Zürich

«Ich fühlte mich miserabel»

Interview: Tina Fassbind. Aktualisiert am 18.10.2011 47 Kommentare

Seit Montagmittag wird auf der Baustelle der neuen Passage Gessnerallee gestreikt, weil Kot und Urin auf Arbeiter tropfen. Wie schlimm es wirklich ist, schildert einer der Streikenden.

1/7 «Es kamen nicht nur ein paar Tropfen herunter. Das floss, als ob man einen Wasserhahn aufdreht»: Marco R. ist einer der Arbeiter von der Baustelle an der neuen Passage Gessnerallee unter dem Hauptbahnhof.
Bild: Tina Fassbind

   

Der Streik

Seit Montagmittag wird auf der Baustelle Tiefbahnhof Löwenstrasse, wo an der neuen Passage Gessnerallee gearbeitet wird, gestreikt. Die Arbeiter wehren sich gegen die «entwürdigenden Arbeitsbedingungen» unter den Gleisen des Hauptbahnhofs.

Gemäss Lorenz Keller, Mediensprecher der Unia, sei es der SBB nicht gelungen, geeignete Vorkehrungen zu treffen, um die Bauarbeiter vor dem herabtropfenden Toiletten-Inhalt einfahrender Züge zu schützen. Die Arbeit bleibe so lange eingestellt, bis das Problem gelöst sei. (SDA)

Marco R.

Marco R.* (21) ist gelernter Maurer und kommt aus der Schweiz. Er arbeitet seit Mitte Dezember 2010 am Zürcher Hauptbahnhof, drei Wochen lang war er auf der Baustelle der neuen Passage Gessnerallee im Einsatz.
(* Name der Redaktion bekannt)

Artikel zum Thema

Stichworte

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...


Korrektur-Hinweis

Melden Sie uns sachliche oder formale Fehler.

Was hat Sie dazu bewogen, dem Streik beizutreten?
Die Arbeitsbedingungen waren einfach nicht mehr tragbar. Wir mussten Bodenplatten bearbeiten, die sich an gewissen Stellen regelrecht mit Urin vollgesogen haben. Es hat wirklich bestialisch gestunken.

Ist tatsächlich Urin auf Sie herabgeflossen?
Nicht direkt. Aber man wusste immer, wo gerade der Zug stand. Es kamen nicht nur ein paar Tropfen herunter. Das floss, als ob man einen Wasserhahn aufdreht. Ob es Urin oder einfach Abwasser war, habe ich natürlich nicht kontrolliert.

Haben Sie so etwas schon einmal erlebt?
Nein, das ist wirklich nicht alltäglich. Und ich fühlte mich dabei miserabel. In diesen drei Wochen, in denen ich auf der Baustelle arbeitete, habe ich mich immer wieder gefragt, was ich hier eigentlich mache. Es muss wirklich etwas geschehen. Schliesslich geht es um unsere Gesundheit; und eine Entschädigung für diese schlimmen Arbeitsverhältnisse gibt es nicht.

Wie lauten Ihre Forderungen?
Ich bin nur ein einfacher Maurer und kann keine Patentlösungen bieten. Aber es soll dicht sein über unserem Arbeitsplatz. Wenn die Toiletten in den Wagen vor der Einfahrt des Zuges konsequent geschlossen würden, wäre das schon eine Verbesserung der Situation. Hauptsache, es wird überhaupt etwas getan. Denn bis jetzt wurde nur viel versprochen und es ist nichts geschehen.

Wie lange wollen Sie den Streik weiterführen?
Bis etwas unternommen wurde oder bis wir eine schriftliche Bestätigung haben, dass Massnahmen ergriffen werden. Ich bin guter Dinge, dass wir etwas erreichen können. Unsere Forderungen sind ja simpel. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 18.10.2011, 13:32 Uhr

47

Kommentar schreiben

Verbleibende Anzahl Zeichen:

No connection to facebook possible. Please try again. There was a problem while transmitting your comment. Please try again.

47 Kommentare

Peter Bürger

18.10.2011, 16:46 Uhr
Melden 56 Empfehlung

Uns hatte man damals schon als Kind eingebläut, dass die Zugstoiletten gefälligst nur während der Fahrt und ausserhalb der Bahnhöfe benutzt werden dürfen. Wer sich nicht dran hielt (nur wenige), wurde gemassregelt. Heutzutage, im Zeitalter des Egoismus und der kollektiven Verblödung wird anscheinend munter mitten im Bahnhof ins Plumpsklo gemacht. Anstand ade; typisch für die heutige Gesellschaft Antworten


Martin Meier

18.10.2011, 14:32 Uhr
Melden 45 Empfehlung

Im wahrsten Sinne des Wortes: ein Scheiss-Job Antworten



Zürich

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokalverzeichnis

Werbung

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?