In Köln bewähren sich die Sexboxen

Verrichtungsboxen statt Strassenstrich – ist das die Lösung für Zürich? Ein Augenschein in der Anbahnungszone von Köln.

Mit Alarmknopf ausgerüstet: Die «Boxenscheune» mit den Verrichtungsboxen im Kölner Stadtteil Longerich.

Mit Alarmknopf ausgerüstet: Die «Boxenscheune» mit den Verrichtungsboxen im Kölner Stadtteil Longerich. Bild: Uwe Weiser (Express)

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Polizeivorsteher Daniel Leupi (Grüne) holt sich wegen der Missstände auf dem Sihlquai-Strich Rat im Ausland. Am 1. Oktober reist er mit einer achtköpfigen Delegation nach Köln, um sich dort über die sogenannten Verrichtungsboxen zu informieren. Neben Rolf Vieli, Leiter des Projekts Rotlicht, begleiten Leupi Vertreter aus dem Sozial-, Gesundheits- und Hochbaudepartement sowie aus der Stadtentwicklung. Leupi hat das Kölner Modell als eine Option bezeichnet.

Wie Zürich kämpfte auch Köln während Jahren mit den massiven Auswüchsen der Strassenprostitution in der Innenstadt. Bewohner des Sperrbezirks litten unter aufdringlichen Freiern, Schmutz und Lärm. Die Polizei versuchte die meist drogensüchtigen Prostituierten von der Strasse zu vertreiben. Doch die repressive Taktik linderte die Probleme nur kurzfristig. Deshalb gingen die Behörden einen neuen Weg. Köln startete 2001 im Stadtteil Longerich, im Norden der Stadt, mit einem für Deutschland einmaligen Experiment: Verrichtungsboxen in einem abgetrennten und überwachten Gelände mitten im Industriequartier an der Geestemünder-Strasse. Der «Tages-Anzeiger» hat sich auf dem Platz umgesehen.

Durchlöcherter Sichtschutz

Schilder, die im Industriequartier den Weg zu den Strichboxen weisen, sucht man vergebens. Freier finden ihr Ziel auch ohne Hilfe. Das Gelände ist so gross wie ein Fussballfeld, hat auch dieselbe Form und ist von einem grünen, zwei Meter hohen Sichtschutz umgeben. Zahlreiche überklebte Löcher im Zaun zeugen vom Treiben der Spanner. Die Strasse im Inneren führt den Zaun entlang, darf nur in einer Richtung und im Schritttempo befahren werden. Im Amtsdeutsch heisst sie «Anbahnungszone». Hier sitzen die Prostituierten in ausgedienten Unterständen von Bushaltestellen und warten auf Kundschaft. An diesem Freitagnachmittag drehen bereits Dutzende von Wagen ihre Runde.

Die 23-jährige Olga (Namen der Prostituierten geändert) im rosa Tanga und mit schwarzen Stiefeln lächelt einem Golf-Fahrer zu. Er hält. Kurzes Gespräch. Olga steigt ein, und der Golf fährt in den hinteren Teil des Geländes. Dort stehen die Verrichtungsboxen unter dem Dach einer ausgedienten Scheune – die «Boxenscheune». Acht solcher Garage-ähnlicher Boxen mit farbigen Zwischenwänden und zwei gemauerte «Stehboxen» stehen zur Verfügung. Darin vergnügen sich alle, die ohne Auto unterwegs sind: Motorradfahrer, Radfahrer und Fussgänger. Seit kurzem steht auf Wunsch der Prostituierten eine ausrangierte Parkbank im kleinen Raum. Neben den Zweiradfahrern würden auch vorsichtige Autofahrer die Stehboxen bevorzugen, sagt die rot blondierte Samara: Diese Männer hätten Angst, dass ein Haar oder eine im Auto vergessene Kondomverpackung sie verraten könnte. Alle Boxen sind mit einem Alarmknopf ausgestattet.

In den vergangenen Jahren ist zehnmal Alarm ausgelöst worden, meistens wegen Streitereien zwischen Freiern und Prostituierten. Innert Minuten ist die Polizei auf dem Platz. Früher seien im Sperrbezirk fast täglich Prostituierte vergewaltigt worden, sagt Bärbel Bach vom Sozialdienst Katholischer Frauen (SKF). Sie betreut mit Arbeitskolleginnen die Prostituierten, gibt ihnen Tipps und Kondome, verkauft Kaffee und leistet in allen Lebenslagen Unterstützung.

Harte Konkurrenz

Zehn Minuten nachdem Olga in der Boxenscheune verschwunden ist, steht sie im gelben SKF-Container an der Theke. «Bitte zwei Kondome, Feuchttüchlein und ein Schinkensandwich.» Sie macht einen zufriedenen Eindruck und zählt die Scheine: 40 Euro. So viel zahlen die Männer im Durchschnitt. Die Mehrheit habe keine ausgefallenen Wünsche, sondern wolle sich «nur schnell befriedigen», sagt Olga. An schlechten Tagen akzeptiere sie auch nur 15 Euro, sagt Jasmin, die auf dem Sofa Tee trinkt. «Besser als nichts», meint die 28-Jährige. Am meisten nerven sie die herumkurvenden Gaffer: eine Hand am Steuer, die andere in der Hose. Aber sie will sich nicht beklagen. Die Verrichtungsboxen seien viel angenehmer und vor allem sicherer als der Strassenstrich. Zuvor habe sie mit ihren Kunden an abgelegene Orte fahren müssen.

Die Arbeit und die Konkurrenz sei hart, klagt Olga. Trotzdem gebe es zwischendurch auch etwas zu lachen. Einmal sei ein Freier, nur mit einem lila Frotteetuch bekleidet, vor seinem verschlossenen Wagen gestanden. Peinlich berührt seien die Männer auch, wenn die Autobatterie leer sei, weil während des Aktes die Heizung auf Hochtouren lief. Die Russin schaut auf ihre Uhr. «Jetzt muss ich wieder arbeiten», sagt Olga. Sie zupft ihren Slip zurecht, zieht die Stiefel hoch und geht zu ihrem Unterstand. Im nahe gelegenen Ford-Werk ist Schichtwechsel – Hochbetrieb für die Damen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.09.2010, 23:29 Uhr)

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Soll es auch in Zürich Verrichtungsboxen geben?

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Vorschriften: Sicher und sauber

    Für das Gelände mit den Verrichtungs- und Stehboxen haben die Kölner Behörden eine Haus- und Platzordnung erlassen:
  • «Das Gelände darf nur mit Personenkraftwagen ohne Anhänger, Motorrädern und Fahrrädern in Schrittgeschwindigkeit befahren werden.»

  • «Das Gelände besteht aus einer Anbahnungszone und aus Arbeitsplätzen. Die Arbeitsplätze sind zum Schutz der Prostituierten eingerichtet, um Gewaltübergriffe von Kunden zu verhindern.»

  • «Die Stadt Köln stellt das Gelände unentgeltlich zur Verfügung. Es ist ausdrücklich untersagt, Standgelder zu fordern oder feste Standplätze zu beanspruchen.»

  • «Nach jeder Nutzung ist der Arbeitsplatz sauber zu hinterlassen. Benutzte Verhütungsmittel und andere Abfälle sind in die vorhandenen Abfallbehälter zu entsorgen.»

  • «Die sanitären Einrichtungen stehen ausdrücklich nur den Prostituierten zur Verfügung.»

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