Zürich

Kalte Betten in der Stadt

Von Janine Hosp. Aktualisiert am 08.10.2011 37 Kommentare

Wohnungen an den schönsten Lagen stehen in der Stadt Zürich die meiste Zeit leer – viele werden nur als Zweitwohnsitze genutzt. Wie viele genau, weiss niemand.

Das Haus am Predigerplatz ist tagelang leer. Genutzt wird es vom Besitzer etwa nach einem Opernbesuch. Foto: Reto Oeschger

Das Haus am Predigerplatz ist tagelang leer. Genutzt wird es vom Besitzer etwa nach einem Opernbesuch. Foto: Reto Oeschger

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Das Haus verfügt über drei Wohnungen, drei Briefkästen und drei Klingeln. Aber auf keinem Schild steht ein Name, stattdessen die Anweisung «Keine Werbung». Diese würde auch nicht viel bewirken, denn meistens steht die Liegenschaft am Predigerplatz leer. Der Besitzer ist ein Unternehmer vom Greifensee. Er und seine Familie nächtigen dort nur ab und zu, zum Beispiel nach einem Opernbesuch, wie seine Frau bestätigte. Die beiden anderen Wohnungen dienen als «Gästezimmer». «Ein richtiges Geisterhaus», sagt Martin Brogli, Präsident des Quartiervereins der Altstadt rechts der Limmat. Obwohl es oft leer steht, gehen abends die Lichter an und aus; eine Zeitschaltuhr soll den Eindruck erwecken, es sei bewohnt.

Laut Brogli gibt es in den vergangenen Jahren immer mehr solche Geisterhäuser – Häuser, die als Zweitwohnsitz genutzt werden. An der Trittligasse etwa sind es gleich zwei oder drei. Man erkennt sie leicht; oft sind die Häuser frisch renoviert und die Klingelschilder blank.

Nicht nur in Berggemeinden

Wie der Quartiervereinspräsident beobachtet, ist die Altstadt bei Reichen als Zweitwohnsitz äusserst beliebt. Sie renovieren die Häuser aufwendig – jenes am Predigerplatz zwei Jahre lang – und statten sie gerne mit erlesenen Antiquitäten aus. «Man hat heute eben eine Wohnung in der Altstadt», sagt er. Die Liegenschaften seien Liebhaberobjekte, gleichzeitig aber auch exzellente Geldanlagen.

Sogenannte kalte Betten sind lange nur mit Berggemeinden in Verbindung gebracht worden, nun sind sie auch in Zürich vermehrt ein Thema – vor allem, wenn Prominente ab und zu darin nächtigen. So hat der ehemalige Hedgefondsmanager Rainer Marc Frey im Mobimo Tower für 10 Millionen Franken drei Wohnungen gekauft, die er zu einer 600 Quadratmeter grossen Wohnung zusammenlegen liess. Sie ist jedoch nur ein Pied-à-terre; hauptsächlich wohnt – und steuert – er in Bäch im Kanton Schwyz. Oder der ehemalige Verleger Beat Curti: Er wohnt an der Goldküste, hat aber mehrere Liegenschaften im Niederdorf gekauft, eine davon bewohnt er mit seiner Frau. Mit einer Zweitwohnung haben Gutbetuchte beides, einen Wohnsitz in einer attraktiven Stadt und einen in einem steuergünstigen Dorf.

Liegenschaftspreise steigen

Curti allerdings trägt sich mit den Gedanken, seinen Lebensschwerpunkt von Erlenbach in die Stadt zu verlegen, wie er sagt. Grund dafür sei seine «grosse Verliebtheit» in die Altstadt; während 20 Jahren hat er dort gelebt, unter anderem während seiner Studienzeit. Bevor er sich definitiv entscheidet, will er aber die Steuerentwicklung in der Stadt beobachten. In der Altstadt spricht sich rasch herum, wenn ein Haus nach einem Umbau nur noch als zweiter Wohnsitz genutzt wird. Auch CVP-Nationalrätin Kathy Riklin lebt dort und hat von solchen Fällen gehört. «Das führt zu einem St.-Moritz-Effekt: Mieten und Liegenschaftspreise steigen, und die Altstadt entvölkert sich.»

Der St.-Moritz-Effekt lässt sich exemplarisch an der Liegenschaft am Predigerplatz beobachten: Den Mietern der drei Wohnungen und des Ladenlokals im Parterre wurde gekündigt. Jetzt steht das Haus meist leer. Der neue Besitzer ist noch an keiner Versammlung des Quartiervereins gesehen worden und zählt mangels Präsenz wohl auch nicht zu den besten Kunden der umliegenden Quartierläden. Sein Einkommen und Vermögen versteuert er anders als die bisherigen Bewohner nicht in der Stadt, sondern an seinem Wohnsitz, in dem der Steuerfuss deutlich unter jenem der Stadt liegt. In Zürich muss er lediglich den Eigenmietwert des Hauses versteuern. Die Altstadt ist bei Zweitwohnungsbesitzern zwar besonders beliebt, sie weichen aber auch bereitwillig auf andere Quartiere aus. SP-Gemeinderätin Jacqueline Badran etwa wohnt in Wipkingen in einem Haus mit neun Wohnungen, drei davon werden als Zweitwohnsitz genutzt.

Neue Zahlen sollen her

Und sie weiss aus ihrem Bekanntenkreis von weiteren Beispielen: Ein Freund von ihr musste aus seiner grossen 2-Zimmer-Wohnung im Seefeld mit Blick auf See und Alpen ausziehen. Sie wurde verkauft und mit drei weiteren Wohnungen zu einem riesigen Appartement zusammengelegt. Es wird heute lediglich zwei Monate pro Jahr genutzt: von einer Belgierin, die darin wohnt, während ihr Mann in einer Klinik behandelt wird.

Wie viele Wohnungen in der Stadt Zürich heute als Zweitwohnsitz genutzt werden, weiss niemand. Die letzte Zahl stammt aus der Volkszählung 2000: Damals wurde jede zwanzigste Wohnung als Zweitwohnsitz genutzt, was über 10'000 Wohnungen entsprach. Inzwischen, so glaubt AL-Gemeinderat Niklaus Scherr, ist ihre Zahl deutlich gestiegen. Er schätzt, dass ein Drittel aller Eigentumswohnungen, die seither erstellt worden sind, als zweiter oder dritter Wohnsitz dienen, insbesondere die Luxuswohnungen im Kreis 5.

Fiskalisch uninteressant

Ein Drittel hiesse laut Statistik Stadt Zürich 1594 Wohnungen im Stockwerkeigentum. Viele Politiker sind jedoch der Ansicht, dass es wichtig wäre, dass aktuelle Zahlen zu Zweitwohnungen vorlägen. «Jede Kuh und jede Geiss wird in unserem Land gezählt, nicht aber Zweitwohnsitze», ärgert sich Nationalrätin Riklin. Hätte man Zahlen, sagt Gemeinderätin Jacqueline Badran, könnte die Stadt abschätzen, wie viele Wohnungen der ansässigen Bevölkerung auf diese Weise entzogen werden und wie hoch die Steuerausfälle sind. Falls notwendig könnte die Stadt aktiv werden und sie zum Beispiel stärker besteuern oder die Zahl der Zweitwohnungen beschränken – so, wie es Berggemeinden zum Teil heute schon tun oder tun wollen. So könnte die Stadt in der BZO wieder festschreiben, dass Zweitwohnungen nicht dem Wohnanteil angerechnet werden dürfen, ein entsprechendes Postulat von Niklaus Scherr ist hängig.

«Zweitwohnungen sind fiskalisch uninteressant», sagt Badran. Die Bewohner zahlten keine Einkommenssteuer und bei den Eigentumswohnungen könnten manche so viele Schuldzinse abziehen, dass sie am Ende kaum etwas versteuern. Sie fordert deshalb in einem Vorstoss im Gemeinderat, dass die Stadt künftig die Zahl der Zweitwohnungen erhebt. Finanzvorstand Martin Vollenwyder (FDP) hingegen fragt sich, ob sich der Aufwand lohnt und ob Zweitwohnungen tatsächlich ein Problem sind. Er sieht diese als Folge der heutigen Lebensweise: «Viele Leute sind heute privat oder beruflich oft unterwegs.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.10.2011, 08:21 Uhr

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37 Kommentare

Pawel Silberring

08.10.2011, 09:29 Uhr
Melden 109 Empfehlung

Zweitwohnungen, Business-Appartments und auch Hotels gehören einfach nicht in den Wohnanteil. Das entsprechende Postulat sollte nicht hängig sein, sondern schleunigst umgesetzt werden, bevor noch mehr wertvoller Wohnraum verloren geht. Wohnen ist wichtiger als zweitwohnen. Antworten


Bernhard Vontobel

08.10.2011, 11:01 Uhr
Melden 67 Empfehlung

Neoliberale Lebensweise nach SVP-Vorbild ist das. Es kann jeder das machen was er grad will. In Zürich zeitweise leben und arbeiten, aber doch bitte keine Steuern zahlen in dieser Stadt. Hauptsache rücksichtslos! Antworten



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