Zürich

«Jugendliche erhalten von ihren Eltern zu viele Freiräume»

Von Tina Fassbind. Aktualisiert am 03.12.2008 6 Kommentare

Seit April ist die TaskForce Jugendgewalt der Stadt Zürich im Einsatz. Bereits laufen 10 Projekte auf Hochtouren. Unter anderem sollen Eltern bei der Verhinderung von Gewalt unter Jugendlichen stärker in die Pflicht genommen werden.

«Wir stellen fest, das es vielen Eltern schwer fällt, den Jugendlichen Grenzen aufzuzeigen und diese durchzusetzen»: Andres Oehler, Leiter TaskForce Jugendgewalt der Stadt Zürich.

«Wir stellen fest, das es vielen Eltern schwer fällt, den Jugendlichen Grenzen aufzuzeigen und diese durchzusetzen»: Andres Oehler, Leiter TaskForce Jugendgewalt der Stadt Zürich.

Projekte der TaskForce Jugendgewalt

ZüriCourage

Patrouillen der sip (Sicherheit, Intervention, Prävention) werden gezielt an Brennpunkten im öffentlichen Raum und im Umfeld der Partyszene, wo es regelmässig zu Gewalteskalationen kommt, eingesetzt. Dort sprechen sie Jugendliche an, kommunizieren die Spielregeln (keine Gewalt, kein Lärm etc.), identifizieren potenzielle Gewalttäter, deeskalieren Konflikte, rufen im Notfall die Stadtpolizei und melden Jugendliche in bestimmten Fällen ihren Eltern und/oder der Vormundschaftsbehörde. Das Ziel dieser Massnahmen ist die Verhinderung von aggressivem Verhalten und Gewalt, die Erhöhung des subjektiven Sicherheitsgefühls und das Erlangen von Szenenkenntnissen.

Peer-to-Peer Mediation an Schulen (Projekt Konfliktlotsen)

Die Kinder aller Klassen eines Schulhauses wählen je zwei besonders vertrauenswürdige Mitschülerinnen oder Mitschüler als Konfliktlotsen aus. Diese erhalten eine Ausbildung im Deeskalieren von Konflikten und wenden das Gelernte im Alltag an. Dabei werden sie regelmässig von Lehrpersonen unterstützt. Das Projekt wurde im Schulhaus Waidhalden erfolgreich durchgeführt und zur Zeit läuft die Ausschreibung, um das Projekt Konfliktlotsen in fünf weiteren Schulhäusern der Stadt Zürich durchzuführen.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Herr Oehler, seit Anfang April 2008 sind Sie als Leiter TaskForce Jugendgewalt im Amt. Wie läuft die Arbeit?
Seit August läuft es sehr gut, davor kam die Arbeit nur langsam voran. Unser Team ist mittlerweile von fünf auf acht Personen angewachsen. Die Mitglieder der Taskforce sind in verschiedenen Departementen der Stadt Zürich tätig, deswegen sind wir sehr gut vernetzt und können besser auf die Abläufe in den einzelnen Departementen einwirken. Gegenwärtig laufen 10 Projekte in neun Massnahmenfeldern.

Das klingt nach viel Büroarbeit und wenig Einsatz an der Front.
Wir sind nicht auf der Strasse tätig, sondern unterstützen eingehende Ideen und koordinieren Projekte. Verwaltungen sind etwas schwerfällig. Deswegen versuchen wir, mit unserer Arbeit Ideen zur Vermeidung von Jugendgewalt zu pushen. Es wird bereits enorm viel in diesem Bereich gemacht – städtisch wie privat. Wir versuchen, die Synergien zu nutzen, damit es keine Doppelspurigkeiten gibt.

Welche Probleme mit Jugendlichen drängen derzeit am meisten?
Ein besonders wichtiges Thema ist die Beziehung zu den Eltern. Sie müssen stärker in die Verantwortung genommen werden und wir wollen sie darin unterstützen. Viele Jugendliche erhalten von ihren Eltern zu viele Freiräume und gehorchen ihnen nicht. Wir stellen fest, das es vielen Eltern schwer fällt, den Jugendlichen Grenzen aufzuzeigen und diese durchzusetzen. Hier versuchen wir einzugreifen.

Und wie nehmen Sie die Eltern in die Pflicht?
Beispielsweise am Botellòn und an der Street Parade. Damals hat die Polizei uns betrunkene Jugendliche, die eine Ordnungswidrigkeit begangen hatten, zugeführt. Die Eltern mussten daraufhin ihre Kinder bei uns abholen. So konnten wir Beratungsgespräche mit ihnen führen und direkten Einfluss auf die Probleme nehmen. Diese Aktion war sehr erfolgreich, deshalb testet eine Projektgruppe derzeit weitere Einsatzmöglichkeiten.

Es soll also Standard werden, dass Eltern ihre betrunkenen Kinder persönlich abholen müssen?
Es wäre zumindest ein Ziel, dass an jedem Wochenende solche Abholaktionen durchgeführt werden könnten. Unter anderem muss aber noch ein geeigneter Ort gefunden werden, wo wir die Eltern und Kinder zusammenführen können. Optimal wäre ein Lokal in der Nähe eines Spitals oder von Polizeistationen. Auch war bei den ersten beiden Einsätzen sehr viel Personal nötig. Das müssen wir noch optimieren.

Damit erreichen Sie aber nur einen Bruchteil der Eltern. Haben Sie noch weitere Projekte in der Pipeline?
Wir wollen versuchen, die Eltern aus bildungsfernen Schichten zu erreichen. Gerade in dieser Gruppe entstehen oft Probleme, weil viele dieser Jugendlichen kaum eine Perspektive haben und dringend aufgefangen werden müssen. Im Januar 2009 ist ein Zusammentreffen mit verschiedenen Migrantenorganisationen geplant. Gemeinsam wollen wir das Thema Jugendgewalt angehen: Wir stellen unsere Massnahmen vor und holen ihre Ideen ab. Ein wichtiger Aspekt dabei ist beispielsweise die Lehrstellenförderung.

Hat die Gewalt unter Jugendlichen in den letzten Jahren denn tatsächlich zugenommen?
Das lässt sich nicht leicht festhalten. Es stellt sich die Frage: Nimmt die Gewalt tatsächlich zu, oder neigen wir heute einfach eher dazu, Anzeige zu erstatten? Unabhänig von dieser Diskussion können wir sagen, dass es relativ viel Gewalt unter Jugendlichen gibt und dass diese härter geworden ist. Früher hörte man auf, wenn einer auf dem Boden lag. Heute wird das Opfer dann noch mit Tritten traktiert. Man darf das Problem aber nicht verallgemeinern und alle Jugendlichen in den gleichen Topf werfen. Oft wird die Jugend schlechter dargestellt, als sie eigentlich ist. Der Taskforce geht es daher auch darum, diese friedliche Mehrheit der Jugendlichen zu schützen. Die Jugendlichen sollen sich in der Stadt Zürich sicher fühlen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 03.12.2008, 11:22 Uhr

6

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

6 Kommentare

Regula Hiltebrand

03.12.2008, 14:28 Uhr
Melden

Ich glaube, die Erwachsenen sollten viel mehr Verantwortung übernehmen für die Jugendlichen. Wie gesagt, sie lassen viel zu viel Spielraum und haben sie überhaupt nicht mehr unter Kontrolle. Die Gesellschaft generell muss wieder viel mehr aufgewertet werden, Respekt und Anstand gelernt werden. Dies muss klar kommuniziert werden, wir wollen es nicht anders! Antworten


Amos Hotz

03.12.2008, 14:17 Uhr
Melden

Nicht beschönigen, sondern klar die Grenzen aufzeigen! Es geht nicht, dass Lehrer beleidigt, beschimpft und gefährlich bedroht werden! Sofort Einhalt gebieten, freistellen und im Wiederholungsfall bestrafen bis hin zur Ausweisung! Soll die Schweiz durch so viele Bildungsferne Schichten verrohen und degenerieren??? Antworten



Zürich

Populär auf Facebook Privatsphäre

Lokalverzeichnis

Werbung

Umfrage

Am 17. Juni stimmen wir darüber ab: Würden Sie die Volksinitiative «Freie Schulwahl für alle ab der 4. Klasse» heute annehmen?