«Kontrollwahn» an der Volksschule
Von Liliane Minor. Aktualisiert am 06.09.2010 3 Kommentare
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Für jedes Projekt, jedes Problem, jeden Sonderfall und sogar für den Normalfall brauchts ein eigenes Formular: So funktioniert die Volksschule nach dem Eindruck vieler Lehrkräfte. Verantwortlich für diesen Papierkrieg machen sie die Bildungsdirektorin Regine Aeppli (SP). Diese wies den Vorwurf stets zurück. Jetzt erhält Aeppli Rückendeckung von unerwarteter Seite: Der Zürcher Lehrerverband (ZLV) ist nach einer Umfrage unter Lehrern zum Schluss gekommen, dass die Bürokratie an den Schulen tatsächlich überbordet. Aber: «Der grösste Teil stammt von Schulbehörden und Schulleitungen», sagt ZLV-Präsidentin Lilo Lätzsch.
Besonders schlimm ist die Situation nach Lätzschs Einschätzung in der Stadt Zürich. Schulamt, Schulkreise und einige Schulleitungen deckten die Lehrerschaft mit Unmengen von Formularen, Richtlinien und Vorschriften ein: «Vieles davon ist völlig übertrieben.» Als Beispiel nennt sie das Prozedere, das vorgeschrieben ist, wenn ein Schüler innerhalb der Sek die Abteilung wechselt. Es braucht nicht nur ein bis zwei Elterngespräche. Der Lehrer muss zudem ein sechsseitiges Formular ausfüllen, in welchem er alle Fähigkeiten des Schülers noch einmal beurteilen muss – obwohl das bereits im Zeugnis steht.
Ernährungsrichtlinien schwer umsetzbar
Für Lätzsch hat die Bürokratie einen Grund: «Offenbar ist das Bedürfnis, möglichst alles zu kontrollieren und sich für jede Eventualität abzusichern, in einer Stadt wie Zürich besonders gross.» Dazu gehören Vorschriften, wie oft alle Lehrkräfte eines Schulhauses zu einer Sitzung zusammenkommen müssen – egal, ob es etwas zu besprechen gibt oder nicht.
Oder die Ernährungsrichtlinien für Pausenkioske und Klassenlager. An ihrer Schule habe man den Pausenkiosk darum aufgehoben, sagt Lätzsch: «Das, was wir dann noch anbieten dürfen, kauft kein Schüler.» Sie kenne viele Lehrer, welche die Richtlinien im Klassenlager nicht einhielten: «Sonst dürften sie nicht einmal mehr Spaghetti kochen, die nicht Vollkorn sind.»
Niemand will schuld sein
Das Stadtzürcher Schulamt wehrt sich gegen Lätzschs Kritik. Die Verwaltung erlasse Richtlinien und erhebe Daten nicht um ihrer selbst willen: «Politiker und Eltern fordern von uns immer mehr Rechenschaft über unser Tun», sagt Marcel Bachmann, Direktor des Schulamts.
Wenig erfreut über Lätzschs Kritik sind auch die Verbände der Schulleiter und der Schulpräsidenten. «Wir geben uns enorm Mühe, die Lehrpersonen nicht zu sehr mit Formularen zu überfordern», sagt Johannes Zollinger, Präsident des Schulpräsidentenverbands. Auf Nachfrage gibt er allerdings zu, dass es tatsächlich sehr viel Bürokratie in den Schulen gebe: «Das gilt aber nicht nur für die Lehrer, die Verwaltungen haben den genau gleichen Papierkrieg.» Ähnlich sieht es Peter Gerber, Präsident des Schulleiterverbands. Er reicht den Schwarzen Peter weiter an die Bildungsdirektion: «Vieles, was die Schulleitungen verlangen, stammt ursprünglich von der Bildungsdirektion.»
Zentrale Datenbank gefordert
Einig sind sich Lätzsch, Zollinger und Gerber in einem Punkt: Es werde an den Schulen zu viel kontrolliert, zu viel erfasst. Zollinger fordert etwas mehr Gelassenheit und weniger Zentralismus: «Aber die Bildungsdirektion würde am liebsten alle Schulen von Zürich aus führen.» Dazu komme: Jeder, der ein neues Formular kreiere, wolle möglichst alle Angaben auf einem Blatt.
Weil es aber im Kanton Zürich keine zentrale Datenbank mit allen Angaben zu Schülern und Lehrpersonen gibt, müssen in jedem Formular sämtliche Daten wie Namen, Adresse, AHV-Nummer, Pensum, unterrichtete Lektionen und vieles mehr von Hand eingetragen werden. «Das ist völlig irr», sagt Schulleiter Gerber. Die drei Verbände fordern deshalb eine zentrale Datenbank.
Stadt Zürich will anpacken
Ob die Bildungsdirektion dem Gehör schenkt, ist ungewiss. Sie lädt am 17. September zu einer Medienkonferenz. Dann werden die Resultate einer gross angelegten Untersuchung unter dem Titel «Be-/Entlastung im Schulfeld» vorgestellt. Darin geht es unter anderem um die Bürokratie; die Umfrage des ZLV erfolgte im Rahmen dieses Projekts. Ziel des Projekts ist es, unnötige Belastungen für alle Beteiligten zu reduzieren. Die Bildungsdirektion will aufzeigen, wo sie Möglichkeiten sieht, alle Beteiligten zu entlasten.
Bereits einen Schritt weiter ist die Stadt Zürich. Stadtrat Gerold Lauber (CVP) hat in Sachen Bürokratie Besserung versprochen. «Er hat uns den Auftrag erteilt, die Thematik zusammen mit Frau Lätzsch anzupacken», sagt Marcel Bachmann, Direktor des Schulamts. Welche Formulare und Richtlinien unnötig oder übertrieben sind, kann Bachmann im Moment nicht sagen. Sicher sei aber, dass die Arbeit mehrere Monate in Anspruch nehme, wenn sie seriös angepackt werden soll. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 06.09.2010, 10:58 Uhr
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3 Kommentare
Wenn's nicht betrübt, amüsiert's mindestens. Politik und Behörden brauchen mehrere Jahre um jede Menge Vorschriften zu erlassen ... und dann mehrere Monate, um herauszufinden, welche davon unnötig oder gar unsinnig sind. Laut wiehert der Amtsschimmel und produziert dabei einen Haufen ... ehh ... Pferdeäpfel! Antworten






Anita Beeler
Der gleiche unsinnige Papierkrieg wird, gepaart mit "überwachitis" und der absolut hirnrissigen Idee dass eine Schule Profit abwerfen müsse, nun auch mit Würgen und Brechen an den Fachhochschulen (ZHAW) eingeführt. Und dies obwohl man weiss dass dieses System die Forschung in den USA um Jahrzehnte zurückgeworfen hat und auch den Unterricht nicht verbessert. Mehr Bürogummis braucht das Land! Antworten