«Ich wurde einmal fast angeschossen»
Von Jvo Cukas. Aktualisiert am 31.03.2011 12 Kommentare
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Der Fall einer Rentnerin, die für eine kurze Strecke mehr als 160 Franken bezahlen musste, weil sich der Taxifahrer angeblich verirrte, erregt nicht nur die Gemüter der Tagesanzeiger.ch-Leser. Auch Annemarie Achermann ist bestürzt. Seit 1980 ist sie als Taxifahrerin unterwegs.
«Das ist wirklich sehr schlimm, aber es ist sicher eine Ausnahme», sagt sie. Es gebe bestimmt schwarze Schafe unter den Taxifahrern, aber absichtlich würden die wenigsten einen längeren Weg einschlagen: «Viele Neulinge kennen die kürzesten Wege oft noch nicht.» Auch bei der Taxiprüfung müsse man nicht jedes Strässchen kennen.
Trotzdem liege es beim Taxifahrer, sich zu erkundigen. Er könne die Zentrale beiziehen, eine Adresse über die Auskunft herausfinden oder sein Navigationsgerät benützen. «Dies ist seine Pflicht», meint die 52-Jährige.
Früher Familie – heute Profit
Was aber soll man tun, wenn man als Gast dennoch das Gefühl hat, der Fahrer ziehe seine Extrarunden? «Er muss immer dort durch, wo der Gast es will.» Mache er etwas anderes, soll man aussteigen oder sagen, man bezahle nicht mehr als einen bestimmten Betrag. «Oder Sie merken sich die Nummer auf dem Taxischild und melden den Vorfall der Gewerbepolizei.»
Seit Achermann im Geschäft begonnen hat, habe sich viel verändert: «Früher fuhren vor allem Schweizer», erklärt sie, «und wir waren wie eine Familie.» Man habe zusammen geredet, sei mal einen Kaffee trinken gegangen. Heute sei dies anders: «Der Kampf ist härter geworden. Jeder schaut für sich und mehr auf Profit.»
Achermann denkt, dass man das ramponierte Image der Taxifahrer mit strengeren Anstellungskriterien verbessern könnte. Aber auch dann könnten Fehler passieren. «Auch ein langjähriger Fahrer hat einmal einen schlechten Tag und ist unhöflich.»
Fast angeschossen
Auch die Kunden seien anspruchsvoller. «Das Taxi muss pünktlich ankommen, sauber sein und der Fahrer freundlich, sonst wird schneller reklamiert als früher.» Dennoch glaubt sie nicht, dass die Kunden heute aggressiver sind: «Solche gab es schon immer.» Ihr schlimmstes Erlebnis hatte sie 1981. Sie fuhr einen jungen Sizilianer nach Hause, der sie auf einen Kaffee in seine Wohnung einladen wollte. Dagegen hätte sie nichts gehabt, aber nur in einem Restaurant – zu ihm in die Wohnung wollte sie nicht. So fuhr sie wieder los. Plötzlich hörte sie Schüsse. «Ich dachte, er will mir etwas Angst machen und schiesst zum Spass in die Luft.» Doch weit gefehlt: Später findet sie Einschusslöcher an ihrem Kofferraum. Ein Mann, der den Sizilianer vom Schiessen abhalten wollte, wurde schwer verletzt. «Ich hatte riesiges Glück, der hätte mich fast angeschossen.»
Doch ihr Alltag schreibt auch schöne Geschichten. So fuhr sie eine Zeit lang eine alte Frau regelmässig zu deren Psychiater. Als dieser starb, fand diese keinen neuen, der ihr passte. «Wir hatten mittlerweile ein sehr gutes Verhältnis und ich meinte, sie könne ja mit mir fahren und erzählen, was sie beschäftigt.» Die Frau nahm das Angebot an. «Von da an fuhren wir einmal in der Woche um den See, zu einem Spezialpreis. Ich wollte ja nicht teurer sein als der Psychiater», lacht Achermann. Dies sei auch der Grund, warum ihr der Job so lange Freude mache. «Jeder Tag ist anders.» Und vor allem: «Ich bin mein eigener Chef.»
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 31.03.2011, 11:24 Uhr
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