«Ich habe schon gehört, dass mit Mörgeli was ist»

Flurin Condrau hat in der Affäre Mörgeli die Institutsleitung abgegeben. Studenten warteten heute vergeblich auf seine Vorlesung. Was sagen sie zum Wirbel am Institut? Tagesanzeiger.ch/Newsnet war vor Ort.

Warten auf Condrau: Drei Studenten stehen ratlos vor dem leeren Hörsaal, in dem der Leiter des Medizinhistorischen Instituts heute Dienstagmorgen hätte dozieren sollen.

Warten auf Condrau: Drei Studenten stehen ratlos vor dem leeren Hörsaal, in dem der Leiter des Medizinhistorischen Instituts heute Dienstagmorgen hätte dozieren sollen. Bild: Tina Fassbind

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Es ist 8.30 Uhr. Auf der Etage M im Gebäude Y13 der Universität Irchel haben sich drei Studenten an Tischen vor den grossen Fensterfronten mit ihren Laptops eingerichtet. Konzentriert blicken sie auf die Bildschirme.

Das Geräusch der Lifttüre durchbricht die Stille. Ein Student eilt in Richtung Hörsaal 12. Dort sollte die vorletzte Veranstaltung des Moduls Medizingeschichte stattfinden. Sollte, denn der Hörsaal ist leer.

Wo ist Condrau?

Eigentlich müssten dort bereits gegen 30 Studenten sitzen, die die fächerübergreifende Veranstaltung für Studierende der Medizin belegt haben. Dozent ist Flurin Condrau, der Leiter des Instituts. Dieser hat zwar aufgrund der Affäre Mörgeli am vergangenem Freitag die Institutsleitung bis mindestens Ende des Frühjahrssemesters 2013 abgegeben, wolle sich aber weiterhin «der Lehre und Forschung widmen», hiess es am Montag in einem Communiqué der Universität.

Am diesem Dienstagmorgen ist allerdings niemand vor Ort. Der Student blickt ungläubig in den leeren Saal, sucht die Tafel und Wände nach einer Notiz ab und zückt schliesslich sein Handy. «Wo bist du? Weisst du, wo die Vorlesung stattfindet?», fragt er seine Kommilitonin. Doch auch sie weiss von nichts – und steht wenig später mit einer Kollegin neben ihm vor der offenen Hörsaaltüre.

Eilig werden iPads, iPhones und Notizblöcke gezückt. Alle Kanäle werden abgesucht. Nichts. Die drei wissen auch nichts davon, dass Condrau die Institutsleitung abgegeben hat. «Wie? Dann kommt er heute gar nicht?», meint eine von ihnen überrascht.

«Der Ruf der Universität nimmt deshalb keinen Schaden»

Auf die Frage, ob sie denn von den Geschehnissen rund um das Medizinhistorische Institut wissen, antwortet eine Studentin: «Ja, ich habe schon gehört, dass mit Mörgeli was ist.» Die ganzen politischen Querelen und das Strafverfahren wegen Amtsgeheimnisverletzung hätten jedoch keine Auswirkungen auf sie selbst. «Ich glaube auch nicht, dass der Ruf der Universität Schaden nimmt», ist sie überzeugt.

Was in der Fakultät vor sich gehe, spiele in ihrem Studium ohnehin keine Rolle. Man absolviere dort lediglich ein Mantelstudium, lautet die Erklärung. «Für uns ist nur wichtig, dass wir die vier Kreditpunkte für den lückenlosen Besuch der Veranstaltung bekommen.»

Nachdem die drei Studenten eine halbe Stunde vor dem Hörsaal Y13-M-12 gewartet haben, ohne dass sich jemand von der Fakultät blicken liess, ziehen sie unverrichteter Dinge wieder ab. Warum niemand zur Vorlesung gekommen ist, ob sie an einem anderen Ort abgehalten oder ob sie ganz gestrichen wurde, konnte niemand in Erfahrung bringen.

Vorlesung fällt am «Tag danach» aus

Selbst beim Medizinhistorischen Institut ist man vom Ausfall der Vorlesung überrascht. «Meines Wissens finden alle Veranstaltungen weiterhin regulär statt», heisst es dort auf Anfrage. Etwas ruppiger war die Antwort vom Informationsschalter der Universität Irchel: «Ob die Vorlesungen der Fakultät stattfinden? Das müssen sie schon selbst herausfinden.»

Des Rätsels Lösung bringt erst ein Anruf bei der Kommunikationsabteilung der Universität Zürich. Gemäss Pressesprecher Beat Müller sei die heutige Modulveranstaltung abgesagt worden. «Am Tag nach der Bekanntgabe des eröffneten Strafverfahrens erachtete man es als besser, die Lektion ausfallen zu lassen», so die Erklärung. Die Studenten seien informiert worden – ganz offensichtlich haben nicht alle die Nachricht erhalten.

Was die Durchführung der weiteren sieben Lehrveranstaltungen anbelangt, an denen das Medizinhistorische Institut beteiligt ist, kann Müller Entwarnung geben. «Alle künftigen Lehr- und Forschungsveranstaltungen werden von den Vorkommnissen der letzten Tage nicht weiter tangiert», versichert er. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 20.11.2012, 12:39 Uhr)

Die Affäre Mörgeli

Die Zürcher Staatsanwaltschaft hat ein Strafverfahren gegen zwei Mitarbeiter des Medizinhistorischen Institutes eingeleitet, an dem bis vor kurzem auch SVP-Nationalrat Christoph Mörgeli arbeitete. Die beiden Institutsmitarbeiter stehen im Verdacht, dem «Tages- Anzeiger» zwei Berichte zugespielt und so die Affäre Mörgeli ins Rollen gebracht zu haben. Beide Berichte stellten dem ehemaligen Leiter des Medizinhistorischen Museums ein schlechtes Arbeitszeugnis aus. Weil diese Dokumente geheim waren, erstattete die Uni Mitte September Anzeige wegen Amtsgeheimnisverletzung. An die Universität dürfen die beiden Verdächtigen vorläufig nicht zurück. Sie wurden bis auf Weiteres suspendiert. Mörgelis ehemaliger Vorgesetzter, Flurin Condrau, gehöre jedoch nicht zu Verdächtigen, teilte die Universität mit.

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