«Igitt, eine Schlange! Darf ich sie einmal berühren?»

Von Werner Schüepp. Aktualisiert am 04.09.2010

Mit einer Gruppe von 50 Personen hat vor zehn Jahren die Freiwilligenarbeit im Zoo Zürich begonnen. Heute kümmern sich 260 Personen um die Besucher. Kati Nussbaumer ist eine davon.

Den Besuchern die Anliegen der Zootiere näherbringen: Kati Nussbaumer und Boa Esmeralda.

Den Besuchern die Anliegen der Zootiere näherbringen: Kati Nussbaumer und Boa Esmeralda.
Bild: Doris Fanconi

Grosses Geschrei im Exotarium, Kinder schneiden Grimassen, Erwachsene gehen auf Distanz und zücken ihre Fotokameras. Mitten im Reptilienhaus steht Kati Nussbaumer und öffnet vorsichtig die mitgebrachte Box, entnimmt einen Sack. Zum Vorschein kommt die züngelnde Esmeralda, eine über zwei Meter lange und fünf Kilogramm schwere Boa Constrictor.

Im Nu ist Kati Nussbauer von einer Horde Zoobesucher umringt, die sie wild durcheinander mit Fragen bestürmen. «Igitt, eine Schlange! Darf ich sie einmal berühren? Ist sie giftig? Was frisst sie?» «So läuft das immer, wenn Esmeralda ihren Auftritt hat», sagt Nussbaumer, während die Königsschlange ihren Körper umschlingt und sich streicheln lässt. Das Tier bleibt ruhig, weil es für den Kontakt mit Menschen trainiert ist. Zwischendurch allerdings muss Nussbaumer vorwitzige Jugendliche in die Schranken weisen, welche ihr die Schlange abnehmen wollen: «Esmeralda gebe ich nicht aus der Hand. Jemand könnte erschrecken und sie auf den Boden fallen lassen.» Die Verletzungsgefahr für das Tier sei zu gross.

Einzigartig in Mitteleuropa

Kati Nussbaumer ist in ihrem leuchtend grünen T-Shirt im Zoo von weitem zu sehen. Sie ist Mitglied im Freiwilligenteam des Zoo Zürich (FTZ), das dieses Jahr sein 10-Jahr-Jubiläum feiert. Gegründet wurde es im Sommer 2000 mit 50 Personen, heute sind 260 im Zoo ehrenamtlich im Einsatz. Sie leisten ungefähr 21'000 Stunden pro Jahr oder über 150 000 in den vergangenen zehn Jahren. Das sind erstaunliche Zahlen, haben doch in der Schweiz viele Organisationen und Vereine Mühe, Leute für unentgeltliche Arbeit zu finden.

«Unser Freiwilligenteam ist ein Erfolg. Es gibt erst wenige Zooprojekte, die vom Prinzip ‹Volunteering› leben», sagt FTZ-Leiterin Yvonne Richard. Ein mit Zürich vergleichbares Engagement gebe es in ganz Mitteleuropa nicht. Mittlerweile ist das Interesse dermassen gross, dass der Zoo für Neuanmeldungen eine Warteliste führt. Richard: «Wir überlaufen. Der nächste Ausbildungskurs startet im Sommer 2011.» Diese grosse Nachfrage sei ein Beweis dafür, dass viele Menschen sich mit dem Zoo identifizieren können. So erklärt sich Direktor Alex Rübel die Beliebtheit des Freiwilligenteams. Und es sind nicht nur Pensionäre, die im Freiwilligenteam mitwirken. Das Durchschnittsalter liegt bei 55 Jahren. Die Mitglieder stammen aus ganz unterschiedlichen beruflichen Richtungen. Viele haben einen 100-Prozent-Job und engagieren sich in der Freizeit im Zoo. «Vom Studenten über die Hausfrau bis zum 85-Jährigen ist bei uns alles vertreten», sagt Kati Nussbaumer.

50 Arbeitsstunden pro Jahr

Ob Schildkröte, Pinguin oder Brillenbär, Nussbaumer möchte keine Minute ihrer freiwilligen Arbeit im Zoo missen. Sie steht vor allem an besucherstarken Tagen wie mittwochs oder an den Wochenenden im Einsatz und betreut auch spezifische Besuchergruppen wie Kinder, Senioren und Behinderte. «Wir sind in erster Linie Auskunftspersonen, welche die Anliegen der Zootiere und der Natur den Besuchern näherbringen.» Natürlich weiss sie auch, wo sich das Restaurant, der nächste Wickeltisch und die Toiletten befinden. Dass sie für ihre Arbeit keinen Lohn erhält, stört sie nicht. «Ich komme jeweils zufriedener nach Hause, als ich am Morgen weggegangen bin.» Ihre Motivation: Freude am Kontakt mit Menschen und Tieren.

Wer ins Freiwilligenteam aufgenommen werden will, verpflichtet sich, pro Jahr mindestens 50 Arbeitsstunden zu leisten. Zudem müssen Interessenten einen zehnwöchigen Ausbildungskurs absolvieren, unter anderem werden sie da in Wirbeltierkunde und Zoogeografie unterrichtet. Der Kurs dient vor allem dazu, alle Freiwilligen auf ein gemeinsames Niveau zu bringen. Zum Abschluss gibt es eine Prüfung. Nussbaumer: «Die ist aber nicht allzu streng.» Sie lacht und lässt Esmeralda wieder in der Box verschwinden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2010, 17:37 Uhr

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