Wasser bringen müssen. Meine Mutter sagte Nein. Das zweite Mal forderten sie mich auf, entweder Wasser zu bringen oder das Dorf zu verlassen. Beim Abschied gab mir meine Mutter eine Telefonnummer, die ich nie verlieren dürfe. Ich freute mich auf die Reise, weil ich dachte, es ginge nach Kabul. Meine Mutter aber weinte.

Die Flucht begann mit einem Mann, der mich zu einer zehnköpfigen Gruppe führte. Mit 14 war ich der Jüngste. Nach zehn Stunden Fussmarsch hatte ich geschwollene Füsse und war nur noch todmüde. Am nächsten Tag erwachte ich mit Angst in einem abgedunkelten Zimmer und suchte meine Mutter. Stattdessen nahm mich eine fremde Frau in die Arme. Ich erfuhr, dass ich nicht in Kabul, sondern bereits im Iran war und nach Europa weiterreisen würde. Auf dieser Reise werde alles noch viel schlimmer werden, prophezeite sie mir. Auch sie sollte recht bekommen.

Einige Tage später ging es in einer neuen Gruppe im Auto und zu Fuss nach Teheran. Vor der Grenze zur Türkei begann der schlimmste Abschnitt. Wiederum stiess ein Mann zu uns. Auf diesem Fussmarsch von 18 Stunden hatte ich viel zu wenig Wasser bei mir. Niemand wollte mir Wasser geben. Ich war halb verdurstet und am Ende meiner Kräfte. Da sagte einer der Männer: Siehst du, da vorne ist Istanbul. In Istanbul lebte ich mit 15 anderen Menschen in einem Zimmer, wir bekamen täglich nur zweimal zu essen. Dann ging es nach Griechenland weiter. Mitten in der Nacht holten uns Männer ab. Wir fuhren ans Meer. Im Gummiboot waren schon viele Menschen. Alle hatten Angst. Einer der Männer fragte, wer Englisch spreche. Derjenige, der sich meldete, musste das Boot steuern. Ohne Kenntnisse.

Auf dem Meer griff uns die Polizei auf und brachte uns in ein Gefängnis nach Istanbul. Die türkischen Beamten waren nett. Zu meiner Mutter hatte ich noch keinen Kontakt. Doch ich spürte, wie ich langsam stärker wurde.

Wieder in Freiheit, versuchte ich zu Fuss und mit einer neuen Gruppe, nach Griechenland zu gelangen. Wir schliefen am Tag und wanderten in der Nacht über die Berge. Es war der Horror. Auf dem Weg gab es viele Schlangen. Zum Glück wurde niemand von uns gebissen. Ich musste stets an der Spitze mitmarschieren, damit sie mich nicht verloren. Doch die Polizei griff uns erneut auf, wir landeten wieder in Istanbul im Gefängnis. Beim vierten Versuch klappte es endlich. In Athen telefonierte ich meiner Mutter. Ich war wütend und warf ihr vor, mit meinem Leben gespielt zu haben. Sie erzählte mir, für meine Reise alles verkauft zu haben. Wohnung, Ziegen und Schafe – alles.

Auf einem Containerschiff erreichten wir Italien. In Mailand bestiegen wir den Zug. Mein Begleiter sagte, er wolle etwas kaufen – und verschwand. Im Zug entdeckten mich Schweizer Beamte. Zuerst kam ich nach Lugano, später ins Zentrum Lilienberg für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge. Dort erhielt ich eine Vertrauensperson, lernte Deutsch, kochen, putzen. Inzwischen bin ich 17. Was mir fehlt, ist meine Mutter. Einmal im Monat telefonieren wir, mehr wäre zu teuer.»

Mit Sabur sprach Denise Marquard



Narges (19)
Narges ist im siebten Monat schwanger. Sie vermisst ihren Mann, der in Bulgarien ist.

«Mein Kind soll Asal heissen, das bedeutet Honig. Ich bin 19 Jahre alt und im siebten Monat schwanger. Wie es wird, wenn das Baby hier ist, kann ich mir noch nicht richtig vorstellen. Ich hoffe, dass mein Mann bis dann in die Schweiz kommen kann, um mir zu helfen. Momentan ist er in Bulgarien. Wickeltisch und Bettchen für das Baby stehen in meinem Zimmer bereit. Die Sachen habe ich für 300 Franken im Brockenhaus gekauft, zum Glück hat mir mein Vater Geld dafür gegeben.

Ich wohne mit meinen Eltern, drei jüngeren Brüdern und meiner Grossmutter in einer 5½-Zimmer-Wohnung in einem Zürcher Vorort. Wie wir in die Schweiz kamen, das ist eine lange Geschichte. Wir sind zu Fuss und mit dem Boot gereist. Seit drei Jahren leben wir hier, wir haben F-Status. In unserem Block leben nur Ausländer. Trotzdem kenne ich einige Schweizerinnen, zum Beispiel aus der Schule. Nach meiner Ankunft besuchte ich ein Jahr lang die Schule, es war das erste Mal in meinem Leben. Später möchte ich eine Lehre als Dentalassistentin machen. Ich möchte nicht von meinen Eltern, die beide für ein Reinigungsunternehmen arbeiten, abhängig sein.

Das Kinderbettchen steht bereit: Die schwangere Narges. (Bild: Dominique Meienberg)

Im Moment geht es mir nicht gut. Die Sache mit meinem Mann belastet mich. Wir telefonieren oder simsen täglich. Aber er ist nach Bulgarien ausgewiesen worden, weil ihm dort auf der Anreise seine Fingerabdrücke genommen wurden. Wenn er mir Bilder seiner dreckigen Unterkunft schickt, kann ich nicht mehr schlafen. Ich mache mir grosse Sorgen um ihn. Meine Frauenärztin sagt, dieser Stress sei schlecht für mein Baby. Seit er weg ist, habe ich stark abgenommen. Ich habe kaum Appetit und muss oft weinen. Deswegen sehe ich einmal in der Woche eine Psychologin.

Mein Mann und ich sind seit sieben Monaten verheiratet. Wir haben uns vor etwa neun Monaten über seine Schwester, auch eine Afghanin, kennen gelernt. Wie ich arbeitete sie in einem Asylzentrum als Übersetzerin. Sie erzählte mir von ihrem Bruder in Afghanistan und gab mir seine Telefonnummer. Wir verliebten uns. Unsere Familien waren damit zuerst nicht zufrieden. Wir sind beide Tadschiken, aber er ist Schiite und ich bin Sunnitin. Ein bisschen wie bei Romeo und Julia. Mein Mann sagte: ‹Das ist mein Leben, ich will darüber entscheiden›, und verliess Afghanistan in Richtung Schweiz.

Wir heirateten in einer religiösen Zeremonie bei uns zu Hause. Das gilt bei uns als verbindliche Eheschliessung. Mir ist klar, dass wir als Ausländer die Gesetze der Schweiz respektieren müssen. Deshalb habe ich bei verschiedenen Behördenstellen darum gebeten, meinen Mann auch auf dem Standesamt heiraten zu dürfen. Ob das überhaupt geht, weiss ich bis heute nicht. Niemand kann mir eine Antwort geben.

Kurz nach der Hochzeit erhielt mein Mann einen negativen Bescheid auf sein Asylgesuch. Er ging zu Freunden nach Österreich. Nach fünf Monaten hielten wir es nicht mehr aus, getrennt zu sein. Er reiste illegal in die Schweiz ein und versteckte sich bei uns zu Hause. Ich war so glücklich! Doch nach nur einer Nacht polterte die Polizei an die Tür und brachte ihn ins Flughafengefängnis. Ich konnte ihn nicht besuchen. Nach wenigen Tagen wurde er nach Bulgarien ausgeschafft. Woher die Polizei Bescheid wusste, weiss ich nicht.

Dass ich so schnell schwanger werde, hätte ich nicht gedacht. Geplant war es nicht. Frauen in Afghanistan werden viel jünger Mutter als in der Schweiz, meine Mutter wurde als 17-Jährige mit mir schwanger. Was ich tue, wenn mein Mann nicht in die Schweiz kommen kann, weiss ich nicht. Nach Afghanistan zurück kann ich nicht. Und nach Bulgarien will ich nicht, ein Leben dort kann ich mir nicht vorstellen – ein Leben ohne meinen Mann aber auch nicht.»

Mit Narges sprach Mirjam Fuchs

(Erstellt: 30.01.2016, 12:07 Uhr)

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