«Ich bin keine Hellseherin»

Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) wehrt sich gegen den Vorwurf, über die Erweiterung des Kunsthauses dürftig informiert zu haben. Die Fragen rund um die Bührle-Sammlung habe sie nicht voraussehen können.

«Wir sind der Meinung, angemessen informiert zu haben»: Stadtpräsidentin Corine Mauch vor dem Kunsthaus.

«Wir sind der Meinung, angemessen informiert zu haben»: Stadtpräsidentin Corine Mauch vor dem Kunsthaus. Bild: Doris Fanconi

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Lange war es ruhig um die Abstimmung zur Erweiterung des Kunsthauses. Mit einem Schlag melden sich reihum kritische Stimmen. Wie erklären Sie sich das?
Sobald die Stimmberechtigten die Unterlagen zu Hause haben, setzt die heisse Phase des Abstimmungskampfs ein. Das ist doch ganz normal.

Wirklich? Haben Sie nie daran gedacht, dass Sie selber zur massiven Opposition beigetragen haben, weil Argumente gegen das Projekt in der Abstimmungszeitung gänzlich fehlen?
Ich wehre mich gegen die Behauptung, die Informationen seien dürftig. Alles, was wir als wichtig, was wir als relevant erachten zur Information der Stimmberechtigten über die Abstimmungsfrage, haben wir nach bestem Wissen und Gewissen in die Abstimmungszeitung geschrieben. Dass jetzt spezifische Aspekte der Vorlage plötzlich von so grossem Interesse sind, konnten wir nicht voraussehen. Selbstverständlich kann man immer auch anders gewichten. Wir sind aber offen für die Debatte.

Im Brennpunkt stehen Fragen rund um die Bührle-Sammlung und um mögliche Folgekosten zulasten der Steuerzahler. Nochmals: Sie hätten sich das ersparen können, wenn Sie von vornherein transparenter kommuniziert hätten.
Das bezweifle ich, das ist reine Spekulation. Uns wird zum Beispiel vorgeworfen, wir hätten die Eckwerte des Vertrags zwischen dem Kunsthaus und der Stiftung Bührle versteckt. Das stimmt nicht. Ich frage mich, ob gewisse Medien schlecht recherchiert haben. Schon Ende Mai hat das Kunsthaus diese Eckwerte in einer Medienmitteilung publik gemacht.

Erwarten Sie wirklich, dass Frau Zürcher in Albisrieden diese Meldung seit Ende Mai in der Schreibschublade hinterlegt hat und jetzt für die Meinungsbildung wieder hervorkramt?
Nein, von Frau Zürcher sicher nicht, aber von Medienschaffenden, die zum Thema schreiben, schon. Darum rede ich jetzt ja auch mit Ihnen. Wissen Sie, wir mussten eine Auswahl treffen, konnten nicht jedes Detail aus der zehnjährigen Projektgeschichte zu Papier bringen, sonst wäre aus der Abstimmungszeitung ein dickes Buch geworden.

Trotzdem müssen Sie sich jetzt mit einer Stimmrechtsbeschwerde herumschlagen.
Das ist ein demokratisches Instrument unseres Rechtsstaats. Jedem Bürger, jeder Bürgerin ist es unbenommen, eine Beschwerde einzureichen.

Wie will der Stadtrat den Bezirksrat überzeugen, damit die Abstimmung nicht aufs nächste Frühjahr verschoben wird?
Wir sind entschieden der Meinung, angemessen informiert zu haben. Wir stützen uns auf die Verordnung des Gemeinderats, die besagt: Bei Kreditvorlagen werden grundsätzlich die Argumente der Minderheit dann wiedergegeben, wenn 15 Mitglieder des Parlaments dies verlangen. Einen solchen Antrag gab es in diesem Fall nicht.

Der Hauptvorwurf der Beschwerdeführer lautet: Sie hätten klarmachen müssen, dass 17 Jahre nach dem Einzug der Bührle-Sammlung im Neubau der Vertrag zwischen der Zürcher Kunstgesellschaft und der Stiftung aufgekündigt werden kann. Warum haben Sie das unterschlagen?
Seitens der Stadt steht der Beitrag an den Erweiterungsbau im Zentrum der Vorlage und nicht die Bührle-Sammlung. Diese ist wichtig, doch der Erweiterungsbau umfasst viel mehr: mehr Platz, um die Kunsthaus-Sammlung für die Bevölkerung zugänglicher zu machen, mehr Platz für Sammlungen Dritter wie etwa die Sammlung Looser, mehr Platz für die Kunstvermittlung, aber auch für Werkstätten und Lager. Wir haben den Zuzug der Sammlung Bührle erwähnt, ohne auf Einzelheiten einzugehen.

Nochmals: Weshalb haben Sie auf diese «Einzelheiten» verzichtet?
Es ist doch absolut üblich, dass eine Dauerleihgabe eine Frist haben muss. Unbefristete Dauerleihverträge sind juristisch gar nicht möglich. Weil der Vertrag nach der Volksabstimmung in Kraft tritt, reden wir zudem von 22 Jahren und nicht von 17. Es ist fast zwingend, dass der Vertrag dereinst verlängert wird, weil die Sammlung von einem kleinen Museum in ein grosses zieht. Welche Alternative hätte sie später? Wenn wir keine zeitliche Limite vereinbart hätten, wäre es ein Schenkungsvertrag.

Und all dieses Wissen setzen Sie bei den Stimmenden voraus?
Wie gesagt: Ich bin keine Hellseherin. Wenn jetzt plötzlich ganz besondere Teilaspekte in der Öffentlichkeit diskutiert werden, geben wir gerne zusätzliche Auskünfte.

Ein weiterer Streitpunkt ist die jährliche Versicherungssumme. Wer muss dafür aufkommen?
Das Kunsthaus. Wir stimmen ja auch über die jährlichen Beträge an die Betriebskosten ab. Darin ist ein Anteil an die Globalversicherung des Kunsthauses für alle Kunstwerke enthalten.

Wie hoch muss man sich die Prämie für die Bührle-Sammlung vorstellen, deren Wert auf 2 bis 3 Milliarden Franken geschätzt wird?
Diese Frage kann Ihnen die Zürcher Kunstgesellschaft beantworten, sie ist dafür verantwortlich.

Unklar für die Beschwerdeführer sind auch die Folgekosten. Es wird befürchtet, dass die Stadt dem Kunsthaus später finanziell unter die Arme greifen muss.
Weil die Bührle-Bilder von der Zollikerstrasse am Rande der Stadt ins Kunsthaus kommen, werden sie ein Mehrfaches an Publikum anziehen. Die Eintrittsgelder werden sich dementsprechend erhöhen. Die Befürchtung, dass in Zukunft auf Kosten anderer Kunstbereiche zugunsten der sogenannt etablierten Kunst gespart wird, ist unbegründet.

Die Bührle-Sammlung soll im Neubau laut Vertrag integral ausgestellt werden. Man weiss, dass die ganze Sammlung nicht nur aus Filets besteht.
Der Begriff integral ist nicht buchstabenmässig auszulegen. Natürlich dürfen die Bilder und Skulpturen nicht auf der ganzen Welt verteilt werden. Es ist aber möglich, einzelne Bilder auszuleihen und in Wechselausstellungen zu integrieren. Und es wird möglich sein, das Seerosenbild Claude Monets, das dem Kunsthaus gehört, im gleichen Raum zu zeigen mit jenen beiden Seerosenbildern, die Eigentum der Stiftung sind.

All diese Ausführungen stehen nicht in den Unterlagen zur Abstimmung. Die Bürger müssen sie jetzt indirekt via Medien aufgabeln. Welche Konsequenzen ziehen Sie aus diesem späten Wirbel um die Kunsthaus-Erweiterung?
Wenn es harzt im Getriebe, dann muss man daraus Lehren ziehen. Das bedeutet für mich: Offenbar sind jetzt gewisse Aspekte von grösserem Interesse, als wir es eingeschätzt haben, auch wenn sie nicht direkt Gegenstand der Abstimmungsvorlage sind. Wir müssen uns künftig also noch sorgfältiger überlegen, welche Standpunkte im Zusammenhang mit einer Vorlage für die Öffentlichkeit von grossem Interesse sein könnten. Die Zukunft ist immer da, um aus der Vergangenheit zu lernen.

Was, wenn der Bezirksrat verfügt, die Abstimmung auszusetzen?
Das wäre ein Rückschlag. Dann müssten wir uns wirklich an der Nase nehmen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.11.2012, 07:22 Uhr)

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Walter Kielholz ist Verwaltungsratspräsident der Swiss Re und steht der Zürcher Kunstgeselleschaft vor. (Bild: Keystone )

Kielholz rechnet mit 30 Prozent Mehreinnahmen

Für den Betrieb des Kunsthauses ist die Zürcher Kunstgesellschaft verantwortlich. Walter Kielholz präsidiert diese. Sie muss – genauso wie die Stadt Zürich – 88 Millionen Franken an den Neubau beisteuern. Das Geld akquiriert sie durch Spenden. Bis anhin sind 56 Millionen Franken zusammengekommen. Man sei auf gutem Weg, dass man die 88 Millionen in diesen schwierigen Zeiten schaffe, ohne dass jemand einen dominanten Betrag spendet, sagt Kielholz. Er könnte sich vorstellen, dass nach einer erfolgreichen Volksabstimmung weitere Mäzene eine Zusage machen.

Wie viel die Stifterfamilie Bührle beiträgt, war bisher geheim. Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) sprach stets von einem «namhaften Beitrag». Gegenüber dem TA wurde Walter Kielholz konkreter. Er erklärte, dass die Summe nicht über den Beträgen anderer privater Gönner liegen werde, die sich mit maximal 5 Millionen Franken beteiligen.

Auch zu einem anderen strittigen Punkt nahm Kielholz Stellung. Kritiker wollen wissen, wie hoch die Versicherungsprämie für die Sammlung ist. Das Kunsthaus möchte diese Frage vertraulich behandeln, weil sie ans Sicherheitsdispositiv gebunden ist. Kielholz hält fest, dass die Stiftung Bührle im Vertrag mit dem Kunsthaus nicht gefordert habe, ihre Sammlung einzeln zu versichern. Hauptrisiko sei das Feuer. Eine Vollversicherung hat das Haus nicht. Die Bilder seien so abgesichert, dass nicht alle auf einmal kaputtgehen können. «Deshalb drängt sich eine massive Erhöhung der Erstrisikodeckung nicht auf.»

Bekämpft wird die Kunsthaus-Erweiterung obendrein, weil deren Folgekosten nicht ausgewiesen seien. Es wird befürchtet, dass die Stadt und damit der Steuerzahler dem Museum später weitere Beiträge gewähren müsse. Diese Bedenken zerstreut Walter Kielholz. Er ist überzeugt, dass die Bührle-Bilder weit über die Landesgrenzen hinausstrahlen, und erwartet Mehreinnahmen: «Wir rechnen bei einer überaus vorsichtigen Budgetierung damit, dass rund 30 Prozent der Einnahmen aus Sammlungseintritten durch die Impressionisten des Kunsthauses und den Besuch der Sammlung Bührle generiert werden.» Dieses Geld fliesse direkt ins Kunsthaus. Wie viel das in Franken ausmacht, lasse sich heute nicht sagen, weil die Preisgestaltung nicht abgeschlossen sei. (sit)

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