Zürich

In Zürich fehlt es an Notwohnungen für Senioren

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 23.11.2011 60 Kommentare

Viele Rentnerinnen und Rentner müssen aus ihrer Wohnung ausziehen. Für die Beratungsstelle Wohnen im Alter wird es immer schwieriger, für sie eine Notunterkunft zu finden.

Problematik Umzug im Alter: Viele Senioren verfügen über zu wenig «Wohnungssuch-Kompetenz».

Problematik Umzug im Alter: Viele Senioren verfügen über zu wenig «Wohnungssuch-Kompetenz».
Bild: Sabina Bobst

Spekulationsobjekt: Verkauf steht unmittelbar bevor

Noch ist nicht entschieden, wie es an der Südstrasse 100 bis 108 weitergeht. Die 3000 Quadratmeter grosse Liegenschaft mit 4 Häusern und 20 Wohnungen, welche der Pensionskasse der Berner-VersicherungsGruppe gehört, soll in diesen Wochen an den Meistbietenden verkauft werden. Die Kasse braucht dringend Geld, weil sie viele Rentner, aber zu wenig aktive Beitragszahler hat. Die Bewohner fürchten, dass die Häuser abgerissen und Luxus-Eigentumswohnungen gebaut werden. Immobilienexperten sagen, an dieser Lage könnten die Wohnungen für 2,5 bis 3 Millionen Franken pro Einheit verkauft werden. Die Parzelle sei «eines der Filetstücke, die in Zürich in diesem Jahr auf den Markt kommen». Sie rechnen mit einem Verkaufspreis zwischen 10 und 15 Millionen Franken (TA vom 31. 10.).

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Wenn ältere Mieterinnen und Mieter im Büro von Silvia Seiz-Gut und Bernadette Beeler sitzen, eilt es oft. Sie müssen in wenigen Monaten aus ihrer Wohnung ausziehen, haben aber keine andere in Aussicht (TA von gestern). Die städtische Beratungsstelle «Wohnen im Alter» kann zwar auf eine variable Zahl von Notwohnungen zurückgreifen, aber selbst für diese bestehen inzwischen Wartezeiten von sechs bis acht Monaten.

Seit Anfang dieses Jahres musste das Team der Beratungsstelle für 60 ältere Personen eine Notunterkunft suchen. Noch vor wenigen Jahren konnte es allen Interessenten mehrere Wohnungen anbieten, in die sie rasch einziehen konnten. Inzwischen ist der Wohnungsmarkt derart ausgetrocknet, dass lange Wartelisten entstanden sind. Fast 1500 Personen sind dieses Jahr an die Beratungsstelle gelangt, 40 Prozent von ihnen, weil sie aus ihrer Wohnung ausziehen mussten oder nach einer Renovation die Miete nicht mehr bezahlen konnten.

Angst vor neuer Umgebung

Wo aber bringen die Beraterinnen Personen unter, die kein halbes Jahr auf eine Wohnung warten können? Erst klären sie ab, ob diese vorläufig bei Angehörigen unterkommen können, in ihrer Ferienwohnung oder in einem Appartementhaus. In Zürich, sagt Silvia Seiz-Gut, müsse niemand Angst haben, dass er auf einmal auf der Strasse stehe. Zwei Personen blieb aber nichts anderes übrig, als im Altersheim auf eine Wohnung zu warten. Für Rentner, die noch selbstständig sind, oft eine grosse Kränkung.

So weit müsste es nicht kommen. Viele Interessenten haben aber erstens hohe Ansprüche und schieben zweitens die Wohnungssuche zu lange hinaus. «Sie haben Angst, dass sie sich in einer neuen Umgebung nicht mehr zurechtfinden», erklärt Bernadette Beeler. Ältere Personen haben in ihrem Quartier ihre Ärztin, ihren Apotheker und kennen die Verkäuferinnen. Diese wissen, dass sie nicht gut hören oder die Münzen im Portemonnaie nicht mehr voneinander unterscheiden können, und sind ihnen behilflich. So können sich ältere Leute im gewohnten Umfeld sicher bewegen, in einem fremden Quartier aber fühlen sich viele verloren; sie würden auf unangenehme Weise mit ihren Unzulänglichkeiten konfrontiert. Bernadette Beeler erzählt von einer Rentnerin, die ihr Leben lang in Hottingen wohnte und im hohen Alter nach Witikon ziehen musste. Die Wohnung war nur 400 Meter von ihrer bisherigen entfernt, «für sie war es aber so fremd, als müsste sie ins Ausland gehen».

Senioren unterschätzen die Situation

Bei anderen Interessenten wird die Zeit knapp, weil sie sehr genaue Vorstellungen von ihrer künftigen Wohnung haben. Die einen bestehen auf einer Abwaschmaschine, andere auf einer Garage und dritte wollen nicht vom Seefeld ins nahe Flunternquartier ziehen.

Silvia Seiz-Gut versteht, dass die Leute Ansprüche an eine Wohnung haben; je älter und unbeweglicher sie werden, desto mehr Zeit verbringen sie darin. Wenn es eilt, sind aber nur Wohnungen wie diese realistisch: ein Zimmer von 19 Quadratmetern plus Küche, die gleichzeitig auch Entrée ist. Standort: Mittel-Leimbach.

Viele ältere Personen, so beobachtet die Sozialarbeiterin, unterschätzen die Situation auf dem Wohnungsmarkt völlig. Ein Herr Anfang siebzig etwa, der noch eine eigene Firma betreibt, gelangte erst einen knappen Monat vor Auszugstermin an die Beratungsstelle. Viel zu lange hatte er mit der Suche zugewartet, und seinen Sohn mochte er nicht um Hilfe bitten; er wollte ihm gegenüber nicht die Rolle des Hilflosen einnehmen. Lieber ging er ins Altersheim – und fühlt sich dort äusserst wohl. Der gut gekleidete Mann mit besten Umgangsformen ist im Heim sehr beliebt. Und da für ihn gekocht und die Wäsche erledigt wird, hat er nun viel Zeit für seine Firma.

Noch nie eine Wohnung gesucht

Berichte über Leute, die aus ihrer Wohnung ausziehen müssen, lesen Bernadette Beeler und Silvia Seiz-Gut mit Zurückhaltung. Viele hätten durchaus Angebote, könnten sich aber nicht damit arrangieren. Etwa das Pfarrehepaar, das Zeit seines Lebens in einem grossen Haus gelebt hatte und 700 Franken dafür bezahlte. Es hätte in eine Alterswohnung mit zwei oder drei Zimmern wechseln können, die – Wäschedienst oder Notruf inklusive – ab 1600 Franken kostet. Das Paar hätte es sich leisten können, wollte aber nicht so viel Geld ausgeben.

Die Beratungsstelle vermittelt nur Alterswohnungen oder Altersheimplätze der Stadt. Personen, die auf dem freien Markt eine Wohnung suchen, leiten sie an andere Stellen weiter. Viele ältere Leute, so sagen die Beraterinnen, verfügen über keine «Wohnungssuch-Kompetenz». Sie haben keine Ahnung, wie sie eine finden oder sich bewerben können; Wohnungsinserate sind weitgehend aus dem «Tagblatt der Stadt Zürich» verschwunden, das Internet ist ihnen fremd. So bleibt vielen älteren Leuten der Zugang zum Wohnungsmarkt praktisch verwehrt. Es sind auch schon ältere Leute an die Beratungsstelle gelangt, die noch nie eine Wohnung suchen mussten. Sie hatten etwa jene ihrer Eltern übernommen und blieben ihr Leben lang darin.

Auf der anderen Seite ziehen viele Vermieter jüngere Leute den älteren vor, und dies, obwohl sie die Miete eher pünktlich bezahlen, den Abfall ordentlich entsorgen und keine lauten Partys feiern. Weshalb? Silvia Seiz-Gut erklärt sich dies mit den unbewussten Ängsten, die mit dem Alter verbunden sind. Es werde mit Krankheit und Problemen in Verbindung gebracht, und dem wichen Vermieter gerne aus. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.11.2011, 22:11 Uhr

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60 Kommentare

Rita Bühler

23.11.2011, 07:58 Uhr
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Der Bund und die Kantone planen lieber Asylantenheime, das ist populärer. Für diejenigen, welche die Schweiz aufgebaut haben, als Kinder neben der Schule gearbeitet und sich vieles vom Mund abgespart haben, für diese wird sehr wenig unternommen. Sehr schade dass sich die Politiker nicht die Zeit nehmen, sich mit jener Generation zu unterhalten und die Arbeit derer anhaltend zu würdigen. Antworten


Schorsch Baschi

23.11.2011, 07:46 Uhr
Melden 46 Empfehlung

Die sollen einen Asylantrag stellen und dann kriegen diese Leute was sie wollen. Antworten



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