Zürich

Kopfsalat von der Kasernenwiese

Von Andreas Diethelm. Aktualisiert am 16.02.2011 10 Kommentare

Die Kantonspolizei soll ihre ungenutzte Grünfläche mitten in Zürich für einen Schulgarten freigeben.

Brachliegende Wiese: Auf der eingezäunten Südhälfte der Kasernenwiese bewegt sich wenig. Das soll sich ändern.

Brachliegende Wiese: Auf der eingezäunten Südhälfte der Kasernenwiese bewegt sich wenig. Das soll sich ändern.
Bild: Nicola Pitaro

Andreas Diethelm

Der Pflanzenbiologe ist Inhaber des Zürcher Beratungsbüros Era Consulting für Umweltberatung und Kulturvermittlung.

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Gärtnern auf Stadtbrachen ist ein Trend unter weltläufigen Namen wie «Urban Farming». Ein hervorragend geeigneter Ort für einen temporären Garten wäre die Kasernenwiese. Diese ungenutzte Fläche mitten in der Stadt wartet seit mehr als 20 Jahren auf ihre neue Bestimmung. Auf der Nordhälfte des Geländes entlang der Militärstrasse stehen zeitweise Zirkuszelte, darüber hinaus bietet es Hunden und Haltern Auslauf und lockt zum Ballspiel und zum Picknick. Auf der eingezäunten Südhälfte an der Zeughausstrasse dagegen bewegt sich wenig, ab und zu eine Helikopterlandung, im Sommer der Rasenmäher, der sich allerdings erübrigen könnte. Für Hubschrauberbesuche bliebe nebenan eine ausreichend grosse Asphaltfläche.

Ein Stück Identität

Ein Schulgarten an dieser Lage wäre sinnvoll. Denn im Umkreis von nur einem Kilometer liegen ein Dutzend öffentliche Schulen und ebenso viele Kindergärten. Das Gebiet ist jener weisse Fleck, wo die Schweizerische Gesellschaft für Schülergärten (SGS) keine Kurse anbieten kann, weil all diese Schulen über keine Gärten verfügen. Die SGS engagiert sich seit 1913 in der praktischen Vermittlung der Gärtnerkunst an Kinder. Stand vor 100 Jahren noch die Absicht im Vordergrund, «mithilfe der Gartenarbeit die Knaben und Mädchen der mittleren Schulstufen vor den Gefahren des Gassenlebens und anderen schädlichen Einflüssen zu bewahren», so steht heute – wenn auch die Gefahren des Gassenlebens nicht geringer sein dürften – die Freude im Vordergrund, eigenhändig den Boden zu bereiten und Gemüse, Beeren Früchte und Blumen heranwachsen und reifen zu sehen.

Mit dem Bestellen eines Stücks Zürcher Boden – ob kantonaler oder städtischer ist dem Salat egal – schaffen sich die Kinder auch ein Stück Identität. Wir beklagen die zunehmende Fehlernährung der Schulkinder mit den entsprechenden gesundheitlichen Folgen. Relativ guten Schutz vor dem zweifelhaften Genuss von Convenience- und anderem Junkfood geniessen Kinder, die an Vaters oder Mutters Hand den Einkauf auf dem Wochenmarkt erleben und beim Rüsten und Kochen Hand anlegen dürfen. Wer diese Grund-erfahrungen missen muss, und das ist mittlerweile die Mehrheit, ist ersatzweise auf die Schule angewiesen. Heute gehen 600 von 22'000 Schulkindern in 22 Schülergärten der Gartenarbeit nach. Eine Schule aber, welche in unserer zunehmend bodenlosen Gesellschaft diese lebenswichtigen Erkenntnisse nicht ermöglicht, vernachlässigt eine ihrer zentralen Aufgaben. Es wurde in den vergangenen Jahren viel an der Schulorganisation herumgebaut, nun könnte auch mal etwas Substanzielles angebaut werden, etwas für alle Sinne.

Echter Beitrag an Biodiversität

Das Jahr der Biodiversität ist vorübergegangen, ohne dass der Kanton Zürich mit erwähnenswerten Massnahmen zum Schutz wertvoller Lebensräume oder für die Wiederbelebung zerstörter Räume aufgewartet hätte. Der Beitrag der Baudirektion beschränkte sich auf Budgetkürzungen in diesem Bereich. Die halbe Hektare auf der Südseite der Kasernenwiese böte Gelegenheit, das zu korrigieren. Mit einem herzhaften Entscheid kann der Regierungsrat für die Volksgesundheit und für die Einsicht in die Bedeutung der Artenvielfalt mehr tun, als es Dutzende gut gemeinte Informationsveranstaltungen vermocht haben oder hätten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.02.2011, 22:58 Uhr

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10 Kommentare

Hans Räber

16.02.2011, 09:48 Uhr
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Sehr geehrter Herr Diethelm,
gratuliere zur Idee, einen Teil der Kasernenwiese für Schulgärten zur Verfügung zu stellen. Es ist sehr wichtig, dass vor allem Stadtkinder wieder einen Bezug zu unseren Nahrungsmitteln bekommen. Ich war lange aktiv als Garten-baulehrer tätig und deshalb interessiert an Ihrer Idee. Viel Glück zu Ihrem Mut, mit herzlichen Grüssen Hans Räber
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Christine Dobler Gross

16.02.2011, 11:03 Uhr
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Geniale Idee, so einfach, naheliegend, umsetzbar, nicht teuer........und wirkungsvoll. Hätten wir doch mehr solche praxisbezogenen Köpfe, viele monotone, ungenutzte Flächen, deren Daseinsberechtigung es ist, einmal wöchentlich gemäht zu werden - welch trauriges Dasein - wären sinnvoller genutzt. Leider aber hocken die Leute in ihren Büros, machen Studien und haben den Bezug zur Praxis verloren.... Antworten



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