Zürich

«Ich hatte Angst, dass er mich beschatten liess»

Von Jvo Cukas, Lucienne-Camille Vaudan. Aktualisiert am 25.11.2011 10 Kommentare

Ein IV-Bezüger wurde zu einer bedingten Geldstrafe verurteilt, weil er eine Studentin für Beschattungstätigkeiten angeworben hatte. Tagesanzeiger.ch/Newsnet deckt einen weiteren Fall auf.

Hier fanden die Treffen statt: Die Halle des Zürcher Hauptbahnhofes.

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Bild: Keystone

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Ein IV-Rentner wurde kürzlich zu einer bedingten Geldstrafe von 4500 Franken verurteilt: Er hatte Studentinnen über Inserate auf der Marktplatzseite der Universität Zürich für Übersetzungen, Eventberichterstattungen und auch Dienstleistungen in einem Escortservice rekrutiert. Tatsächlich verlangte der Rollstuhlfahrer von den jungen Frauen jedoch, politische Anlässe zu bespitzeln und Personen zu beschatten. Wie der Beobachter in seiner aktuellen Ausgabe schreibt, konnte man dem Verurteilten nachweisen, dass er seiner dubiosen Rekrutierungstätigkeit seit 2005 nachging. Bereits 2008 wurde er nämlich zu einer bedingten Geldstrafe wegen eines ähnlichen Falles verurteilt.

Offenbar war der IV-Bezüger aber schon seit längerer Zeit aktiv. Ein Fall, der frappante Parallelen aufweist, ereignete sich bereits im Sommer 2003: «Eine Freundin wurde auf das Jobangebot als Fotografin aufmerksam und nahm mich zu dem ersten Treffen mit dem Mann im Zürcher Hauptbahnhof mit», erzählt das Opfer Anna Schneider gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Sofort heuerte er auch sie als Berichterstatterin an; sie sollten sich mit den Teilnehmern linker Demonstrationen und Veranstaltungen anfreunden, deren Namen und Vorhaben in Erfahrung bringen und dem Mann per Mail einen detaillierten Bericht abliefern. «Ihm war sehr wichtig, dass wir uns in den linksradikalen Gruppen etablierten und innerhalb der Organisationen aufstiegen. Ich fühlte mich ein bisschen wie in einem Spionagefilm. Die Geheimniskrämerei hat meine Neugier geweckt.»

Gute Kontakte zur Polizei

In einem zweiten Treffen, wiederum im Restaurant «Au Premier» des Hauptbahnhofes, erklärte der Mann der jungen Frau, er arbeite für den Geheimdienst und habe sehr gute Beziehungen zur Polizei: «Die Geschichte war nicht wirklich glaubwürdig. Ich dachte, er arbeite vielleicht für eine Versicherung, der er Informationen über Randalierer vermittelt.»

Einmal habe er sie auch ans Wef schicken wollen und ihr versichert, sie müsse sich keine Sorgen machen, wenn sie verhaftet würde: «Dank seiner Kontakte zur Polizei würde ich sofort freigelassen, sagte er mir.» Nach Davos ist Anna Schneider dann nicht gereist, aber sie bekam einen anderen, kuriosen Auftrag: «Er trug mir auf, eine Frau zu beschatten. Ich sagte zu, weil ich wohl herausfinden wollte, ob ich das kann.» Der Auftraggeber traf sich mit der besagten Zielperson und verlangte von der Studentin, dieser nach deren Weggehen zu folgen. «Ich verlor sie schon sehr bald aus den Augen und mich beschlich die Ahnung, dass ich eigentlich das Mäuschen im Spiel war und auf die Probe gestellt wurde.»

Schwieriger Ausstieg

Insgesamt verfasste Anna Schneider im Zeitraum eines knappen Jahres ungefähr drei oder vier Berichte, für die sie jeweils 120 Franken erhielt. Beim ersten Mal reichte sie einen sehr detaillierten Rapport ein, hatte dann aber Zweifel und schrieb in den weiteren keine potentiell belastende Informationen mehr auf. Um die Einzelheiten zu besprechen, trafen sich die beiden pro Auftrag mehrere Male im Bahnhofsrestaurant. «Während einem der ersten Treffen sagte er mir, ich müsse mich nicht wundern, wenn er bald mehr über mich wisse als meine Eltern.» Er habe aber auch sehr aufbauend und motivierend sein können, erinnert sich Schneider.

Der Frau, die ihn nun wegen Nötigung anzeigte, drohte er mit Geldstrafen von bis zu 100'000 Franken und der Bespitzelung ihrer Emailkonten und Telefonanschlüsse. So weit ging er bei Anna Schneider nicht, «aber es lag immer eine stille Drohung in der Luft, niemandem etwas von ihm zu erzählen.» Mit der Zeit habe sie die Aufträge nicht mehr wahrgenommen. Als sie dem Mann ihren endgültigen Ausstieg bekannt gab, belästigte er sie wochenlang telefonisch. «Ich hatte Angst, dass er mich beschatten liess und auch heute noch, wenn merkwürdige Zufälle geschehen, denke ich an diese Episode zurück.»

Angst vor Konsequenzen

Sie sei nie zur Polizei gegangen, weil sie sich geschämt habe: «Mir war natürlich klar, dass da etwas faul ist und ich die Finger davon lassen sollte.» Juristische Schritte habe sie nie in Erwägung gezogen, weil er sie verunsicherte: «Wenn er wirklich so gute Kontakte zur Polizei hatte, dann wäre auch eine Anzeige vergebens gewesen.»

Bei Anna Schneider ist es nie zu sexuellen Annäherungen gekommen, doch in manchen anderen Fällen hätten solche Avancen stattgefunden. Einem der ausschliesslich weiblichen Opfer redete der Täter sogar ein, er müsse ihre sexuellen Fähigkeiten persönlich testen, bevor sie in die Kartei seines (inexistenten) Escortservice aufgenommen würde. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 25.11.2011, 14:50 Uhr

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10 Kommentare

Rolf Fritz

25.11.2011, 18:26 Uhr
Melden 54 Empfehlung

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Johann Nef

25.11.2011, 17:04 Uhr
Melden 36 Empfehlung

Spannende Geschichte, vor allem wenn man auf Beobachter noch liest, dass es unklar sei, ob er die gesammelten Infos weitergegeben hat, also eventuell tatsächlich von jemandem dafür angestellt wurde. Aus dem Artikel im Tagi und im Beobachter wrid aber nicht klar, wieso es relevant ist, dass der Mann IV-Bezüger ist?! Antworten



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