In der Nacht wird Zürich wild

In dieser Saison sind 1100 Wildtiere in Fotofallen getappt. Schicken auch Sie uns Ihre besten Schnappschüsse der wilden Stadtbewohner.

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Ein Reh knabbert zarte Kräuter in einem Garten am Zürichberg. Ein Fuchs streckt neugierig den Kopf in die Linse einer Fotofalle in Leutschenbach, und eine Waldmaus springt vom Tisch eines Büros am Hönggerberg. Der Verein Stadtnatur sammelt Wildtierbeobachtungen und hat die aussergewöhnlichsten Bilder dieses Sommers online gestellt. Sie stammen von freiwilligen Stadtnatur­beobachtern und aus Fotofallen des Vereins, die zwischen Juni und Oktober in 30 verschiedenen Gebieten der Stadt aufgestellt waren.

Sandra Gloor, die Leiterin des Projekts, ist überrascht, wie viele Dachse gesichtet wurden. «Viel mehr, als wir erwartet haben.» Während bekannt ist, dass Füchse die Stadt regelrecht erobert haben, gingen die Biologen bisher davon aus, dass Dachse vor allem am Rand des Siedlungsgebiets vorkommen, da wo die Stadt in ihren Lebensraum «hineingewachsen» ist. Das scheint heute nur noch teilweise zu stimmen: «Sie haben sich offenbar an die Stadt gewöhnt», sagt Gloor. Am Bürkliplatz oder beim Friedhof Sihlfeld ist das Tier ­häufig unterwegs. Gloor schätzt, dass 150 bis 200 Exemplare auf Stadtgebiet leben.

Dass die Dachspopulation wächst, zeigt sich auch in der eidgenössischen Jagdstatistik, genauer bei der Zahl der überfahrenen Tiere. Obwohl der Dachs stärker als der Fuchs an seinen Bau gebunden ist, in dem er den Tag im Familienverband verbringt und in dessen Umgebung er es gerne ruhig hat. «Die Tiere profitieren vermutlich wie die Füchse vom herumliegenden Abfall», sagt Gloor.

«Geknackte» Igel

Einen anderen Stadtbewohner aber vermisst Gloor zunehmend: den Igel. Dieser sei in den Neunzigerjahren noch viel häufiger gewesen. Damals riefen Biologen gezielt zur Igelsafari und zählten 1300 Beobachtungen auf Stadtgebiet. «Stiessen wir damals bei Streifzügen in fast jeder Nacht auf einen oder mehr Igel, so muss man heute ziemlich weit gehen, um einem zu begegnen», sagt Gloor. Verantwortlich dafür könnte die Verdichtung in der Stadt sein, der kleinere, gartenähnliche Lebensräume zum Opfer fallen. Oder aber der Dachs ist für ihr Verschwinden verantwortlich. «Es ist eine etwas wilde Hypothese», meint Gloor. Aber Dachse sind die Einzigen, die einen Igel mit ihren langen Krallen zu «knacken» vermögen, auch dann, wenn er seine charakteristische Verteidigungshaltung einnimmt.

Suche nach den «Big Five»

Zwei Wildschweine im Wald Richtung Regensdorf, ein Iltis auf dem Friesenberg und einer in Gockhausen sind die seltensten Beobachtungen. Sehr oft angetroffen wurde hingegen der Riesen­tigerschnegel: Man muss den Begriff «Wildtier» zwar etwas weiter fassen, um die grösste einheimische Schneckenart mit ihrem schwarzen Tupfenkleid dazuzuzählen. Gloor freut sich trotzdem über jede Meldung: «Das Bedürfnis, eine solche Begegnung, die durchaus beeindruckend sein kann, mit anderen zu teilen, ist offenbar gross.»

In Anlehnung an die «grossen Fünf» der afrikanischen Savanne – Elefant, Nashorn, Büffel, Löwe und Leopard –sucht der Verein Stadtnatur im Moment nach den «Big Five» von Zürich: Igel, Eichhörnchen, Reh, Fuchs und Dachs. «Es sind fünf häufige Arten, die aber doch sehr unterschiedliche Ansprüche an ihren Lebensraum stellen», sagt Gloor.

Haben auch Sie Wildtiere fotografiert? Schicken Sie Ihr bestes Bild mit dem Betreff «Wildtiere» an die Adresse community@tages-anzeiger.ch

www.stadtwildtiere.ch
(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 19.11.2014, 21:29 Uhr)

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