«Ich hasse einfach die Verschwendung»

Shigeru Ban, der japanische Architekt des Tamedia-Neubaus, baut stets mit rezyklierbarem Material. In Zürich setzte er vor allem auf Holz. Das Gebäude kam genau so heraus, wie er es gezeichnet hatte – bis auf das Dach.

«Ich will an jedem Ort nutzen, was er an Vorteilen bietet.» Shigeru Ban im neuen Tamedia-Hauptsitz beim Stauffacher.
Video: Jan Derrer

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Das Gespräch mit dem japanischen Stararchitekten findet im ersten Stock seines Neubaus statt, im Zwischenraum zwischen Innenfläche und öffentlichem Raum. Bevor das Interview beginnt, besteht Shigeru Ban darauf, dass die Glasfront geöffnet wird.

Shigeru Ban: Dieser offene Zwischenraum zwischen innen und aussen, das ist für mich der angenehmste Ort hier. Wenn immer möglich versuche ich, klimatisierte Räume zu meiden. Ein gegen aussen offener Raum gibt ein ganz anderes Gefühl für die Umgebung.


Ihre Büros sind nicht klimatisiert?
In Tokio schon, da gehts nicht anders – sonst wäre es dort viel zu laut.

Wie wichtig ist die Umgebung für Sie, wenn Sie bauen?
Ich will immer etwas Besonderes entwerfen für die jeweilige Örtlichkeit. Es gibt Architekten, die bauen in jeder Umgebung in demselben Stil. Ich will an jedem Ort nutzen, was er an Vorteilen bietet. Hier beispielsweise ist die Nähe zum Fluss entscheidend; das habe ich aufgenommen. Deshalb ist mir dieser Zwischenraum zum Fluss so wichtig.

Wie lange verweilen Sie an einem Ort, um das Gefühl zu bekommen, was da passt?
Vielleicht einen Tag, mehr nicht.

Und danach war es für Sie klar, was Sie hier bauen würden?
Ja, dann habe ich das Haus gezeichnet.

Und genau so kam es raus? Oder gab es später noch ­Überraschungen?
Nein. Genau so kam es raus.

War da eine besondere Leidenschaft mit im Spiel?
Leidenschaft ist immer dabei, aber ich werde Ihnen jetzt nicht sagen, dass ich dieses Haus besser mag als andere. Häuser sind für mich wie Kinder. Man hat alle gleich gern, das eine machts einem vielleicht ein bisschen leichter als das andere. Dieses hier hat es mir leicht gemacht, weil das Verhältnis zum Auftraggeber und zu den Behörden von Anfang an sehr gut war.

Wie wichtig ist für Sie der Zweck, für den Sie ein Haus bauen? Hier zum Beispiel, dass es sich um ein Medienhaus handelt?
Offen gesagt, war mir das nicht so wichtig. Ich wollte einfach ein Haus bauen, in dem sich die Leute wohlfühlen. Fühlen Sie sich wohl?

Absolut.

Da sehen Sies. In einer Umgebung aus Holz fühlt man sich einfach gut, das geht einem in Stahl und Beton nicht immer so. Dieser Holzbau ist übrigens sehr typisch für die Schweiz. So hätte ich in Frankreich oder Japan nie bauen können.

War Ihnen diese Tradition des Holzbaus in der Schweiz ­bekannt?
Ja, davon hatte ich Kenntnis. Als ich das Centre Pompidou in Metz gebaut habe, hat der Schweizer Holzbauer Hermann Blumer die Konstruktion übernommen. Seither habe ich mit ihm viele Projekte gemacht und sehr viel von seinem Know-how profitiert.

In Tokio gab es einst auch eine starke Tradition des Holzbaus. Sie ging dann verloren, als nach dem Zweiten Weltkrieg kaum mehr Holzhäuser gebaut wurden, weil Tokio nach den Bombenabwürfen sehr stark beschädigt war.
Das war mit ein Grund, ja. Inzwischen ist der Brandschutz von Holzhäusern sehr viel besser. Leider gibt es in Tokio aber aufgrund dieses historischen Hintergrunds bis heute viel unnötige Auflagen des Brandschutzes.

Sie sind bekannt dafür, dass ein Bau für Sie nach der Fertigstellung nicht einfach erledigt ist. Sie hören ­danach auf die Befindlichkeit der Menschen, die darin arbeiten, und verbessern Details, damit sie sich wohlfühlen. Kann ich Ihnen ein paar erste Reaktionen aus der ­Redaktion weitergeben?
Gerne, ja.

Die Leute fühlen sich wohl, aber an einzelnen Arbeitsplätzen im offenen Raum ist es für die Konzentration phasenweise etwas laut.
Man müsste dafür einzelne Inseln etwas abtrennen mit Gestellen, um sie akustisch zu isolieren. Allzu hoch dürfen die Gestelle freilich nicht sein, sonst geht die Weite des Raums verloren.

Andere Kolleginnen und Kollegen vermissen Pflanzen im Gebäude.
Ich auch.

Sensible Kollegen monieren, dass der Boden leicht vibriert, wenn jemand an einem Arbeitsplatz ­vorbeiläuft. Hat das mit der ­Holz­konstruktion zu tun?
Nein, das muss mit der doppelten Bodenkonstruktion zu tun haben. Dazwischen steckt die ganze Technik drin. Stellen Sie alle Rückmeldungen zusammen, dann schauen wir das an. Das kann sicher verbessert werden. Es ist sehr wichtig, auf die Stimmen der Leute hier zu hören − das schafft Möglichkeiten zur Verbesserung.

Sie haben auf der ganzen Welt gebaut. In Zürich bauten Sie zum ersten Mal. Es dürfte nicht ganz einfach gewesen sein, hier etwas reinzustellen, das zum Stil- und Farbentorso der Umgebung passt.
Das ist in jeder Stadt so – in Tokio ist der Mix sogar noch grösser. Wenn ich baue, schaue ich mir nur die direkte Umgebung an. In Zürich war das grössere Problem, dass die Baubehörde etwas konservativ ist.

Konservativer als in anderen ­Städten?
Ja und nein. Paris etwa ist noch konservativer.

Dann hat man Ihnen in Zürich etwas verboten, was Sie gerne gemacht hätten?
Am Ende nichts Wesentliches. Gut, ich hatte in meinen Plänen ein steileres, dreieckiges Dach vorgesehen, wie es hier in der Umgebung üblich ist. Das Haus wäre zu hoch geworden. Jetzt musste ich ein Runddach machen, aber damit kann ich leben.

Sie haben in vielen grossen Städten gebaut. Wie wirkt Zürich auf Sie?
Mir gefällt die Stadt.

Sehen Sie Zürich als Grossstadt?
Diese Kategorien interessieren mich nicht. Grösse hat mich nie interessiert, ich baue genauso gerne in der Stadt wie auf dem Land. Mich interessiert die unmittelbare Umgebung.

Geht die Schweiz aus Ihrer Sicht vernünftig mit ihrem Raum um? Beim gegenwärtigen ­Bevölkerungswachstum wird sehr viel zugebaut.
Im Vergleich zu Japan gibt es in der Schweiz immer noch viel freie Fläche.

Wie erklärt sich Ihre Vorliebe für rezyklierbares Material wie Papier, Karton oder Holz – ein ­Bekenntnis zum ökologischen Bauen?
Ökologisches Bauen ist in den vergangenen Jahren zu einem kommerziellen Schlagwort geworden, damit kann ich wenig anfangen. Ich hasse einfach die Verschwendung, werfe nichts gerne fort. Ich habe schon 1986 Papier für den Hausbau verwendet, als noch niemand von ökologischem Bauen sprach.

Wie kamen Sie an diesem Ort auf Holz?
Das war nichts Besonderes. Es passt in die Schweizer Tradition, und man fühlt sich einfach wohl in diesem Material. Man kann darin den Atem der Natur spüren und etwas riechen, ausserdem fällt das Licht sehr schön rein.

Wie kamen Sie auf rezyklierbares Material?
Ich will einfach nichts verschwenden. Das wurde mir definitiv klar, als ich den Auftrag hatte, für die Weltausstellung in Hannover 2000 einen Pavillon zu bauen. Dieser Bau stand für ein halbes Jahr, danach wurde er demontiert. Ziel meines Designs war folglich, etwas zu bauen, das sich nach einem halben Jahr leicht demontieren und andernorts wiederverwenden liess.

So haben Sie auch nach der ­Katastrophe in Fukushima aus rezykliertem Material ­Notunterkünfte gebaut.
Ja, wobei das nicht direkt in Fukushima selber war. Die ausländischen Medien fokussieren zu stark auf die unmittelbare Umgebung dieses Nuklearreaktors. Faktisch waren zwei weitere Provinzen im Umkreis von 500  Kilometern betroffen. Dort waren die Schäden zum Teil grösser, deshalb haben wir uns da engagiert. Jetzt können wir auch dieses Material wiederverwenden.

Woher kommt Ihre Abneigung dagegen, etwas fortzuwerfen?
Das steckt tief in der japanischen Kultur. Vermutlich in jedem Volk, das früher von Armut betroffen war. Meine Mutter hat stets darauf geachtet, dass wir das Licht löschen, wenn wir einen Raum verlassen haben. Ich lösche im Pariser Büro heute noch regelmässig das Licht in der Küche, wenn kein Mitarbeiter mehr drin ist.

Ihr nächstes Projekt sind die neuen Bürogebäude von Omega/Swatch in Biel.
Ja, wir begannen vor zwei Jahren und gewannen den Wettbewerb – nächstes Jahr wird gebaut.

Wieder mit Holz?
Ja, aber um einiges grösser. Insgesamt bauen wir drei Gebäude. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 10.07.2013, 07:41 Uhr)

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Japanisches Design für Tamedia

Japanisches Design für Tamedia Shigeru Ban hat den neuen Hauptsitz von Tamedia gebaut. Sein Baumaterial: Fichtenholz, Glas und Karton.

Shigeru Ban
Kreativer Katastrophenhelfer

Der 1957 in Tokio geborene Shigeru Ban gilt derzeit als einer der innovativsten Köpfe in den Bereichen Architektur und Design. Seine Bauten kombinieren die traditionelle japanische Formensprache mit einem kreativen Umgang mit Materialien. Als sein Marken­zeichen gelten die sichtbaren Trägerstrukturen sowie Möbel und Konstruktionen aus Karton – im Tamedia-Gebäude gibt es Stühle, Tischchen und Trennwände aus Rohren von Zeitungspapierrollen. Ban engagiert sich stark für nachhaltiges, aber auch soziales Bauen. So hat er im Zusammenhang mit dem verheerenden Erdbeben im japanischen Kobe 1995 das Voluntary Architects’ Network gegründet – eine Katastrophenhilfe zum schnellen Aufbau temporärer Häuser, ­Schulen und Kirchen. Ban ist weltweit tätig, zu seinen Hauptwerken gehört das Kunst­museum Centre Pompidou in Metz. (net)

Neuer Hauptsitz
Platz für 480 Mitarbeitende

Gestern wurde auf dem Werdareal beim Stauffacher der neue Hauptsitz von Tamedia eingeweiht. Gebaut hat ihn der japanische Architekt Shigeru Ban. 480 Mitarbeitende von «Tages-Anzeiger», von «20 Minuten», «Tagblatt der Stadt Zürich» sowie anderer Medien der Tamedia-Gruppe werden im Gebäude arbeiten. Verwaltungsratspräsident Pietro Supinos Auftrag an Ban lautete, attraktive Arbeitsplätze in einem nachhaltigen und architektonisch wertvollen Gebäude zu erstellen, das nicht viel mehr als ein konventionelles kostet. Das Tamedia-Gebäude ist das erste grosse Schweizer Bau­projekt Bans. Er habe noch kaum je einen so unkomplizierten Bauherrn gehabt, sagte der Architekt gestern vor den Medien. Die Bauzeit des 7-stöckigen Hauses dauerte fünf Jahre inklusive Planung. Es kostet 50 Millionen Franken. Für die Tragstruktur wurden 2000 Kubikmeter Fichte aus der Steiermark verbaut. Die Fläche von Neubau und Aufstockung des Altbaus beträgt 10'255 Quadratmeter. (net)

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