Kirche soll Luxuswohnungen weichen

In Wollishofen wird die neuapostolische Kirche abgebrochen und durch Eigentumswohnungen der gehobenen Klasse ersetzt. Das ärgert SP-Nationalrätin Jacqueline Badran.

Die Tage der neuapostolischen Kirche in Wollishofen sind gezählt. Foto: Sabina Bobst

Die Tage der neuapostolischen Kirche in Wollishofen sind gezählt. Foto: Sabina Bobst

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die neuapostolische Kirche an der Butzenstrasse in Wollishofen wird abgebrochen. Die Freikirche hat die halbrunde und architektonisch interessante Liegenschaft für vorsichtig geschätzte drei Millionen Franken verkauft. An gleicher Stelle will die Immobiliengesellschaft «Imooo» einen Betonbau mit neun Luxuswohnungen und dem Namen «Wooon» bauen. Inzwischen ist das Projekt ausgesteckt worden. Die Wohnungen kosten zwischen 890'000 und 1,8 Millionen Franken. Was typisch ist für Zürich: Fünf Wohnungen sind schon reserviert. Der geschätzte Verkaufspreis aller Eigentumswohnungen beträgt zwölf Millionen Franken.

Der Luxusbau bringt die Zürcher SP-Nationalrätin und Immobilienspezialisten Jacqueline Badran auf die Palme. «Es kann doch nicht sein, dass ausgerechnet eine Kirche, die sich anderen Zielen als dem Geld verpflichtet fühlt, an einen renditeorientierten Immobilienentwickler verkauft. Auch die neuapostolische Kirche hat einen gemeinnützigen Auftrag.»

Badran führt den Volksentscheid vom vergangenen September ins Feld. Damals haben sich die Stimmberechtigten der Stadt Zürich mit einer deutlichen Mehrheit für mehr preisgünstige Wohnungen ausgesprochen. «Genossenschaften und Stiftungen bezahlen heute ebenfalls Spitzenpreise», sagt die SP-Politikerin. «Doch sie entziehen die Immobilien dem Markt und den steigenden Preisen.» Damit meint sie: Teure Genossenschaftswohnungen sind in 20 Jahren bezahlbar.

Kirche stand zwei Jahre leer

Eine ganz andere Meinung vertritt ­Albert Leiser, FDP-Gemeinderat und ­Direktor des Hauseigentümerverbandes Zürich. Er kennt die Hintergründe nicht, welche die neuapostolische Kirche veranlasst habe, ihr Gotteshaus zu verkaufen. Vielleicht baue sie an einem andern Ort und brauche dafür das Geld, argumentiert er. «Grundsätzlich kann jeder private Eigentümer noch frei entscheiden, was er mit seinem Grundstück vorhat und an wen er es verkaufen will.»

Andreas Grossglauser, Sprecher der neuapostolischen Kirche, wehrt sich gegen Badrans Angriff: «Wir haben einen Käufer gesucht und einen gefunden.» Er fügt hinzu, der Kauf sei schon vor dem besagten Volksentscheid über die Bühne gegangen. Verkauft wird die Kirche an der Butzenstrasse, weil sie nicht mehr gebraucht wird. Die Kirche stand zwei Jahre leer, bis die Berner Künstlerin Chantal Michel sie in eine begehbare Ausstellung verwandelt hatte. In Rüschlikon wurde das neuapostolische Gotteshaus schon vor mehr als elf Jahren an die Gemeinde verkauft. Heute hat sich dort ein Tanzstudio eingemietet.

Dass die neuapostolische Gemeinde zwei Kirchen aufgeben musste, ist für Sektenexperte Hugo Stamm ein starkes Indiz dafür, dass ihre Mitgliederzahl ­zurückgeht. Das mag Andreas Grossglauser nicht bestätigen. Er spricht von Stagnation.

Umnutzung oder Verkauf?

Grössere Probleme mit dem Mitgliederschwund haben so oder so die Landeskirchen – und damit auch mit Kirchengebäuden, die kaum noch für den Gottesdienst genutzt werden. Bei der reformierten Kirche hat dieser Schwund zum Beispiel dazu geführt, dass die Kirche Egg, ebenfalls in Wollishofen, zur Umnutzung freigegeben wurde. Sie soll in ein Orgelzentrum verwandelt werden. Generell sollen die 33 autonomen reformierten Kirchgemeinden in der Stadt Zürich zu einer einzigen zusammengefasst werden. Diese Neuorganisation haben die Stimmberechtigten im vergangenen September gutgeheissen.

Esther Straub, Pfarrerin und Zürcher SP-Gemeinderätin, ist der Meinung, dass dies der Kirche neue Möglichkeiten in Bezug auf ihren Immobilienbesitz eröffnet. «Die reformierte Kirche entwickelt für ihre Immobilien eine Strategie, mit der sie soziale Verantwortung übernimmt», sagt sie. Kirchen an Immobilienfirmen zu verkaufen, gehört da wohl kaum dazu. Doch was mit den Kirch­gemeindehäusern, den Mehrfamilienhäusern und den Pfarrhäusern genau ­geschehen soll, sei offen, sagt sie. «Darüber wird zurzeit im Zug der Reorganisation rege diskutiert.»

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.01.2015, 22:41 Uhr

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

TA Marktplatz

Kommentare

Abo

Digital Abos

Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Im 1. Monat nur CHF 1.-

Die Welt in Bildern

Farbenfroh: In der nähe des Gazastreifens macht eine Frau in einem Meer von Ranunkeln ein Selfie. Die Blumen werden vor allem für den Verkauf in Europa gezüchtet (20. April 2017).
(Bild: Abir Sultan) Mehr...