Kontroverse Statistik – schrecken Kameras Vandalen gar nicht ab?

Die Sachschäden an Zürcher Schulanlagen haben sich seit 2010 halbiert. Die Stadt führt es auf die Videoüberwachung zurück. Jetzt gibt es Zweifel an ihrer Darstellung.

Immer mehr Kameras an Zürcher Schulen: Die Videoüberwachung am Schulhaus Limmat. Archivbild: Keystone/Christian Beutler

Immer mehr Kameras an Zürcher Schulen: Die Videoüberwachung am Schulhaus Limmat. Archivbild: Keystone/Christian Beutler

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Die Videoüberwachung von Schulanlagen ist umstritten, gemäss Stadtrat verfehlt sie aber ihr Ziel nicht: Sie schrecke Vandalen ab. So kann die Antwort der Regierung auf eine Schriftliche Anfrage der beiden SP-Gemeinderätinnen Barbara Wiesmann und Vera Ziswiler gelesen werden. Nun gibt es aber Zweifel an dieser Lesart.

Die Ausgangslage: Seit 2010 wurden 29 städtische Schulanlagen mit Videoüberwachung ausgerüstet, das entspricht rund einem Viertel aller Volksschulhäuser. Die Kameras sollten die Kosten durch Vandalismus, Sprayereien und Einbrüche reduzieren. Und tatsächlich: Seit 2010 die erste Videoüberwachung in der Schulanlage Milchbuck installiert wurde, hätten sich die Vandalismus- und Graffitischäden in städtischen Schulanlagen von 750'000 Franken auf knapp 350'000 Franken im Jahr 2016 verringert. Dem stünden pro Schulhaus jährliche Kosten für Betrieb und Unterhalt von 3300 Franken gegenüber. Der Trend sei eindeutig, schreibt der Stadtrat.

Vandalismus an Schulen: Die jährlichen Kosten seit 2010. Bild: Screenshot

Zu einem ganz anderen Schluss kommt Felix Moser. Moser politisiert im Gemeinderat und ist Präsident der Grünen der Stadt Zürich. Er interpretiert die gleichen Zahlen komplett anders. Am Wochenende hat er einen Blog aufgeschaltet. Der Titel: «Sinnlose Videoüberwachung bei Schulhäusern».

Boom folgt nach Rückgang

Moser knüpft sich in seinem Beitrag die Grafik des Stadtrates vor, die nur den Rückgang der Kosten zeigt. Was in der Abbildung allerdings nicht dargestellt wird, ist die Entwicklung der Zahl der überwachten Schulanlagen: «Schon im Jahr 2011 und 2012 bewegen sich die Schadensummen ziemlich genau um die 400'000 Franken. Im Jahr 2011 war aber erst ein Schulhaus mit Kameras ausgestattet, zwei weitere wurden im selben Jahr in Betrieb genommen», schreibt Moser.

Der grosse Boom an neuen Kameras folgte erst ab dem Herbst 2012. «Seit 2011 sind die Schäden auf tiefem Niveau stabil und haben nicht abgenommen – trotz immer mehr Kameras», so Moser. 2014 sind die Kosten sogar noch einmal auf rund 500'000 Franken angestiegen. Mosers Fazit: «Die Statistik zeigt vor allem, dass die Kameras überhaupt keine Wirkung zeigen. Sie sind damit völlig unnötig, und die Investitionen dafür schlicht hinausgeworfenes Geld.»

Die Verwaltungsabteilung des Hochbaudepartements Immobilien Stadt Zürich (Immo) erfasst die Schäden an den Schulanlagen. Sie bewilligt auf Antrag der Schulbehörden auch die Videoüberwachung. Lucas Bally, Sprecher des Hochbaudepartements, stimmt zu: Seit 2011 sei die Schadenssumme in etwa stabil geblieben. «Die Kurve muss aber relativiert werden», sagt er. Es handle sich dabei erstens um die Gesamtsumme für Schäden an sämtlichen Schulanlagen, und nur ein Viertel sei videoüberwacht, zweitens gäbe es immer mehr Schulanlagen in der Stadt Zürich. «Zudem können teure Einzelfälle bei Schulanlagen ohne Kameras die Summe in die Höhe treiben», sagt Bally. Über den drastischen Rückgang von 2010 zu 2011 lasse sich nur spekulieren: «Sicher aber hatte die grosse mediale Aufmerksamkeit eine abschreckende Wirkung.» Eine Auswertung pro Schulhaus gebe es nicht. Bally hält an der Interpretation des rückläufigen Trends bei den Sachbeschädigungen fest.

Gute Erfahrungen in anderen Gemeinden

Um die Videokameras bei Zürcher Schulanlagen entbrennen immer wieder politische Diskussionen. Begonnen hat die Überwachung mit einem Testbetrieb in drei Schulhäusern 2010. Anlass dafür gaben unter anderem Brandstiftungen in den Schulen Nordstrasse in Wipkingen und Aegerten in Wiedikon, die Schäden von jeweils mehreren Hunderttausend Franken anrichteten. Die Stadt argumentierte damals mit guten Erfahrungen in anderen Gemeinden. So hiess es beispielsweise in Kreuzlingen TG oder Pratteln BL, dass die Beschädigungen dank der Videoüberwachung um etwa 90 Prozent abgenommen hätten.

Heute sind in Stadtzürcher Schulhäusern Hunderte Kameras installiert. Sie filmen nur ausserhalb des Schulbetriebs. Aktiviert werden sie durch Bewegungen. Die Daten bleiben sieben Tage lang gespeichert und werden dann automatisch gelöscht. Laut der Antwort des Stadtrates wird ein Schulhaus erst überwacht, wenn über mehrere Jahre regelmässig Sachbeschädigungen oder Einbrüche auftreten. Wird ein neues Schulhaus gebaut, werden bestimmte Vorinstallationen eingerichtet, damit zu einem späteren Zeitpunkt Kameras günstiger eingebaut werden können, wenn es sich als notwendig herausstellt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.02.2017, 12:02 Uhr

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