Kämpfer gegen den Elektrosmog

Der Zürcher Martin Zahnd ist elektrosmogsensibel. Für zahlreiche Beschwerden macht er Handy- und Antennenstrahlung verantwortlich. Und er warnt davor, die Gefahren zu unterschätzen.

Sein Schwert ist das Strahlenmessgerät: Martin Zahnd auf dem Balkon seiner Wohnung in Höngg. Foto: Dominique Meienberg

Sein Schwert ist das Strahlenmessgerät: Martin Zahnd auf dem Balkon seiner Wohnung in Höngg. Foto: Dominique Meienberg

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Mit Elektrosmog hatte IT-Fachmann Martin Zahnd nichts am Hut – bis ihn Kopfschmerzen, Depressionen, Erschöpfungszustände, Tinnitus, Muskelentzündungen sowie ein Brennen in Knien und Ellbogen an den Rand der Verzweiflung brachten. Bis er an dem Punkt ankam, wo ihm alles egal war. Egal, ob er lebte oder sterben würde. Martin Zahnd leidet unter dem Elektrosmog. Der 47-Jährige verträgt keine Handys, keine schnurlosen Telefone und auch keine Wireless-Systeme (WLAN). Kurz: keine nicht ionisierende Strahlung (NIS). Elektrosmogsensibilität könne von einem Tag auf den anderen ausbrechen, sagt IT-Experte Zahnd. «Jahrelang kann man sich im gleichen Umfeld bewegen, das Gefühl haben, dass alles stimmt. Und auf einmal gehört man auch dazu, zu den fünf bis acht Prozent der Bevölkerung, die NIS-Strahlen schlecht oder gar nicht vertragen.»

Bis Zahnd realisierte, dass seine Beschwerden vom Elektrosmog herrühren, vergingen qualvolle Jahre. Nach einem Ferienaufenthalt in der namibischen Wüste, wo er schlief «wie ein Murmeltier», war sich Zahnd sicher, dass seine Beschwerden etwas mit seinem Umfeld zu Hause und am Arbeitsplatz zu tun hatten. Denn auch im deutschen Hotel, in dem er einige Zeit später abstieg, schlief er bestens. «Mir war klar, dass ich handeln musste», sagt Zahnd heute. Durch puren Zufall stiess er auf den Elektrosmog. Das war vor sieben Jahren.

Seither kämpft der «Höngger George Clooney», wie ihn seine Frau nennt, mit Vehemenz gegen die enorme Zunahme der Elektrosmogbelastung, vor allem in den Städten. Wallungen bekommt der engagierte Strahlengegner, wenn er kleine Kinder mit den Handys ihrer Mütter telefonieren sieht. «Das ist eine Katastrophe und eine Verantwortungslosigkeit sondergleichen», echauffiert sich der zweifache Familienvater. Denn Kinderhandys würden genauso stark strahlen wie andere. Und für noch in der Entwicklung befindliche Kinderhirne seien diese Strahlen gefährlich. Auch Laptops oder Tablets mit aktiviertem WLAN auf Kinderknien sind Zahnd ein Graus. Und wer glaube, Babyphones strahlten nicht, irre gewaltig: «Alles ohne Kabel strahlt.»

WLAN auch im Kindergarten

Wenn Zahnd liest, dass in allen Zürcher Klassenzimmern inklusive Kindergärten grossflächig auf WLAN und Laptops gesetzt wird, schüttelt er nur den Kopf. Man habe zwar kommuniziert, das WLAN solle nur bei Gebrauch eingeschaltet werden, doch Tatsache sei, dass es «nonstop eingeschaltet ist», wie sich am Beispiel des Schulhauses Am Wasser zeige. Dort hat man die Installationen bereits letzten Sommer getätigt. Dies, obwohl eine Umfrage von «20 Minuten» und «Basler Zeitung» zu WLAN in Schulen ergab, dass über 60 Prozent der Schweizer Eltern keines wünschen. Zahnd ist überzeugt, dass die Ablehnung in den Kindergärten noch höher ausfallen würde.

Eine Lehrerin des Schulhauses Am Wasser habe einen Schalter zum Abstellen des WLAN verlangt, diesen aber nicht bewilligt bekommen. «Dabei braucht sie das Gerät mit ihren Schülern nur während einer Viertelstunde am Tag.» Sogar das Bundesamt für Gesundheit empfehle, das WLAN bei Nichtgebrauch abzustellen und keine Laptops auf den Schoss zu nehmen. «Aber WLAN ausschalten geht nicht, das ist doch paradox!», empört sich Zahnd. Im Elternbrief des Zürcher Schulamts stehe, man habe ein für die Gesundheit risikoloses WLAN. Auf Zahnds Frage, was denn unter einem «risikolosen WLAN» zu ver­stehen sei, bekam er keine Antwort.

Spinner, Hypochonder und Ökoterroristen

Tochter Vanessa nimmt die Vorsichtsmassnahmen ihres Vaters gelassen. «Ich hätte gern ein Handy, aber das ist ungesund», sagt die 12-Jährige. Sie wundert sich auch nicht, wenn der Vater die Handys ihrer Freundinnen einzieht, wenn sie bei ihr übernachten. Und wenn sie im Einkaufszentrum Kopfschmerzen bekommt, zieht sie Vaters Käppi mit speziellem Abschirmfutter an, und der Brummschädel verschwindet schneller.

Viele würden Elektrosensible als Spinner, Hypochonder und Ökoterroristen abstempeln, sagt Zahnd, doch er ist sich sicher: «Handybesitzer verdrängen gern, sie haben Angst, ihr Spielzeug zu verlieren.» Solange die ganze Welt per Handy kommuniziere, glaubten sie wohl, das könne doch gar nicht so schlecht für die Gesundheit sein. Dabei, sagt Zahnd, gebe es Untersuchungen die zeigen, «dass sich das Blutbild beim ­Telefonieren mit dem Handy schon nach 90 Sekunden verändert». Zu Beginn seiner Studien kaufte Zahnd ein Messgerät für Elektrosmog und erschrak, wie hoch die Strahlung in seiner Wohnung Am Wasser in Höngg war. Wegen seines Pikettdienstes lag neben dem Ehebett ein Schnurlostelefon. Ein WLAN-Router stand auch im Zimmer, der sogar strahlte, wenn das WLAN abgestellt war. Und natürlich das Handy.

Nur ausschalten hilft

Nach jahrelangem Pröbeln auch mit Abschirmmaterialien aller Art weiss Zahnd, dass nur eines hilft: möglichst alles ausschalten und ausstecken, was nicht gebraucht wird. Vor allem nachts. Hilfe gebe es keine, denn «als Elektrosmogsensibler hat man keine Rechte», klagt Zahnd. In Schweden sei dies eine anerkannte Krankheit, juristisch einer Behinderung gleichgestellt.

Alles nur Einbildung? Martin Zahnd kennt Leute, die mussten wegziehen, so krank wurden sie vom Elektrosmog. Aber was macht Zahnd so sicher, dass seine gesundheitlichen Probleme strahlungsbedingt sind? «Weil es in meinem linken Ohr sofort zu pfeifen beginnt, wenn ich einer höheren Strahlung ausgesetzt bin», sagt er. Kauft der Nachbar zum Beispiel ein Schnurlostelefon, bekommt Zahnd in der gleichen Nacht Kopfweh, obwohl er nichts davon gewusst hatte. Steigt er in einen Zug, beginnen seine Knie nach fünf Minuten zu schmerzen. Einmal sei ihm ein tischtennisballgrosser Bluterguss am Knie einfach so entstanden, zur Verwunderung seines Arztes. Aus diesem Grund fordert Zahnd Zugwaggons ohne WLAN und mit Handyverbot, auch der Kinder wegen.

Seit er die Strahlenbelastung in der Wohnung auf ein Minimum reduziert hat, geht es mit seiner Gesundheit wieder bergauf. Martin Zahnd brauchte aber viel Geduld. «Es kommt immer drauf an, wie tief unten man war.»

Zahnd arbeitet nach wie vor bei IBM. Öfter nur bis in den frühen Nachmittag hinein. Danach erholt er sich zu Hause von der Strahlenbelastung, um abends wieder arbeiten zu können. Einmal hatte Zahnd Aussicht auf ein neues Büro. Bei der Besichtigung war strahlenmässig alles in bester Ordnung, er war begeistert. Einen Tag vor dem Umzug ging er nochmals ins neue Büro und bekam sofort Kopfschmerzen. Inzwischen hatte man eine Station für mehrere Schnurlostelefone installiert. Einmal mehr wurden Zahnds Hoffnungen auf ein normales Leben zerstört.

«Nebenwirkungen hochfrequenter Strahlung», Mittwoch, 21. 1., 19 Uhr. Reformiertes Kirchgemeindehaus Höngg. Referent: Martin Zahnd, Eintritt frei. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.01.2015, 20:58 Uhr)

Das sagt der Wissenschaftler

«Es ist wichtig, allfällige kleine Risiken zu kennen»

Gemäss Epidemiologe Martin Röösli scheint der Elektrosmog von Stromanlagen kritischer zu sein als derjenige von Handys und WLAN.

Wie viele Schweizerinnen und Schweizer sind elektrosmogsensibel?
Umfragen in den letzten Jahren ergaben, dass rund fünf bis acht Prozent der Bevölkerung angeben, auf elektromagnetische Felder im Alltag in irgendeiner Weise zu reagieren.

Sind das alles Hypochonder?
Nein, auf keinen Fall. Ein Teil der Leute hat grosse gesundheitliche Probleme, vor allem unspezifische Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Nervosität.

Was weiss man heute über die Gefahren des Elektrosmogs?
Bisher konnte nicht nachgewiesen werden, dass Elektrosmog unterhalb der Grenzwerte Symptome verursacht. Es gibt einen wissenschaftlich begründeten Verdacht, dass Elektrosmog von Strom­anlagen in sehr seltenen Fällen Kinderleukämie verursachen könnte. Das ist aber nicht bewiesen, weil man experimentell nicht herausgefunden hat, wie das biologisch-medizinisch geschehen könnte.

Wovon gehen die grössten Gefahren für Elektrosmogsensible aus?
Ob eine Gefahr besteht, ist nicht bewiesen. Kritisch scheint eher der Elektro­smog von Stromanlagen zu sein, weniger derjenige von Handys und WLAN.

Was ist denn am Elektrosmog möglicherweise gesundheitsgefährdend?
Das hat man eben bisher noch nicht herausgefunden. Prinzipiell gilt: Je länger und höher die Belastung ist, desto kritischer könnte es für die Gesundheit sein. Hohe Belastungen im Alltag stammen von Induktionskochherden und von Transformern.

Wie halten Sie es selber im Umgang mit solchen Geräten?
Man muss sich bewusst sein, dass ein mögliches Gesundheitsrisiko für den Einzelnen sehr gering ist, sonst hätte man das schon lange herausgefunden, weil so viele Leute dem Elektrosmog ausgesetzt sind. Aber eben gerade darum ist es auch wichtig, allfällige kleine Risiken zu kennen. Es könnte global viele Krankheitsfälle verursachen.

Andererseits gibt es immer wieder Anzeichen, die alarmieren: den Fall der blinden Kälber im Zürcher Unterland oder angeblich steigende Hirntumorfälle.
Wenn man das steigende Alter der Bevölkerung mitberücksichtigt, sind die Hirntumorfälle seit der Einführung von Mobiltelefonen nicht stärker gestiegen. Der Hauptgrund für den kontinuierlichen Anstieg seit Mitte der 80er-Jahre sind bessere Diagnosemöglichkeiten. Der Hauptrisikofaktor für Hirntumore ist das Alter, und die Lebenserwartung nimmt zu.

Müssen wir in 15 Jahren mit einer Hirntumor-Pandemie rechnen?
Meines Erachtens ist die Wahrscheinlichkeit sehr klein.

Physiker wissen, dass im Mikrokosmos letztlich alles nur Energie in unterschiedlichster Form ist. Heisst das nicht zwangsläufig, dass elektromagnetische Strahlung gefährlich ins System eingreift?
Ja genau, aber es ist alles eine Frage der Dosis. Man kriegt auch keinen Sonnenbrand in einer Vollmondnacht, obwohl ultraviolette Strahlung der Sonne vom Mond reflektiert wird. Man muss gut aufpassen, dass man die Grössenordnungen im Kopf behält, wenn man solche Vergleiche macht. Das ist häufig schwierig für Laien.

Wie steht es um mögliche Langzeitwirkungen?
Da gibt es natürlich mehr Unsicherheiten. Nur wenige Leute haben Mobiltelefone mehr als 25 Jahre benutzt, aber die Entwicklung von gewissen Krankheiten kann sehr lange dauern.

Was halten Sie von Handys für Dreijährige, den sogenannten Kitty-Phones?
Da gibt es natürlich verschiedene Aspekte, die problematisch sein können. In Bezug auf die Strahlung bin ich der Meinung, dass man die Belastung so weit wie möglich reduzieren soll, da es Unsicherheiten gibt. Von daher erachte ich das als nicht sinnvoll.

Eine Studie besagt, dass sich die roten Blutkörperchen schon nach einem Handytelefonat von 90 Sekunden verändern. Stimmt das?
Nein, es gibt viele solche Berichte, die nicht wissenschaftlich zustande gekommen sind.

Werden Mobilfunkstudien von Swisscom und Sunrise bezahlt und sind deshalb unglaubwürdig?
Meines Wissens zahlen die Mobilfunkbetreiber keine Risikostudien. Es gibt aber durchaus Modelle wie jenes in Frankreich, wo die Verursacher einer Belastung dem Staat Gelder für die Risikoforschung bereitstellen. Die Behörden wählen dann die Forschungsprojekte aus. Das funktioniert gut und hilft Unsicherheiten über gesundheitliche Wirkungen zu reduzieren.
Mit Martin Röösli sprach Carmen Roshard (Tages-Anzeiger)

Tipps für Sensible

Elektrosmog

► Handy in Flugmodus schalten
► WLAN ausschalten
► Telefon nur im Ecomode plus und mit Abstand zum Bett aufstellen
► Keine Stereoanlage, Boxen und Fernsehgeräte ohne Kabel
► Keine elektrische Heizdecke
► Leselampe ausstecken
► Zum Radiowecker Abstand halten (ausser er ist batteriebetrieben)
► Vorsicht bei Metallbett, besser ist ein Holzbett
► Möglichst keine aktiven Stromleitungen in der Wohnung: Stromleiste oder Netzfreischalter installieren
► Heizung im Wasserbett ausschalten

«Nebenwirkungen hochfrequenter Strahlung», Mittwoch, 21. 1., 19 Uhr. Reformiertes Kirchgemeindehaus Höngg. Referent: Martin Zahnd, Eintritt frei.

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Martin Röösli

Der Epidemiologe leitet den Bereich Umwelt und Gesundheit am Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut in Basel.

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