«Ich vermisse die Wertschätzung»
Von Sarah Rüegger. Aktualisiert am 29.06.2011 23 Kommentare
Der Bussenstreik zeigte Wirkung
Der Streit zwischen dem Polizei Beamten Verband (PBV) und dem Polizeikommandanten Philipp Hotzenköcherle ist beigelegt. An dem von Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne) vor rund zwei Monaten eingesetzten runden Tisch haben die Parteien einen Konsens gefunden. Moderiert wurde der runde Tisch vom Winterthurer Strategieberater Peter Arbenz an vier Sitzungen. Die Vereinbarung sieht folgende Verbesserungen vor:
Schichtdienst: Eine neu geschaffene Ständige Paritätische Kommission Arbeitszeiten wird sich per sofort mit den Arbeitszeiten und Dienstplänen befassen. Ziel ist, die zeitliche Belastung der Polizeiangehörigen zu reduzieren.
Rapportieren: Die Abläufe sollen nach dem Motto «So viel wie nötig, so wenig wie möglich» vereinfacht werden. Der heutige relativ hohe Standard wird hinterfragt.
Machbarkeitsstudie: Damit wird abgeklärt, ob mit technischen Hilfsmitteln die Arbeit der Polizisten entlastet werden kann.
Interne Kommunikation: Sie soll verbessert werden. Zudem werden zwischen dem Polizei Beamten Verband und dem Kommando quartalsmässig Gespräche stattfinden.
Monitoring/Controlling: Damit soll sichergestellt werden, dass die in der Vereinbarung beschlossenen Punkte umgesetzt werden.
Die vereinbarten Massnahmen sind schriftlich festgehalten. Der PBV hat an der ausserordentlichen Versammlung das Papier gutgeheissen. Die Polizisten hoben damit auch den – inzwischen sistierten – Bussenstreik auf. Wie PBV-Präsident Werner Karlen an der gestrigen Pressekonferenz sagte, habe die Streikandrohung mitgeholfen, dass man eine Lösung gefunden habe. Damit hätten die Polizisten Druck aufgesetzt, und die Bereitschaft zu Gesprächen sei beschleunigt worden.
Polizeivorsteher Daniel Leupi hofft nun, dass der Gemeinderat nach drei Jahren Pingpong im Herbst einen positiven Entscheid bezüglich der neuen Stellen fällen wird. Polizeikommandant Philipp Hotzenköcherle betonte, man habe auf Augenhöhe in einer sachlichen und partnerschaftlichen Atmosphäre diskutiert. Für Peter Arbenz, der die Sitzungen geleitet hatte, war der Bussenstreik ein «Wink mit dem Zaunpfahl». Die Situation sei beispielhaft dafür, wie die Politik mit der Verwaltung umgehe. Man erwarte immer mehr Leistungen von den Beamten. Sein Honorar für die vier Sitzungen (insgesamt 50 Seiten Protokoll) und für die Vorbereitungen beträgt nach eigenen Angaben 7500 Franken. (hoh)
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Werden Sie sich ein Boot kaufen, jetzt, wo Ihnen mehr Freizeit winkt?
Es ist noch zu früh, die Beschlüsse zu beurteilen. Die spürbaren Veränderungen lassen sich derzeit nicht abschätzen. Auf jeden Fall würde ich die gewonnene Freizeit am Wochenende mit meiner Familie geniessen.
Sie arbeiten viel und sind selten zu Hause. Nervt das Ihre Ehefrau?
Ich habe eine Partnerin, die hinter mir steht. Wenn man sich für den Polizeiberuf entscheidet, weiss man, worauf man sich einlässt, sonst könnte ich auch an einem Fliessband stehen. Aber die Belastung für die Familie ist hoch.
Was ist Ihr gefühltes Arbeitspensum?
Bei Nachteinsätzen 200 Prozent. Zudem zehrt der Schichtdienst. Ich arbeite an vier von fünf Wochenenden.
Wie sieht Ihr Arbeitsalltag aus?
Die Arbeit in einer Grossstadt wie Zürich mit seiner 24-Stunden-Gesellschaft ist sehr fordernd. Man trifft kein Arbeitsumfeld an, in dem man als Polizist viel Wertschätzung erlebt. Man muss davon überzeugt sein, eine wertvolle Arbeit zum Wohle der Stadt Zürich zu machen.
Was empfinden Sie bei Ihrer Arbeit besonders belastend?
Wir haben einen unregelmässigen Alltag, der keine Rücksicht nimmt auf Wochenenden und Feiertage. Ich arbeite in der Abteilung Brennpunkt beim Sonderkommissariat. Das betrifft die Bereiche Rotlichtmilieu, Drogenhandel und Prostitution. Wir haben eine hohe Strassenpräsenz. Etwa 50 Prozent des Jobs sind Büroarbeit. Es kann sein, dass wir nach fünf Minuten intensivem Einsatz auf dem Revier vier bis fünf Stunden lang Zeugen befragen und rapportieren. Manchmal fährt man auch Streife, und es passiert gar nichts. Doch die hektischen Zeiten sind jene, welche uns Polizisten belasten.
Gibt es weitere Faktoren?
Die Extradienste. Dafür werden bei Fussballspielen und Demonstrationen sämtliche Polizisten zusammengezogen. Es kann schon einmal sein, dass am Freitagnachmittag über das Internet zu einer Aktion aufgerufen wird und dann alle verfügbaren Kräfte mobilisiert werden müssen. Da fällt das freie Wochenende schnell einmal weg.
Erleben Sie auch Tätlichkeiten gegen Sie als Polizist?
Ja. Vor allem, wenn Drogen und Alkohol konsumiert wurden. Da können sich rasch einmal 30 bis 40 Leute im Rausch solidarisieren, die denken: «Ich will jetzt auch noch etwas Action und den Polizisten behindern.» Wir arbeiten zwar im Team, und das Kommando tut viel für die Polizisten, bildet uns gut aus und schützt uns, aber ein Restrisiko bleibt.
Laufen die Polizisten nicht davon?
Bei unserer Truppe – obwohl wir oft auf der Strasse arbeiten – beobachte ich das eher nicht. Denn es ist auch spannend, wenn man mit problematischen Leuten einen Umgang findet und mit ihnen arbeiten kann.
Weshalb sind Sie Polizist geworden?
Das klingt altmodisch: Polizist sein ist mein Bubentraum. Ich habe Achtung vor der Bevölkerung und vor dem System, in dem ich arbeite. Doch in letzter Zeit fehlte mir die Wertschätzung der Politik. Man kann nicht die Partystadt pushen und gleichzeitig denen, die sich den Nebenerscheinungen stellen müssen, keine Einsatzmittel geben. Es braucht mehr Polizisten bei der Stadtpolizei, die sich an den Wochenenden und in der Nacht der Bevölkerung widmen.
Wie war es, in dieser Streik- und Streitstimmung zu arbeiten?
Ich bekam das nur am Rande mit. Der Polizist sagt sich nicht: «Ich müsste jetzt aktiv arbeiten, aber ich mache es nicht, weil jetzt Streik ist.» Die reduzierten Bussen waren sicher ein Mittel, das drinliegt, und ich habe Verständnis dafür, dass viele Polizisten Mühe mit der Entwicklung haben.
Warum tun Sie sich diese Arbeit an?
Das ist die Gretchenfrage. Ich liebe meinen Job und habe Lust, weiterhin professionelle Arbeit zu leisten.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 29.06.2011, 06:15 Uhr
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