Zürich

«Ich habe den lieben Gott nie am Telefon»

Von Michael Meier. Aktualisiert am 21.04.2011 1 Kommentar

Als erste Pfarrerin an Zürichs Hauptkirche eroberte Käthi La Roche vor zwölf Jahren eine Männerdomäne. An Ostern verabschiedet sich die 63-Jährige von der Grossmünster-Gemeinde.

«Engel sind für mich keine psychologischen Kategorien»: Pfarrerin Käthi La Roche.

«Engel sind für mich keine psychologischen Kategorien»: Pfarrerin Käthi La Roche.
Bild: Doris Fanconi

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Sie wirkten als erste Pfarrerin in Zwinglis Kirche. War das für Sie und das reformierte Zürich etwas Spezielles?
Ja. Ich war stolz, dass die Wahl auf mich fiel. Und stolz auf unsere Kirche, dass sie einer Frau diesen Platz einräumt. In anderen Konfessionen wäre das ja nicht möglich. Obwohl die Frauen in der reformierten Kirche ihren Platz heute selbstverständlich einnehmen, war diese Wahl nicht ganz selbstverständlich. Sie bedeutete einen Einbruch in eine Männerdomäne. Die Altstadtkirchen mit ihrer grossen Ausstrahlung waren immer von Männern besetzt. Darum nenne ich das Grossmünster gerne «Notre-Dame de Zurich».

Das Grossmünster ist Zürichs Hauptkirche. Hier mussten Sie auch wichtige Leute zu Grabe tragen. Wird man da nicht automatisch zur Promi- und Society-Pfarrerin?
Diese Gefahr besteht. Aber wir Frauen sind besser gegen sie gefeit als Männer. Wir sind weder im Militär noch in der Zunft noch bei den Rotariern. Wir sind in all diesen Netzwerken und Seilschaften nicht willkommen und nicht dabei. Das hat schmerzliche Seiten, weil man nicht so mühelos vernetzt ist. Es hat aber auch Vorteile, weil man gegen die Verfilzung geschützt ist. Man wird als Frau weniger als Autorität wahrgenommen und muss darum für seinen Platz stärker kämpfen, ist dafür aber weniger korrumpierbar.

Sie haben einst in Managua unterrichtet, Sie setzen sich für Sans-Papiers ein und marschieren am 1.-Mai-Umzug mit. Sollen Pfarrer ihr Amt politisch verstehen?
Kommt darauf an, wo. Natürlich ist das Pfarramt auch eine politische Aufgabe. Aber nicht so sehr auf der Kanzel, wo der Pfarrer ein Redemonopol hat und alle anderen nur zuhören. Dort fände ich Abstimmungsparolen ziemlich missbräuchlich. Auf allen anderen Ebenen aber sollte die Kirche Farbe bekennen. So war es für mich klar, im Religionsunterricht zu erklären, warum ich gegen die Minarettinitiative bin. Es gibt Dinge in unserem Auftrag, die sind nicht verhandelbar, zum Beispiel das Einstehen für die Benachteiligten. Man muss allerdings sehr aufpassen, dass man gewisse Gruppen – «die Reichen», «die Banker», «die Abzocker» – nicht in eine Ecke drängt und sich selber zur Gruppe der Guten zählt. Das geht nicht.

Sie haben eine Ausbildung in freudscher Psychoanalyse. Sehen Sie die Inhalte Ihrer Predigten – wie Sohn Gottes, Engel oder Brotvermehrung – durch die psychologische Brille?
Nein, gar nicht. Die Psychoanalyse ist für mich eine Methode, um Menschen verstehen zu können. Das hat mir in meiner seelsorgerischen Tätigkeit sehr geholfen. Was aber die Deutung der Bibel angeht, bin ich nicht Anhängerin einer psychologischen Interpretation. Engel sind für mich keine psychologischen Kategorien. Freilich kann man von Gott nicht anders als in Bildern reden. Ich habe ihn ja nie am Telefon. Aber ich kann doch sagen: Ein Bote ist zu mir gekommen. Früher hätte man gesagt: ein Engel.

Sie haben das Buch «Kunstwerk Grossmünster. Ein theologischer Führer» geschrieben. Sie sind keine reformatorische Bilderstürmerin?
Nein. Ich habe grosse Freude an Kunst und Bildern. Während meiner Amtszeit sind auch Bilder ins Grossmünster gekommen, die zwölf Glasgemälde von Sigmar Polke. Die sind nicht nur Dekoration und Ornament. Polke hat auch figurative Bilder gemacht und eine Aussage gewagt. Aber das sind ja keine Bilder, die verehrt werden, sondern Bilder, wenn schon, die belehren. Und das geht auch bei den Reformatoren.

Wie gestalten Sie den Ruhestand?
Ich freue mich auf die neue Freiheit, habe aber auch Respekt vor dem Verlust der Strukturen. Zunächst werde ich ein paar Monate nach Frankreich gehen, in Cluny eine kleine Wohnung mieten und am Leben eines Frauenklosters teilnehmen. Ich versuche, spirituell auf dem Weg zu bleiben, was man nicht ganz alleine kann, sonst verwahrlost man leicht. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.04.2011, 22:18 Uhr

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1 Kommentar

Esther Krebs Koffi

23.04.2011, 16:38 Uhr
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Ich habe dieser Frau viele Jahre lang zugehört und immer ihren Mut bewundert. Antworten



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