Jörg Schneider wird nicht mehr auftreten

Zürichs beliebtester Volksschauspieler ist an Krebs erkrankt. Er muss seine aktuelle Abschiedstournee absagen.

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Paradoxerweise heisst das Stück mit Jörg Schneider «Häppi Änd». Genau das wird es jedoch im zweiten Teil der Abschiedstournee des beliebten Volksschauspielers nicht geben. Sämtliche Vorstellungen quer durch die Schweiz und Liechtenstein sind von seinem Management abgesagt worden – und zwar definitiv. «Es gibt keine Chance, dass der an Krebs erkrankte Schneider wieder gesund wird», erklärt sein Manager Jörg Schürch. Betroffen sind mehr als 30 Aufführungen zwischen Anfang Dezember und Ende März 2015.

In der Komödie «Happi Änd» spielt Jörg Schneider einen grummeligen Sonderling. Das Unterfangen stand unter einem schlechten Stern. Schon der erste Teil der Abschiedstournee musste nach einem Schwächeanfall Schneiders abgebrochen werden. Diabetes und Überarbeitung, lautete die Begründung. Daniel Bill sollte in «Häppi Änd» die Rolle des Sohnes des Sonderlings spielen. Er ist auch privat mit Jörg Schneider freundschaftlich verbunden. Für ihn ist die Nachricht von der Absetzung des Stücks ein doppelter Schock. «Das zu hören, hat mich traurig gemacht», sagt er. «Es zeigt, wie schlecht es um den Gesund­heits­zustand von Jörg Schneider bestellt ist.» Gleichzeitig ist die Absage für ihn auch beruflich schwierig zu verkraften: «Ein längeres Engagement fällt jetzt einfach weg.»

Die Zeichen waren deutlich

Überrascht ist Bill jedoch nicht. Vorzeichen von Schneiders Krankheit hat er schon während der letzten Tournee beobachtet: «Er hat unter starken Rückenschmerzen gelitten, und das Gehen ist ihm immer schwerer gefallen.» Auch Schneider selbst war sich wohl bewusst, dass er seinen Körper schonen sollte. Zwar redete er viel von Kürzertreten, tat es aber dennoch nicht. «Er führte einen Terminkalender wie ein junger Mann», sagt sein Manager.

Schneider ist 79 Jahre alt. Mitte Jahr erhielt er für sein Lebenswerk den Ehren-Prix-Walo. Jede und ­jeder kennt Jörg Schneider, vor allem seine Stimme. Sein «Tra-tra-trallalla» als Kasperli in gleichnamigen Hörspielen gehört zum kollektiven Schweizer Gedächtnis, sehr zum Ärger des Schauspielers. Er hasst nichts mehr, als immer wieder auf den Kasperli reduziert zu werden.

Ines Torelli hat lange Jahre mit Jörg Schneider zusammengearbeitet. Im «Blick» zeigte sie sich gestern sehr besorgt über seinen Gesundheitszustand. «Er braucht jetzt viel Ruhe», sagte sie. Von 1967 bis 1976 schuf Torelli 40 Hörspielfassungen vom Kasperli. Die Hörspiele haben sich bis heute millionenfach verkauft. Doch Schneiders Karriere begann viel früher. Schon als Elfjähriger stand Schneider in der Operette «Der fidele Bauer» auf der Bühne des Opernhauses. Und er hat mehrfach bewiesen, dass er in vielen Genres zu Hause ist.

Der Durchbruch gelang ihm in den 60er-­Jahren, als er Hügü Vögeli im «Polizist Wäckerli in Gefahr» spielte. Doch Schneider konnte auf der Bühne auch ernst sein. Als Vladimir in Becketts «Warten auf Godot» war er zusammen mit Ruedi Walter Weltklasse. Und Schneider hat keine Berührungsängste zum populären Theater. In der TV-Serie «Lüthi und Blanc» war er ein Volltreffer. Bei der Zürcher Märchenbühne gehört er mittlerweile zum Inventar, und über seine Sprüche in unzähligen Komödien wurde landesweit herzhaft gelacht.

Das erste und letzte Stück

Es erstaunte daher nicht, dass seine Abschiedstournee schon vor Beginn praktisch ausverkauft war. «So etwas habe ich noch nie erlebt», sagt Daniel Bill. Er hat Jörg Schneider viel zu verdanken. Dieser engagierte ihn von der Schauspiel-Akademie weg zu einer Hauptrolle in «Gilberte de Courgenay». Zudem öffnete er ihm in Zürich sämtliche Theatertüren. «Ich habe mein erstes Geld als Schauspieler in einem Stück von Jörg Schneider verdient, ich erlebte ihn als ‹Vater› das letzte Mal, als er auf der Bühne stand.» Für Ines Torelli ist Jörg Schneider einer der Letzten der alten Garde: «Ich hoffe, wir werden ihn jetzt nicht ganz verlieren.»

Ein kleiner Trost bleibt allen, die nun «Häppi Änd» verpassen werden: In «Usfahrt Oerlike», dem Spielfilm von Paul Riniker, ist Schneider an der Seite von Mathias Gnädinger zu sehen. Das Kino zeigt den Film im nächsten Jahr – kurz vor Schneiders 80. Geburtstag. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 30.09.2014, 21:08 Uhr)

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