«In Zürich ist viel mehr möglich»

Mikael Colville-Andersen, Velobotschafter aus Kopenhagen, stellt dem Zürcher Radwegnetz ein schlechtes Zeugnis aus. Der Velobeauftragte der Stadt nimmt Stellung zur heftigen Kritik.

Kein Platz für Velos: Radfahrerin nutzt Trottoir an der Zürcher Rämistrasse.

Kein Platz für Velos: Radfahrerin nutzt Trottoir an der Zürcher Rämistrasse. Bild: Christoph Landolt

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Herr Walter, nach einer Radrundfahrt mit dem «Tages-Anzeiger» meint ein Kopenhagener Velobotschafter, Zürich sei in Sachen Velofreundlichkeit «Lichtjahre im Hintertreffen». Wie sehen Sie das?
Verglichen mit Velostädten wie Kopenhagen kann Zürich nicht mithalten, das ist klar. Bei anderen Städten wie Paris oder Barcelona, die im Bericht ebenfalls genannt werden, sehe ich dies aber nicht. In diesen Städten wurde in den letzten Jahren zwar viel gemacht, aber Paris beispielsweise ist noch immer kein Veloparadies.

Gleiches scheint für Zürich zu gelten: Wie Colville-Andersen deutlich auffiel, sind in Zürich wenig Frauen und kaum ältere Menschen mit dem Rad unterwegs. Aus Angst, weil sie sich zu wenig sicher fühlen.
Das ist tatsächlich ein Punkt. In Zürich sind vor allem fitte Männer im Alter zwischen 25 und 45 als Velofahrer im Stadtverkehr anzutreffen. Das hat teilweise mit den Markierungen zu tun, andererseits auch mit der engen Infrastruktur. Unsichere Velofahrer oder Familien mit Kindern werden dadurch abgeschreckt. Das ist aber etwas, woran wir arbeiten. Ein Beispiel ist die Bucheggstrasse, wo wir nun in der Breite insgesamt 1,8 Meter statt 1,5 Meter für Velostreifen reserviert haben. Auch der Velotunnel unter dem Bahnhof geht hier in die richtige Richtung.

Sie sprechen die Markierungen an: Auch hier hagelt es Kritik aus Kopenhagen. Als Beispiel dient ein Velopiktogramm beim Neumühlenquai, das in eine Richtung lenkt, in der es für Velofahrer schlicht keinen Platz hat.
Man muss dazu sagen, dass die Tour, die der «Tages-Anzeiger» für den Velobotschafter gewählt hat, ein «Worst of Zurich» ist. Das Neumühlenquai, die Rosengartenstrasse: Es hätte andere Routen gegeben, um ein etwas differenzierteres Bild der Situation zu zeichnen.

Sie hätten ihm einfach das «Best of Zürich» gezeigt.
Nein, das nicht. Ich sage klar: Die Situation an den beiden genannten Orten ist nicht wirklich gut. Es ist in Zürich auch schwierig. Wir sind aber seit über einem Jahr daran, die Markierungen zu ergänzen und so die Velorouten sichtbarer zu machen. Beim Neumühlenquai, zum Beispiel, muss ich aber zugeben, dass die Situation selbst für geübte Velofahrer seltsam ist. Es ist aber schlicht ein Platzproblem: Schon dass wir den Fuss- und den Radweg dort nicht trennen können, liegt allein am fehlenden Platz.

Das Platzproblem lässt Colville-Andersen nicht gelten: Andere Städte wie Amsterdam oder Barcelona hätten vorgemacht, dass es einzig eine Frage der Prioritäten sei.
Barcelona als eng zu bezeichnen, ist für mich kaum nachvollziehbar. Dort gibt es breite Boulevards, wo man viel mehr Spielraum hat als in Zürich. In Amsterdam ist die Innenstadt zwar eng, aber rundherum ist viel Platz. Ich will aber nicht abstreiten, dass es in Zürich einzelne Orte gibt, bei denen die Prioritäten nicht beim Veloverkehr liegen. Die Rämistrasse zum Beispiel: So weh es mir im Herzen auch tut, dort gibt es einfach keinen Platz. Für einen Velostreifen müsste man entweder die Autos verbannen oder sie über die Tramschienen fahren lassen. Das hätte aber Verspätungen beim ÖV zur Folge.

Damit sagen Sie aber selbst: Zürichs Priorität sind Trams und Autos.
ÖV, Fussgänger und Velo haben einen hohen Stellenwert und in der Regel auch Priorität. Das Auto hat aber ebenso eine wichtige Funktion. Auf wichtigen Verkehrsachsen müssen wir den motorisierten Verkehr im Fluss halten, schon alleine deshalb, damit Trams und Busse nicht im Stau stecken bleiben. Das Problem an den Aussagen von Privatpersonen wie Colville-Andersen ist, dass sie nicht wirklich an der Front sind. Bei allen Prioritäten muss man einfach sehen, dass die Strassenräume begrenzt sind. Wenn man selbst Velorouten planen muss, ist die Situation viel schwieriger, als sie bei einem kurzen Augenschein vor Ort vielleicht erscheint. Es ist in Zürich aber sicher noch viel mehr möglich.

In Zürich nerven sich nicht nur Autofahrer über Velofahrer, die sich kaum an die Verkehrsregeln halten. Colville-Andersen spricht dieses Problem indirekt an: Wichtig sei es, möglichst direkte Wege zu gestalten, weil jeder möglichst direkt ans Ziel kommen will. In Zürich hat man oft das Gefühl, Velofahrer werden eher auf Hinterstrassen geführt als auf den direktesten Weg. Kommt daher der Ärger?
Es ist tatsächlich so, dass sich jeder Mensch – wie alle Lebewesen – möglichst so an einen Ort bewegen will, dass er möglichst wenig Energie dafür einsetzen muss. Das ist Teil unserer Biologie. Wir versuchen dem bei den Velowegen Rechnung zu tragen und diese möglichst direkt laufen zu lassen. Ich streite aber nicht ab, dass es hier noch einiges zu tun gibt. Mit dem neuen Velomasterplan, den die Stadt noch in diesem Jahr vorstellen wird, nehmen wir übrigens viele Kritikpunkte von Colville-Andersen auf. Wie bringen wir mehr Leute auf die Räder? Wie können wir die Velowege sicherer gestalten? Diese Fragen sind wichtiger Teil des Plans. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 02.11.2012, 14:39 Uhr)

«In Zürich sind vor allem fitte Männer im Alter zwischen 25 und 45 als Velofahrer im Stadtverkehr anzutreffen»: Urs Walter, Velobeauftragter der Stadt Zürich. (Bild: PD)

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