Karl Zweifel, Chirurg und Schnelldenker

Er ist Chirurg und will in den Stadtrat. Er sieht aus wie ein Freak und denkt wie Blocher oder Mörgeli. Und er redet schneller als jeder Politiker. Wer ist dieser Karl Zweifel?

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Zürich. - Es geht allen gleich, wenn sie Karl Zweifel (53) zum ersten Mal sehen, der neben Mauro Tuena für die SVP in den Stadtratswahlkampf ziehen will. «Ein Langhaariger, ein Freak, ein gut gealterter Altlinker - und so einer ist in der SVP!» Der neue SVP-Mann sieht aus wie eine Mischung aus Dustin Hoffman, Oskar Freysinger und dem Schlagerstar Jürgen Drews («Ein Bett im Kornfeld»). Als gut aussehender, gut verdienender, gut gebräunter Arzt passt er in alle Klischees.

Doch Karl Zweifel braucht keine zehn Sekunden, um Besucher für sich einzunehmen - bei ihm geht alles schnell. Sympathisch, charmant, sprudelnd vor Energie, blitzgescheit, belesen, schnell denkend, unkompliziert, unkonventionell und grundsolide - das sind die ersten Eindrücke. Karl Zweifel kommt um 16 Uhr aus dem Operationssaal des Sanitas-Spitals in Kilchberg. Seit 7.30 Uhr hat er ohne Pause operiert - nicht irgendwo im Bauch oder am Bein, sondern an der Wirbelsäule. Sechs Bandscheiben und ein kleiner Tumor sind die Tagesbilanz. Millimeterarbeit, wie vielleicht nur noch bei Hirnchirurgen.

Von Mythologie zu Verkehrspolitik

Er schält sich ungeniert vor seiner grossen, blonden Praxisassistentin aus den grünen Chirurgenklamotten. «Meine Partnerin», stellt er sie vor. Die beiden sind seit 1991 ein Paar, sie war früher Anästhesieschwester am Uni-Spital, seither managt sie seine Agenda und seine Patienten. Gemeinsam fahren sie zur Arbeit - im Skoda, auch wenn zu Hause im Kreis 6 ein 34-jähriger Porsche-Oldtimer steht. Fast rund um die Uhr mit der gleichen Person zusammen - die beiden müssen ausgeglichene Menschen sein. «Ich bin ein sehr friedlicher Typ und ein absoluter Teamplayer», sagt Zweifel von sich selbst.

Vom Rückenmark über den Verkehr in der Stadt Zürich bis zur griechischen Mythologie dauert es im Gespräch bloss wenige Sekunden. «Zum Glück operiere ich hier draussen in Kilchberg; in der Stadt bist du über dem Hades, bevor du beim Arzt ankommst.» Zweifel duzt seine Gesprächspartner unbewusst. Dann folgt eine Abhandlung in Verkehrspolitik, wie sie kein anderer SVPler besser - und vor allem schneller - auf den Punkt bringt: falsche Prioritäten, Baustellen als Schikane, einseitige Bevorzugung von Velos und so weiter.

Ohne die geringste Zurückhaltung erzählt Zweifel über seine fast schulterlangen, glänzend schwarzen Haare, in denen bloss ganz wenig Grau schimmert. «Die trage ich seit meiner Jugend lang, und Studienkollegen nennen mich noch immer den langhaarigen Schwarzen.» Chirurg wollte er von jüngster Kindheit an werden. «Wer erfolgreich werden will, muss das von klein auf wollen», sagt er und erinnert an den Fussballer Maradona: «Der hatte schon mit elf dieses Glänzen in den Augen.» Zweifel selbst spielte in den besten Juniorenmannschaften Eishockey beim ZSC und hörte mit 20 zugunsten des Studiums auf.

Als Journalist mit Karl Zweifel zu reden ist anstrengend, aber eine Chance. Bald schickt ihn die SVP ins Medientraining und lehrt ihn Schlagworte. Heute ist er noch ungeschliffen, kommt vom Hundertsten ins Tausendste, springt von Philosophie zu Gesundheits- und Ausländerpolitik. Er redet ausschweifender als Doris Fiala, hat zehn Bücher auf seinem Nachttisch (zuoberst eines über Ökonomie und Ökologie) und schreibt selbst an einem philosophisches Buch über das Weltkonzept. Als Schüler las er gleichzeitig Karl May und Platon. «Ich wollte schon immer alles wissen und bin auch heute noch in allen Bereichen extrem motiviert.»

Als Chirurg auf dem Höhepunkt

Wieso will ein erfolgreicher Chirurg, der heute mehr als doppelt so viel verdient wie ein Stadtrat, mit 53 in die Politik? «Beim Operieren bin ich auf dem Höhepunkt», sagt er. Wenns gegen 60 zu geht, nehme die Geschicklichkeit ab. Schon sein Vater, der Zahntechniker war, habe ihm dies gesagt. «Wenn ich etwas mache, dann voll und ganz - zuerst Sport, dann Chirurgie und nun Politik.» Als Praktiker könne er der Politik sehr viel bringen - und im Stadtrat für einen neuen, frischen Mix sorgen.

Und warum muss es die SVP sein? «An eine politische Mitte glaube ich nicht», sagt Zweifel, «man kann auch nicht bloss ein bisschen tot sein.» Deshalb kommt eine FDP für Zweifel nicht in Frage, sie wäre ihm zu lahm, zu inkonsequent. «Dann lieber ganz links aussen.»

Zweifel ist für die SVP und für den Zürcher Wahlkampf unzweifelhaft eine Bereicherung. Er ist ein bunter Hund, herrlich unverbraucht und undiplomatisch. Und er kommt mit seinem Charisma beim Volk an. Ob der heutige Spitzenchirurg und Schnelldenker ein grosses Departement führen, langweilige Sitzungen über sich ergehen lassen und aus der Eröffnung von Altersheimen Befriedigung ziehen kann, ist eher fraglich. Sicher ist: Die SVP hat schon langweiligere Kandidaten nominiert.

Sechs Bandscheiben und einen Tumor hat Karl Zweifel gestern operiert - nun will er für die SVP in den Stadtrat. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2009, 09:30 Uhr

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