König der Likes

Der 18-jährige Schwamendinger Bendrit Bajra hat über 117'000 Anhänger auf Facebook. Abseits von TV, Radio und Zeitungen ist er zum Star einer ganzen Generation geworden.

Seine Fans im Internet lieben Bendrit Bajra  für seine Sprüche. Foto: Sophie Stieger

Seine Fans im Internet lieben Bendrit Bajra für seine Sprüche. Foto: Sophie Stieger

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Bendrit Bajra ist ein Face­­­­­­book-­Star. Wenn der 18-jährige Schweizer mit albanischen Wurzeln auf seinem Profil eines seiner Videos veröffentlicht, ­klicken 10'000 bis 20'000 seiner über 117'000 Anhänger, sogenannte ­Followers, auf «Like». Auch die Selfies, die Bajra mit ironischen Sprüchen beschriftet, lieben seine Fans. Lieblingsthema der humoristischen Beiträge:­ ­Bajra selbst. Zum Interview fährt der ­Autoverkäuferlehrling in einem weissen BMW X6 vor (Neupreis 120'000 Franken), ein Geschenk seines Vaters.

Wie erklärst du jemandem mit Jahrgang 1961, was du machst?
Ich mache Comedy-Videos, in denen ich von alltäglichen Situationen erzähle. Ein typisches Beispiel: Meine Mutter ruft mehrmals: «Bendrit, Bendrit, Bendrit» – ich antworte laut mit «Was?» – und dann antwortet sie plötzlich nicht mehr.

Warum bist du so erfolgreich?
Ich spiele keine Rolle, bin mich selbst. Die Klischees, die ich aufgreife, kennen viele aus ihrem Alltag. In der Schweiz kennt mich praktisch jeder Jugendliche mit einem Facebook-Konto, denn auch wenn mir jemand nicht direkt folgt, sieht er, wenn andere Leute meine Beiträge liken oder sharen.

Seit über einem Jahr filmt und fotografiert sich Bajra mit seinem Smartphone in seinem Zimmer in Schwamendingen und lädt die Beiträge ins Internet hoch. Er betreibt auch einen Youtube-Kanal, aber sein Lieblingssprachrohr ist das Facebook-Profil. Innerhalb von wenigen Monaten hat sich die Zahl seiner Followers verdoppelt. Weil Bajra 1000 offene Freundschaftsanfragen hat, kann man ihm zurzeit nur noch «­followen», um seine Beiträge zu sehen. Zudem hat Bajra bald die Limite von 5000 Freunden erreicht. Nicht nur online, auch auf der Strasse ist der junge Mann populär. Läuft er durch Schwamendingen oder das Glattzentrum, wird Bajra ständig erkannt. Jugendliche winken ihm zu oder lassen sich mit ihm fotografieren.

Wer folgt dir auf Facebook?
Schweizerinnen und Schweizer zwischen 13 und 19. Viele stammen aus Zürich oder haben ebenfalls albanische Wurzeln. Aber auch Deutsche und Österreicher folgen mir. Kürzlich hat mich im Glattzentrum ein Kölner angesprochen, er sagte, dass sie mich an seiner Schule brutal feierten. Und dass sie Beiträge auf Hochdeutsch wünschten. Jetzt müssen sie sich alles dreimal anschauen, bis sie es verstehen.

Mit seinen Beiträgen trifft Bajra den Nerv seiner Generation. Es geht um strenge Eltern, nervige Lehrer und Unterschiede zwischen Schweizern und Ausländern. Zum Stammpersonal in den Videos gehört der Schweizer Yannick, wie alle Figuren gespielt von Bajra selbst. In astreinem Zürcher Dialekt verhandelt der freche Milchbubi mit seinem Papi. Der Schweizer Vater reagiert selbst dann noch verständnisvoll, wenn der Sohn ungenügende Noten schreibt, das Auto verkratzt oder zu spät nach Hause kommt. Ganz anders geht es bei Bendrit zu und her. Kleinlaut der Sohn, brutal der Vater.

Wird in albanischen Familien wirklich so viel geflucht und zur Strafe zum Gurt gegriffen?
Nein, nein, nein, ich wurde noch nie geschlagen von meinen Eltern. Das ist ein Klischee, mit dem ich spiele. Aber was das Schimpfen betrifft, stimmt es schon: Wenn ein albanischer Vater hässig ist, provoziert man ihn lieber nicht weiter.

Wie ist das Verhältnis zum Vater?
Er ist wie mein bester Kollege, wir begrüssen uns mit Handschlag, streiten nie und gehen ab und zu gemeinsam Autos waschen. Ich könnte sogar mit ihm in den Ausgang, aber meine Mutter würde ihn wohl nicht lassen (lacht).

Bist du Schweizer oder Albaner?
Beides. Ich bin hier geboren, liebe dieses Land. Aber ich bin auch der Heimat meiner Eltern verbunden. Ich sehe mich als Albaner mit Schweizer Pass.

Was kannst du besser spielen?
Den Schweizer Akzent nachmachen kann ich echt gut, da ticken die Leute voll aus. Aber den albanischen Vater kann ich nicht so gut, irgendetwas fehlt. Ich höre meinem Vater zwar oft zu, aber ich kann ihn nicht gut nachspielen.

Im Gespräch wirkt Bajra so aufgeschlossen wie in seinen Videos. Mit der Unbekümmertheit eines 18-Jährigen beantwortet er alle Fragen. Denselben offenen Umgang pflegt er mit seinen Kritikern. In einem seiner Beiträge reagiert er auf den Kommentar «Du bisch fett», in dem er sagt: «Das isch doch eher es Kompliment, ide Physik seit mer doch, dass sich heissi Körper dünd usdehne . . . das heisst, ich bin gar nöd fett, ich bin heiss!», und führt dann grinsend ein Triumph-Tänzchen auf.

Gibt es etwas, das dich online nervt?
Frauenfeindlichkeit regt mich auf. Wenn ich auf Facebook Sprüche wie «Alle Frauen sind Bitches» lese, beende ich die Freundschaft. Wie kannst du so etwas sagen, wenn du Mutter oder Schwester zu Hause hast? Ich checke nicht, wie man Frauen diskriminieren kann.

Wie siehst du deine Zukunft?
Ich möchte als Stand-up-Komiker das Hallenstadion füllen (lacht). Im Ernst: Zuerst mal die Lehre abschliessen, das ist mir wichtig. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 15.12.2014, 23:21 Uhr)

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