«Implenia glaubt, das Stadion sei sicher, doch Glaube genügt mir nicht»

Von Arthur Rutishauser. Aktualisiert am 15.03.2010

Erstmals spricht Hochbauvorsteherin Kathrin Martelli von gravierenden Baumängeln im Stadion Letzigrund. Und sie wirft der Totalunternehmerin Implenia vor, die technischen Daten unter Verschluss zu halten.

«Nicht verhandlungsbereit»: Stadträtin Kathrin Martelli.

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Bild: Keystone

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Frau Martelli, wann waren Sie zum letzten Mal im Letzigrund?
Das war am 15. September. Gesehen habe ich, wie der FCZ trotz grosser Unterstützung gegen Real mit 2:5 eingebrochen ist. Irgendwelche Mängel am Stadion konnte ich von blossem Auge natürlich nicht sehen. Dafür braucht es umfangreiche materialtechnische und statische Abklärungen, welche von Spezialisten gemacht werden müssen.

Implenia (IMPN 30.3 2.02%) betont, das Stadion sei sicher. Was lässt die Stadt daran zweifeln?
Die Implenia verfügt über keine gesicherten Grundlagen, um eine solche Aussage zu treffen. Die Implenia hat bis heute die von uns mehrfach angeforderten Daten zu Bauteilabmessungen, Lasten und Spannungen noch nicht geliefert. Zudem haben unsere eigenen Untersuchungen ergeben, dass die Aussage der Implenia nicht richtig ist. Die festgestellten Schäden und Mängel sind keine Bagatelle. Die Implenia glaubt, das Stadion sei sicher. Glaube allein genügt mir in dieser Angelegenheit nicht – ich will es wissen.

Handelt es sich um kleine Mängel oder allenfalls um ein Grundproblem der Statik oder der verwendeten Materialien?
Ich will nicht dramatisieren. Mit den provisorischen Stützen ist das Stadion absolut sicher. Aufgrund des heutigen Kenntnisstandes und aufgrund der Untersuchungen muss jedoch in bautechnischer Hinsicht von grösseren Baumängeln, und zwar mit Bezug auf das Material und mit Bezug auf die Statik, ausgegangen werden.

Wann kommen die Stützen weg?
Wir hoffen Ende Juli. Sicher so schnell wie möglich. Aber auch hier gilt: Sicherheit geht vor. Die Stützen kommen erst dann weg, wenn unsere Experten bestätigen, dass die Sicherheit auch ohne die Stützen zu 100% gewährleistet ist. Die Stadt hat eine klare Haltung und diese der Implenia auch mitgeteilt: Jegliches Risiko für alle Nutzenden muss absolut ausgeschlossen werden können.

Wer entscheidet, ob die Stützen wirklich notwendig sind?
Ich. Dabei stütze ich mich auf die Meinung der Fachleute. Da uns die Implenia die entsprechenden bautechnischen Daten nicht geliefert hatte, musste sich die Stadt ein eigenes Bild über die Sachlage machen. Dabei kamen wir nach sehr aufwendigen Untersuchungen zu einem anderen Schluss als die Implenia.

Wird ein Schiedsgericht in Bezug auf die Baumängel eingeschaltet?
Dies kommt für die Stadt nicht in Frage. Ein Schiedsgericht wird vor allem dann eingesetzt, wenn beide Parteien Fehler gemacht haben und wenn ein Schiedsrichter entscheiden soll, wer in welchem Umfang verantwortlich ist. Beim Letzi ist das ganz anders: Die Stadt hat bei der Implenia als Totalunternehmerin ein Stadion bestellt, und die Implenia hat der Stadt im Vertrag versprochen, dieses nach den Regeln der Baukunde zu bauen. Da das Stadion trotzdem Baumängel aufweist, hat die Implenia dafür einzustehen und das Stadion zu sanieren. Die Rechtslage ist klar, weshalb die Stadt hier nicht verhandlungsbereit ist.

Betreffend des Auftrags an Implenia gibt es widersprüchliche Angaben. Hat nun Implenia aufgrund von Plänen der Stadt gebaut oder aufgrund eigener Pläne?
Wie bei grösseren Bauprojekten üblich, hat die Stadt das Projekt ausgeschrieben und deswegen auch definiert, was gebaut werden muss, nämlich ein Stadion. Dafür waren gewisse planerische Vorarbeiten erforderlich, sonst könnten die Unternehmer ja gar keine Offerten machen. Jeder Totalunternehmer, der mit der Stadt einen Vertrag macht, muss der Stadt dann aber vertraglich versprechen, die planerischen Vorarbeiten der Stadt auf ihre Richtigkeit zu prüfen und die Verantwortung für die Ausführung auf der Grundlage dieser Planung vollumfänglich zu übernehmen. Das ist eben der Unterschied zwischen Generalunternehmer und Totalunternehmer – der Totalunternehmer ist auch für die Planung verantwortlich und erhält dafür einen höheren Werkpreis. Die Stadt hat die Implenia überdies für die Planung vollständig bezahlt.

Wer hat den Ingenieuren Walt+Galmarini den Auftrag erteilt?
Vor der Vergabe an den Totalunternehmer die Stadt, dann logischerweise Implenia.

Ist im Vertrag mit Implenia festgelegt, dass die Totalunternehmung für alles haftet, auch wenn sich herausstellen sollte, dass die vorgelegten Pläne nicht wie vorgesehen umgesetzt werden können?
Ja. Das sind unsere üblichen Verträge.

Gab es Zusatzwünsche der Stadt, die über den ursprünglichen Vertrag hinausgingen?
Ja, ein paar wenige. Für diese hat man schriftliche Zusatzaufträge mit separaten Preisen vereinbart, welche vollständig bezahlt wurden. Die heutigen Zusatzforderungen der Implenia sind aus meiner Sicht in keiner Weise nachvollziehbar und die Implenia hat auch die geforderten Beträge immer wieder verändert, aber nie genau begründet.

Bereits am Anfang waren die Stahlträger ein Thema. Was genau wurde mit Implenia vereinbart betreffend der Zusatzkosten, wenn es mehr Stahl braucht als ursprünglich angenommen?
Gar nichts. Dies war auch nicht nötig, es ist Sache des Totalunternehmers, die erforderliche Stahlmenge zu berechnen und aufgrund dieser Berechnungen den erforderlichen Stahlpreis in den Gesamtpreis bzw. in die Gesamtofferte für das Stadion Letzigrund einfliessen zu lassen. Das hat die Implenia auch getan.

Ist es korrekt, dass die Stadt zusammen mit Implenia die Pläne nochmals prüfen liess?
Das ist falsch. Die Pflicht zur Prüfung der Pläne oblag der Implenia und nicht der Stadt. Dies ist üblich in Totalunternehmerverträgen und wurde auch hier so vereinbart. Uns ist nichts von einer gemeinsamen Prüfung bekannt und auch nichts von angeblich schon länger bekannten Sicherheitsproblemen. Das sagt der «Tages-Anzeiger», der auch behauptet, man habe überlegt, das Projekt zu stoppen und die Stadt habe externe Experten beigezogen. Das ist alles falsch und schlecht recherchiert.

Trotzdem bleiben wir bei unserer Aussage. Wird die Stadt nun betrieben?
Wir haben keine Betreibung erhalten.

Warum werden die Verträge mit Implenia nicht einsehbar?
Das gesamte Vertragswerk ist sehr umfangreich und eignet sich nicht zur Einsicht. Im Übrigen wäre es unsinnig, eine Diskussion über die Bedeutung von Vertragsbestimmungen über die Medien zu führen. Es ist ja so, dass die Implenia Nachforderungen gestellt hat und nicht die Stadt, weshalb die Stadt nicht von sich aus kommuniziert hat.

Mit Kathrin Martelli (FDP) sprach Arthur Rutishauser

Das Interview wurde schriftlich geführt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.03.2010, 04:00 Uhr

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