Im Hagenholz hat der Vater todbringenden Asbest eingeatmet
Von Georg Gindely. Aktualisiert am 20.12.2011 19 Kommentare
SP will einen Entschädigungsfonds für Asbestopfer einrichten
Der Fall von Asbestopfer Magiel Saaman hat politische Auswirkungen. Die SP-Gemeinderätinnen Esther Straub und Katrin Wüthrich fordern den Stadtrat auf, einen Entschädigungsfonds für Asbestopfer einzurichten, die für die Stadt Zürich gearbeitet haben. Die Politikerinnen rechnen damit, dass die Zahl der Opfer bis 2020 ansteigt. Bis heute sind dem Stadtrat acht Fälle von Berufserkrankungen mit Ursache Asbest bei städtischen Angestellten bekannt, vier davon mit Todesfolge.
Der Entschädigungsfonds soll laut Esther Straub angemessene Genugtuungszahlungen ausrichten und andere Lücken beim Schadenersatz schliessen. Pro Fall rechnet Straub mit Kosten von 100 000 Franken für den Fonds. Asbestopfer können heute fast nie Schadenersatzforderungen geltend machen. Die Krankheit tritt meist erst über 15 Jahre nach dem ersten Kontakt mit dem Material auf. Die Arbeitgeber haften aber nicht mehr, wenn nach dem schädigenden Ereignis – also dem Einatmen der Fasern – mehr als zehn Jahre verstrichen sind. Die Gerichte wiesen alle Schadenersatzklagen wegen Verjährung ab.
Die Suva spricht den Erkrankten zwar eine Entschädigung zu, aber die wenigsten erhalten die volle Summe. Sechs Monate nach der Diagnose gibt es die erste Tranche, 18 Monate danach die zweite. Zu diesem Zeitpunkt leben aber nur noch wenige der Betroffenen – die meisten sterben nach Ausbruch der aggressiven Krebsart innert eines Jahres. Bis vor wenigen Jahren lag die Frist für die zweite Tranche bei zwei Jahren. Die Suva änderte ihre Praxis erst auf Intervention des Asbestopfervereins.
Wie viele Menschen in der Schweiz bis heute wegen Asbest gestorben sind, ist unklar; man spricht von 1600 bis 2000 Fällen. Bereits 1953 hatte die Schweiz die von den Fasern ausgelöste Lungenkrankheit Asbestose auf die Liste der Berufskrankheiten gesetzt, in den 60er-Jahren waren die tödlichen Auswirkungen bekannt. Dennoch sprach die Schweiz erst 1990 ein Verbot aus.
In der Stadtverwaltung kamen laut Stadtrat Mitarbeitende folgender Abteilungen mit Asbest in Kontakt:
Bei Entsorgung + Recycling (ERZ) wurde in beiden Kehrichtheizkraftwerken, bei der Fernwärme, bei den Kläranlagen sowie in den Werkstattbetrieben bis Ende der 80er-Jahre mit asbesthaltigen Materialien gearbeitet.
Bei den Verkehrsbetrieben (VBZ) wurden in den Tramtypen Kurbeli, Pedaler, Karpfen und Mirage asbesthaltige Materialien verbaut. Bis 1990 waren die VBZ-Busse mit asbesthaltigen Bremsbelägen ausgestattet.
Im Umwelt- und Gesundheitsschutz (UGZ) führt der Fachbereich Asbest Kontrollen durch und kommt bei Asbestunfällen zum Einsatz.
Im Sozialdepartement ist die Baugruppe des Jobladens, der tageweise Einsätze für Klienten anbietet, immer wieder mit dem Thema Asbest konfrontiert. Die Betreuer sind über die Gefahren informiert.
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Magiel Saaman starb Ende Juli, zwei Monate nach seinem 65. Geburtstag. Sein früherer Arbeitgeber, Entsorgung + Recycling Zürich (ERZ), gab keine Todesanzeige auf, schickte keinen Kranz. Die städtische Abteilung kondolierte der Trauerfamilie nicht einmal. Und das, obwohl Magiel Saaman über 35 Jahre für das ERZ gearbeitet hatte.
Der Holländer war bis zu seiner Frühpensionierung vor sechs Jahren Feinmechaniker und Spezialist für schwierige Reparaturen. Um sie vornehmen zu können, musste er im Kehrichtheizkraftwerk Hagenholz die Turbinen öffnen. Dabei kam er in Kontakt mit freigesetztem Staub der Asbestisolation. Das faserförmige Material kann tödliche Krankheiten verursachen.
Stadt meldete sich nicht mehr
Einige Asbestfasern fanden den Weg in Magiel Saamans Lunge. Dort steckten sie jahrelang fest, bis sie Krebs auslösten. Letztes Jahr diagnostizierten die Ärzte ein sogenanntes Pleuramesotheliom, einen Tumor des Brustfells, der fast immer Asbest als Ursache hat.
Die Familie informierte den früheren Arbeitgeber. Die Betriebsärztin habe gefragt, ob man weiteren Kontakt wünsche. Das habe die Familie bejaht. Danach habe sie nichts mehr von der Ärztin gehört. Nur kurz war man nochmals mit dem ERZ in Kontakt: Die Angehörigen baten die Verantwortlichen, die früheren Arbeitskollegen über die Krankheit des Vaters und das Asbestrisiko zu informieren. Die Dienstabteilung, die zum Tiefbau- und Entsorgungsdepartement von Ruth Genner (Grüne) gehört, führte daraufhin im vergangenen Herbst zwei Infoveranstaltungen durch.
Schmerzen und Panikattacken
In der Zwischenzeit hatten die Ärzte eine Chemotherapie durchgeführt und einen Lungenflügel von Magiel Saaman entfernt. Darauf folgten Bestrahlungen. Zwischendurch ging es dem Patienten besser, er und seine Familie schöpften Hoffnung. Bis Magiel Saaman im Frühling einen Rückfall erlitt. Der aggressive Krebs breitete sich auf der Leber und in der Bauchhöhle aus. Saaman litt unter grossen Schmerzen, sein Zustand verschlechterte sich dramatisch. «Es war kein Sterben», sagt sein Sohn Harold Saaman, «es war ein Verrecken.»
Harold Saaman (41) und seine Schwester reduzierten ihr Arbeitspensum, um ihren Vater pflegen und ihrer Mutter beistehen zu können. Immer wieder mussten sie in den Notfall, weil es ihrem Vater akut schlechter ging und er an Komplikationen litt. Oft hatte er Panikattacken. Die Situation belastete auch die Angehörigen stark. Noch heute leidet Harold Saaman an starken Schlafstörungen.
Kritik am Schutz der Arbeiter
Dass die Stadt Zürich auf die Erkrankung seines Vaters kaum reagiert hat, ärgert und enttäuscht Harold Saaman. Vor allem auch, weil er glaubt, dass die Stadt ihre Mitarbeiter in den 70er- und 80er-Jahren zu wenig gut geschützt hatte. Damals war die Gefährlichkeit von Asbest bereits bekannt, aber das Material noch nicht verboten. Was ihn weiter stört: «Hätten wir uns nicht beim ERZ gemeldet, wären seine Arbeitskollegen wohl nicht informiert worden.»
Das bestreitet ERZ-Sprecherin Leta Filli. «Magiel Saaman ist der erste Fall einer Asbesterkrankung von Mitarbeitenden, der uns bekannt wurde.» Die Abteilung habe sofort reagiert und zu Informationsveranstaltungen eingeladen. Dies wäre auch ohne ausdrückliche Bitte der Familie Saaman geschehen. Zudem habe man den Mitarbeitern eine medizinische Untersuchung auf Kosten des ERZ angeboten.
Die Fachleitung Gesundheitsmanagement des ERZ habe mehrere Telefonate mit Sohn Harold Saaman geführt. Die Betriebsärztin habe ihre Unterstützung und einen Spitalbesuch bei Magiel Saaman angeboten. Da dieser frisch operiert war, habe dies der Sohn abgelehnt. Sie habe die Familie deshalb in Ruhe gelassen, was für den Moment richtig gewesen sei. «Hingegen ist es aus heutiger Sicht ein Fehler, dass sie später das Angebot nicht erneuert hat», sagt Filli.
Ruth Genner spricht Beileid aus
Auf den Tod von Magiel Saaman habe das ERZ nicht reagiert, weil weder die ehemaligen Vorgesetzten noch der Personaldienst eine Todesanzeige erhalten hätten. Erst über die Pensionskasse habe das ERZ vom Tod des früheren Mitarbeiters erfahren. «Offenbar verkannten wir, dass es trotz verstrichener Zeit geboten gewesen wäre, uns bei der Familie zu melden. Dies bedauern wir sehr», sagt Filli.
Stadträtin Ruth Genner hat Harold Saaman und seiner Familie dieser Tage ihr Beileid ausgesprochen. Auch Stadtpräsidentin Corine Mauch (SP) zeigte sich in einem Schreiben betroffen. Die Politikerinnen reagierten auf ein E-Mail von Harold Saaman an die Stadtregierung, in dem er vergangene Woche seiner Verärgerung Ausdruck verlieh.
Lediglich eine Papiermaske getragen
Und der Schutz der Angestellten? Laut Leta Filli habe man «nach bestem Wissen und Gewissen das Möglichste getan, um die Mitarbeitenden vor Asbest zu schützen». In den 70er- und 80er-Jahren – bevor Asbest 1990 verboten wurde – habe man dem Personal Schutzmasken zur Verfügung gestellt.
«Mein Vater und seine Kollegen trugen bei der Arbeit lediglich eine Papiermaske», sagt Harold Saaman. Er fürchte um die Gesundheit der anderen Mitarbeiter – und auch um seine eigene und die seiner Angehörigen. Magiel Saamans Ehefrau hat die Arbeitskleider ihres Mannes gewaschen, die Kinder haben den Vater umarmt, als er nach der Arbeit heimkam. «Eine Faser in der Lunge genügt, um die Krankheit auszulösen», sagt Harold Saaman. «Wer sagt, dass es nicht auch uns treffen wird?» (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 20.12.2011, 07:23 Uhr
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19 Kommentare
Also ihr lieben Leute in Zurich. Es gibt keinen Unterschied ob linke Politiker , oder die SVP in einer Stadt Regierung sitzen wie in Zurich, fast alle Politiker glauben nur an sich. Das Volk wird betrogen und belogen und fast alle Politiker glauben an ihre eigene Macht. Wenn sie gewaehlt sind, so sind sie alle gleich. Sie interessieren sich nicht mehr fuer die Waehler, fuer die Einzelschicksale. Antworten
Der Staat macht Vorschriften und er als Arbeitgeber hält diese nicht ein. Selst erlebt, habe ich doch vor entlichen Jahrzehnten Quecksilberdapf-Gleichrichter revidiert, auch ohne Schutzkleidung! Während rund 2 Wochen waren dann alles nur noch schwarz! Meine Gesundheit? Nach 2 Opraationen (Krebs Darm/Lunge) wieder stabil. Antworten

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