«Junge sind dankbar für Konfrontationen mit der Erwachsenenwelt»
Interview: Tina Fassbind. Aktualisiert am 14.09.2011 36 Kommentare
«In Zürich wird es immer illegale Partys geben. Das muss man einfach akzeptieren»: Yann Cherix.
(Bild: TA)
Yann Cherix
Yann Cherix hat Anfang Juli 2011 die Teamleitung des «Züritipps» übernommen. Der 34-jährige Zürcher Journalist war bereits von Mai 2006 bis August 2008 für die Rubrik Klubs der wöchentlichen «Tages-Anzeiger»-Beilage zuständig und ist ein Kenner des Zürcher Nachtlebens.
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In Zürich finden pro Wochenende über 100 legale Partys statt, überall gibt es Jugendtreffs und Räume für Jugendliche. Trotzdem fordern die Veranstalter von illegalen Partys mehr Platz für Junge. Ein Widerspruch?
Nein. Der Wunsch nach Freiraum, den man völlig autonom bespielen kann, war schon immer Teil der Jugendkultur. Auch illegale Partys hat es schon immer gegeben. Diese Off-Szene ist ein fester Bestandteil der Zürcher Partylandschaft und kein neues Phänomen. Neu ist, mit welcher Vehemenz ein Teil der Jugendlichen auftritt und den öffentlichen Raum beansprucht. Wohlgemerkt alles ohne politische Parolen.
Woran liegt das?
Es hat wohl auch damit zu tun, dass es in der Stadt enger wird und das Brachland im Gegensatz zu den 90ern gänzlich fehlt. Damals gab es stillgelegte Fabrikgebäude, in denen man sich entfalten konnte. Ich denke da ans phänomenale Sihlpapier-Gelände oder – noch früher – das Steinfels-Areal bei der Hardbrücke. Jetzt stehen dort Einkaufszentren und Lofts. Dieser fehlende Platz führt unweigerlich zu mehr Reibung mit den Behörden.
Krawalle zwischen Jugendlichen und der Polizei gab es schon früher. Ist diese Gewalt nötig, um sich den Freiraum zu verschaffen?
Nein, solche Randale und Angriffe sind ein völlig falsches Mittel, um sich und seinen Forderungen Gehör zu verschaffen.
Was wäre denn der richtige Weg?
Das lässt sich nicht mit einem Satz erklären. Die Frage ist vielmehr: Wie kann man dieser Bewegung, die nun mal Realität ist, pragmatisch begegnen, damit es nicht wieder zu einem Eklat kommt? Ein Nebeneinander wäre möglich. Es finden nämlich mitten in der Stadt auch illegale Partys statt, die absolut friedlich verlaufen – wie beispielsweise unlängst in Wipkingen. Dort gabs keine Konfrontation mit der Polizei und daher auch keine Reibungsfläche.
Also genügt alleine die Anwesenheit von Polizisten, dass die Stimmung kippt?
Nun, es wäre sicherlich unfair, der Polizei die alleinige Schuld zuzuweisen – auch wenn sie nach meinen Informationen an dieser Party unter der Duttweiler-Brücke, die ja als Auslöser des Ganzen gilt, wohl etwas überreagiert hatte. Man muss eines sehen: Die Beamten dienen den Jugendlichen in dieser hochkomplexen Gegenwart als dankbares, weil auch sichtbares Feindbild. In Zeiten, wo die Grossmütter an der Street-Parade tanzen und die Eltern alles easy finden, scheinen sie beinahe schon dankbar für diese Konfrontation mit der Erwachsenenwelt.
Heisst das, dass zu viel Freiheit, zu viel Angebot die Jugendlichen überfordert?
Das Partyangebot in den über 100 Klubs von Zürich ist weltklasse. Und ich bin mit der Aussage, alles sei Schickimicki, nicht einverstanden. Die Jungen können sich das herauspicken, worauf sie gerade Lust haben – manchmal ist dies eben ein verrauchter Keller in einem besetzten Haus. Oder eine Party auf dem Bellevue.
Sie sagen selbst, dass es in der Stadt enger geworden ist und der Platz für deregulierte Räume fehlt. Kann man diesen Wunsch der Jugendlichen überhaupt erfüllen?
Ganz ehrlich: Darauf habe ich keine pfannenfertige Antwort. Sicher ist, dass es in Zürich immer illegale Partys geben wird. Das muss man einfach akzeptieren.
Hat die Jugend überhaupt Anspruch auf den geforderten Freiraum?
Natürlich, der öffentliche Raum gehört allen. Wie man diesen nutzt, müssen alle Parteien aber immer wieder miteinander aushandeln. Klar ist: Das Bellevue auseinandernehmen darf natürlich nicht sein.
Polizeivorsteher Daniel Leupi will im Rahmen einer «Party-Strategie» die Rahmenbedingungen für Partys in der Stadt Zürich neu hinterfragen. Was halten Sie davon?
Grundsätzlich finde ich es gut, dass die Stadt die Klubkultur ernst nimmt. Und wenn sie die richtigen Exponenten – und damit meine ich auch diejenigen der jüngsten Party-Generation – mit einbindet, ist es noch besser. Miteinander reden ist immer gut.
Worin unterscheidet sich denn diese «jüngste Party-Generation» von den früheren Szenegängern?
Wenn wir uns auf die 90er-Jahre beschränken, dann gab damals Techno den Takt an und Ecstasy war die gängige Substanz, die konsumiert wurde. Die illegalen Partys von damals waren intimer. Man hat sich gekannt. Heute gibts weniger Zusammenhalt. An illegalen Partys nehmen Linksautonome, Hooligans und ganz normales Partyvolk teil. Auch werden heute andere Drogen konsumiert als früher. Vor allem Alkohol. Die Atmosphäre ist entsprechend anders.
Wie denn?
Sie ist hemmungsloser. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.09.2011, 11:03 Uhr
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36 Kommentare
Ich bin der Meinung, dass es in der Stadt Zürich genügend Lokale und damit auch gute Angebote gibt für Jugendliche. Die bestehenden Angebote sollten nur entsprechend genutzt werden. Solche "Partys" wie am Bellevue sind sinnlos. Zumindest müsste im Vorfeld um eine Bewilligung ersucht werden, ansonsten der Anlass illegal ist. So einfach ist das. Antworten
Lieber Herr Cherix, obwohl Sie sich ein "Kenner des Zürcher Nachtlebens" nennen, erwähnen Sie kein einziges Mal, dass man im links-grün regierten Zürich tonnenweise gratis oder zu sehr moderaten Preisen legal (!!!) Party feiern kann: Provitreff, GZ-Säle en masse, Dynamo, Rote Fabrik... und, und, und! Also bitte, betreiben Sie keine "psychologisierende" Entschuldigung des ach so armen "Partyvolks"! Antworten

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