In Zürich lernen Ärzte, Fehler zuzugeben

Die Patientensicherheit gewinnt an Bedeutung. Die Medizinische Fakultät der Universität Zürich bietet jetzt einen Kurs für Studierende an. Die Ziele sind: Fehler analysieren und künftig vermeiden.

Anästhesist Sven Staender ist ein Pionier der Patientensicherheit. Foto: Sabina Bobst

Anästhesist Sven Staender ist ein Pionier der Patientensicherheit. Foto: Sabina Bobst

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In der Uniklinik für Herzchirurgie erlitten vorletztes Jahr 42 Patientinnen und Patienten eine Wundinfektion, nachdem sie operiert worden waren. Das waren 5,4 Prozent aller Operierten. In der übrigen Schweiz waren es nur 2,8 Prozent. Das bedeutet: Im Unispital Zürich wurden Herzpatienten fast doppelt so häufig Opfer einer Infektion als in andern Spitälern.

Bemerkenswert ist nicht nur die Höhe der Infektionsrate, sondern auch, dass diese überhaupt öffentlich gemacht wird. Zu finden ist sie im neusten Qualitätsbericht des Universitätsspitals Zürich, der soeben erschienen ist. Im Kommentar zur Infektionsstatistik wird darauf hingewiesen, dass der Klinikdirektor – Herzchirurg Volkmar Falk – aufgrund der signifikanten Abweichung «vertiefte Analysen» veranlasst habe. Und es seien «zusätzlich gezielte Präventionsmassnahmen» eingeleitet worden.

Diese Massnahmen haben bereits Wirkung erzielt, wie der Leiter der Spitalhygiene, Hugo Sax, gegenüber dem TA sagt. Sax gibt zu bedenken, dass das Unispital die schwersten Fälle behandelt, seine Patienten kränker und somit infektionsanfälliger seien als im Schweizer Schnitt. Und noch etwas führe zu hohen Werten: «Wer intensiv sucht, der findet mehr.» Das Unispital überwache die Infekte präziser als andere Spitäler, auch nach dem Austritt der Patienten.

700 bis 1700 Tote im Jahr

Dass Spitäler nicht nur gute Nachrichten, sondern auch unerwünschte Resultate kommunizieren, ist eine neuere Erscheinung. Sven Staender, ein Pionier in Sachen Patientensicherheit, beobachtet es mit Freude. Denn das heisst, dass die Spitäler sich mit ihren Fehlern (die es schon immer gab) auseinandersetzen und hoffentlich daraus lernen.

Wie viele Fehler passieren, lässt sich nicht beziffern, sondern bloss schätzen. Gemäss Studien trifft es zwischen 2 und 8 Prozent aller Spitalpatienten, und ein Drittel bis die Hälfte der Betroffenen erleidet deswegen eine vorübergehende Schädigung, ein Zehntel gar eine bleibende. Die Zahl der Toten wegen Behandlungsfehlern wird in der Schweiz auf 700 bis 1700 jährlich geschätzt.

Staender ist Anästhesie-Chefarzt des Spitals Männedorf. Er hat dort ein elektronisches Fehlermeldesystem (Cirs) eingeführt, das er 1995 mit seinen Kollegen in Basel entwickelt hatte. Das Cirs funktioniert anonym. Ärzte und Pflegende melden kritische Situationen, und ihre Berufskollegen können daraus lernen. Eine Fehlerkultur entwickelte sich in den Schweizer Spitälern aber nur sehr langsam. Bis vor kurzem war das Cirs wenig verbreitet. In einem Interview mit dem TA sagte Staender im November 2010: «Das Sicherheitsniveau in der Medizin ist erschreckend tief.»

Dreieinhalb Jahre später hat sich das zwar nicht grundlegend geändert. Doch Staender sieht heute Hinweise, «dass es besser wird». Neuste Studien aus den USA zeigten eine Trendwende an: Stürze, Infektionen und Druckgeschwüre von Spitalpatienten seien rückläufig. Und bei gewissen Herzbehandlungen habe sich die Fehlerrate deutlich verringert. Auch in der Schweiz erkennt der Experte Fortschritte. Inzwischen habe praktisch jedes Spital das Fehlermeldesystem Cirs eingeführt. Und in den Operationssälen vieler Spitäler würden Checklisten heute als Selbstverständlichkeit angewendet. Vor jedem Eingriff geht das ganze Operationsteam eine Liste mit wichtigen Fragen durch, angefangen beim Namen des Patienten bis hin zur Antibiotikaprophylaxe. So können Infektionen vermieden werden, und es passieren weniger Verwechslungen, die beispielsweise zur Folge haben, dass an der falschen Stelle geschnitten wird. Statistisch lässt sich der positive Effekt noch nicht belegen, doch Staender ist sicher, dass die Checklisten etwas bringen.

Universität reagiert auf Kritik

Inzwischen hat Staender ein weiteres Projekt zum Laufen gebracht: Einen Kurs für Medizin-Studierende. Dafür brauchte es öffentlichen Druck. Staender hatte im erwähnten Interview die Medizinische Fakultät der Universität Zürich kritisiert, weil sie das Thema Patientensicherheit vernachlässige. Kurz darauf erhielt er einen Anruf des Dekans. «Er sagte mir, eine Integration ins Curriculum sei möglich und erwünscht, und ich könne 28 Stunden pro Semester haben.»

Staender stellte ein attraktives Kursprogramm zusammen. Zur Sprache kommen die Komplexität der Medizin, der «Faktor Mensch», die verschiedenen Fehlerquellen bei der Behandlung von Patienten und Lösungsansätze. Als Dozenten machen Spezialisten aus unterschiedlichen Fachgebieten mit. So redet Hugo Sax über die Händehygiene, welche die mit Abstand wichtigste Massnahme zur Verhinderung von Infektionen ist. Wiederherstellungschirurg Pietro Giovanoli stellt die Checklisten vor. Psychologin Michaela Kolbe unterrichtet Kommunikation, und Pflegewissenschaftlerin Maria Schubert vermittelt die Bedeutung der Teamarbeit, um nur einige zu nennen. Ein Kurshöhepunkt ist für die Studierenden der Besuch des Swiss Aviation Training in Kloten. Staender: «In einer Teamsimulation müssen sie ein komplexes Problem bewältigen. Da merken sie, welche Bedeutung Stress in der alltäglichen Arbeit hat.» Punkto Fehlerkultur ist die Fliegerei für die Medizin ein Vorbild.

Deutschen Preis gewonnen

Der Kurs wurde schon viermal durchgeführt. Obwohl er freiwillig ist, waren die 20 verfügbaren Plätze jeweils innert Kürze ausgebucht. Es ist ein bisher einmaliges Angebot, das über die Schweiz hinaus auf Interesse stösst. Und Anerkennung findet: Bei der erstmaligen Vergabe des Deutschen Preises für Patientensicherheit hat der Lehrgang der Uni Zürich unter 70 Bewerbungen den dritten Platz erreicht. «Bei vielen Expertinnen und Experten hat sich die Überzeugung durchgesetzt, dass eine nachhaltige Verbesserung der Patientensicherheit eine Frage der Werte und der Grundhaltung aller in der Medizin Tätigen ist», sagt Staender. Zentral sind dabei: Fehler nicht mehr als Tabu behandeln, Teamarbeit pflegen, offen kommunizieren. Das schliesst ein, dass man wenn nötig auch mal dem Chefarzt widerspricht. Oder wie es ein Student nach dem Kursbesuch formulierte: «Keine Angst vor dem Chef!» Ein anderes Fazit lautete: «Kommunikation ist der Kern erfolgreicher Teams.»

Um den gewünschten Kulturwandel zu erreichen, muss man in der Ausbildung ansetzen, ist Staender überzeugt. Nachdem der Einführungskurs läuft, möchte er das Thema im Medizinstudium weiter vertiefen, zum Beispiel mit einem Auffrischungskurs im letzten Studienjahr. Die Patientensicherheit wird den innovativen Anästhesisten noch lange nicht loslassen. Denn ein grosses Problem ist derzeit noch weitgehend ungelöst: Die Medikamentensicherheit. «Das ist ein Top-Thema, weil es komplex ist und alle Bereiche betrifft», sagt ­Staender. Die Einführung von Checklisten sei vergleichsweise einfach, weil sie nur die Operationsteams betrifft. Mit Medikamenten hingegen haben viele ­Berufsgruppen zu tun und nicht zuletzt auch die Patientinnen und Patienten selber. Die Gefahr einer Verwechslung oder Falschanwendung lauert überall.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 02.06.2014, 22:54 Uhr)

Mit Checklisten ist es nicht getan

Die Stiftung Patientensicherheit Schweiz ist die Organisation, die sich am längsten und intensivsten um Qualitätsverbesserungen bemüht. Sie ist kürzlich 10-jährig geworden. Unter anderem führt die Stiftung Schulungen durch, analysiert Fehlermeldungen und schlägt Präventionsmassnahmen vor, wenn sich gewisse Fehler häufen. Sie fördert auch die Verbreitung von Sicherheitsinstrumenten wie die chirurgische Checkliste. Laut der stellvertretenden Geschäftsführerin Paula Bezzola gibt es keine Statistik darüber, wie viele Spitäler die einzelnen Massnahmen anwenden. Aus ihrer Erfahrung sind es inzwischen sehr viele. Allerdings sei es mit dem Mitmachen nicht getan. Sowohl bei den Checklisten als auch beim Fehlermeldesystem Cirs brauche es nach der Einführung Trainings für die Teams. Bezzola hält es für zentral, dass die Spitalleitungen sich mit der Patientensicherheit befassen und eine klare Strategie dazu haben. Wichtig sei zudem, dass dem Thema schon in der Ausbildung ein hoher Stellenwert zukomme. (an)

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