Im grossen Uterus
Von Silvia Tschui. Aktualisiert am 12.03.2010 2 Kommentare
Ottomanische Verführungstänze unter Discokugeln: Das Stairs in Altstetten. (Bild: Tilllate.com)
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Es kam alles anders, aber beginnen wir von vorne: Eigentlich, so dachte ich mir im Vorfeld, wird das ein todlangweiliger Artikel, der es verlangt, beispielsweise mit Asterix-und-Obelix-Referenzen aufgepeppt zu werden. So à la: «Die ganze Schweiz ist von vernünftigen Bürgern besetzt, bloss ein kleines Trüppchen von Technoveteranen leistet erbitterten Widerstand.»
Man hätte dann auch prima einen Miraculix–Charakter einführen können, leicht verwittert und angegraut, der einem mittels Zaubertrank respektive Zauberpillen übermenschliche Kräfte für das partytaugliche Durchhalten gegen den Sonntagsblues übereignen würde.
Der Leser merkt es vielleicht: Eine Reportage über den letzten After-Hour-Club Zürichs – das Stairs beim Letzipark, durchgehend offen von Freitagnacht bis Sonntag um 22 Uhr – zu schreiben, stiess bei mir auf wenig Begeisterung. Sonntagabend, leise rieselte noch der Schnee – und sich freiwillig ohrbestöpselt in einen feuchten, warmen, wummernden Raum begeben? Wääh!
Es beginnt auch genauso: «Treppensteigen macht einen Knackarsch» steht auf einem Plakätchen, wohl als Motivationshilfe, beim Aussentreppenaufstieg in den Club im fünften Stock. Zwei Typen, Gelfrisur, stolpern mir, vom Türsteher offensichtlich herausgeschmissen, entgegen. «Geht schlafen» ruft ihnen Letzterer hinterher. Ich habe gleich einen feucht-nassen Arm um den Hals und auch eine feucht-nasse Aussprache im Gesicht: «Schlafe! Schlafe Mann! Chunnsch au mit mir go schlafe!» Äh, danke. Fassungslos: «Warum Mann, ich im Fall mega fette Schwanz!» Maximal eine Stunde gebe ich mir in diesem Club, denke ich, maximal!
Nichts für Herzschrittmacher
Drinnen geht es dann aber gesitteter zu und her. Keine Dinosaurier der 90er-Techno-Szenis, sondern ein recht heterogenes Publikum: Weisse, braune, gelbe Haut in allen Schattierungen, Dünne, Dicke, Züchtige und Quellbrüstige. Und huscht da nicht gar ein Thai-Ladyboy über die Tanzfläche? Die Musik: Als ob Bonanza auf einem epileptischen Pferd über eine gummiartige Oberfläche galoppieren würde. Menschen mit Herzschrittmachern bekämen innert Sekunden ernsthafte Probleme.
Das Dekor: Moskitonetzartige Schleier im Raum erlauben eine Art ottomanische Verführungstanz-Situation herzustellen, so das Publikum dies wünscht. Die Wände sind rot gestrichen, Lichtpunkte der Discokugeln strömen ihnen hellrot entlang. Die Luft ist tatsächlich feucht.
Es sind insgesamt recht wenige, die sich auf der Tanzfläche, den Sofas und an der Bar verteilen. An der stehe ich nicht lange allein mit meinem Glas Prosecco. Irgendeiner stülpt mir von hinten einen leopardengemusterten Hut über den Kopf. Dann gibts ein Küsschen auf die Backe, eine Hand legt sich um den Oberarm und zieht, und dann wird getanzt. Zu zweit, allein in Grüppchen.
Ein Mädchen blättert an der Bar durch meinen Notizblock: «He, schreib ja nichts Negatives!» Sie hat die Klo-Notiz entdeckt; dort sass ich zuvor minutenlang wie ein Fuchs in der Eisenfalle. Ein klemmender Klopapierdispenser und eine ungünstig hineingezwängte Hand brachten mich in diese – an diesem Abend einzige – missliche Lage. «Warum nicht?», will ich wissen.
Keine besoffenen Idioten
Die Antwort kommt prompt. Weil das der einzige Club sei, in dem sie sich wohlfühle. Besoffene Idioten würden sofort rausgestellt, der Clubbesitzer reisse sich (O-Ton) «den Arsch auf» und verdiene im Fall keine schlechte Presse, sondern mehr Publikum. Im nächsten Moment werde ich von hinten zu einer Art Hopstanz-Sirtaki entführt.
Ausbeute nach fünfundvierzig Minuten: Acht Umarmungen von wildfremden Menschen, Jungen wie Mädchen, vierzehn spontane Wangenküsschen, zwei spendierte Gläser Prosecco, fünf wirre Konversationen – aber ist egal –, vier Tanzpartner verschiedenen Geschlechts und ein diffus wohliges Gefühl des Aufgehobenseins, ganz ohne chemische Beeinflussung meinerseits.
Nach einer Stunde, um acht Uhr Abends, muss ich gehen und will gar nicht. Der Raum spuckt mich aus, Strassenlaternen blenden mich viel zu hell, es ist kalt. Das Wummern der Bässe stoppt abrupt – und mich ereilt schon auf der zweiten Treppenstufe eine Epiphanie: Wann sonst im Leben hat man sich in einem dunklen, feuchten, engen Raum mit einem regelmässigen Bassschlag aufgehoben, warm und wohl gefühlt? Und bei der Verstossung aus demselben Raum hammerhart die kalte Realität der Welt ins Gesicht gehauen bekomme? Kein Wunder, bleiben die da alle stundenlang drin und wollen nicht raus. So ein After-Hour-Club ist eigentlich nichts anderes als ein grosser Uterus.
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Erstellt: 12.03.2010, 04:00 Uhr
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2 Kommentare
super! so einen artikel brauchte es einmal in einer zeitung! eine, die es wirklich begriffen hat! ;-) hoffe es bringt was, damit der club nicht weiterhin verabscheut wird und der "freund und helfer" sich lieber mal Wichterem annimmt! lg Antworten
Danke, für diesen tollen Artikel. Dies hat es gebraucht! Es ist ein Club in dem man/frau sich wohlfühlt. Ich kann als Frau alleine hingehen und fühle mich wie beschrieben aufgehoben, intergriert und einfach gut. Und dies alles ohne chemische Hilfsmittel - obwohl die Polizei einem dies nicht abnimmt. Vor allem setzt sich die Clubleitung auch sehr dafür ein, dass es nicht ausartet. Super, danke! Antworten


































