Krippenaufsicht bremst das rasante Wachstum einer Zürcher Krippe

Das Zürcher Unternehmen Globegarden hat in den letzten drei Jahren zwölf Kinderkrippen eröffnet. Der schnelle Ausbau führte zu Qualitätseinbussen. Nun hat die Krippenaufsicht interveniert.

Bild: Felix Schaad

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Die Eröffnung der ersten Globegarden-Krippe beim Paradeplatz sorgte 2009 für Schlagzeilen: «Die perfekte Krippe» oder «Kindertagesstätte für künftige Manager» titelten die Medien. Die Kindergruppen hiessen «Little Mozarts», «Little Einsteins» oder «Little Picassos», in der Einrichtung werden Englisch und Deutsch gesprochen.

Drei Jahre später gibt es bereits zwölf Globegarden-Krippen. Die Geschäftsführerinnen Christina Mair, Caroline Weber und Kristina Hempel haben Standorte in Zürich, Basel, Schaffhausen und Zug eröffnet. Heute werden in allen Globegarden-Einrichtungen zusammen Kinder von rund 600 Familien zweisprachig betreut, 150 Angestellte arbeiten für das Unternehmen. Eine Erfolgsgeschichte.

Ständige Personalwechsel

Doch das schnelle Wachstum hat seinen Preis. In den neu gegründeten Krippen ist es gemäss den Feststellungen der städtischen Krippenaufsicht zu Personalwechseln und Engpässen gekommen, ferner wurden zu viele und vor allem zu kleine Kinder aufgenommen; die Gruppen waren überbelegt.

Im Globegarden Münchhalden im Seefeld, der im August 2011 eröffnet wurde, waren mehrere Eltern derart unzufrieden, dass sie diesen Juni einen Beschwerdebrief an die Geschäftsführerinnen sowie an die städtische Krippenaufsicht verfassten. Die Hauptkritikpunkte: Die Zahl der Betreuer sei zeitweise viel zu tief gewesen. Weiter sei es zu ständigen Wechseln gekommen, sodass Kinder und Eltern keine Beziehung zu den Betreuern hätten aufbauen können. Es sei auch nicht genügend Englisch gesprochen geworden. Und statt wie versprochen Bio-Essen habe es normale Menüs gegeben, angeliefert durch die SV Group. 13 von 70 angemeldeten Eltern unterschrieben den Brief.

Intervention fruchtete

«Globegarden hielt nicht, was uns Eltern bei der Präsentation vollmundig versprochen worden war», sagt eine Mutter. Sie hatte 500 nicht rückerstattbare Franken bezahlt, um sich auf die Warteliste setzen zu lassen. Auch die Betreuungstarife sind bei einer zweisprachigen Einrichtung wie Globegarden höher als bei anderen Krippen. Zwei Tage in der Woche kosten monatlich 1080 Franken. In einsprachigen Krippen bewegt sich der Preis für zwei Tage zwischen 920 und 1000 Franken. Die Eltern haben das Gefühl, dass die zusätzlichen Einnahmen vor allem für die weitere Expansion verwendet werden statt für die Qualitätssicherung in den Krippen.

Die Krippenaufsicht hat reagiert: Sie machte Globegarden per Ende Juli Auflagen, vor allem in Bezug auf die Anzahl Betreuungspersonen und die Reduktion der Anzahl betreuter Kinder. Die Vorgaben werden laut Peter Walter, dem Leiter der Aufsicht, eingehalten. Auch die Eltern sprechen von einer Beruhigung. Die Personalsituation sei stabil, die Zufriedenheit habe zugenommen.

Teambildung für Krippen zentral

Christina Mair, eine der drei Globegarden-Geschäftsführerinnen, erklärt die personellen Engpässe im Seefeld mit generellen Schwierigkeiten bei Neueröffnungen von Krippen: «In der Aufbauphase treffen Menschen und Gefühle aufeinander, Eltern geben ihre Kinder erstmals in fremde Hände, und pädagogische Fachkräfte müssen sich als Team zusammenfinden.» Dabei könne es zu Veränderungen kommen.

Das Thema Personalfluktuation sei zentral im Krippenmarkt und betreffe nicht nur Globegarden, sondern alle Träger. Um die Vakanzen zu überbrücken, habe man Springer eingesetzt. «Dies hatte dazu führen können, dass Betreuer wechselten und weniger Englisch gesprochen wurde.» Im Verlauf des ersten Jahres festigten sich eine Krippe und das Team.

«Keine Luxuskrippe»

Globegarden gehe es nicht um wirtschaftliche Expansion, sondern um die Schaffung neuer Betreuungsplätze: «Viele Eltern wünschen sich mehr Krippenplätze – und wir helfen, sie zu erschaffen», sagt Mair. Die Medienberichte bei der Eröffnung der ersten Globegarden-Krippe hätten ein falsches Bild des Unternehmens gezeigt, was zu unrealistischen Erwartungen bei Eltern habe führen können, so Mair. «Wir sind keine Luxuskrippe mit exzessiver Frühförderung.» Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, hat man mittlerweile die offiziellen Gruppennamen geändert: Sie heissen nun «Infant & Toddlers», «Twos» oder «Pre-Kindergarten» statt «Little Einsteins» oder «Little Mozarts».

Auch die Tarife seien genau betrachtet nicht höher als in anderen Krippen, da die Einrichtungen von Globegarden längere Öffnungszeiten hätten und ausser an Weihnachten keine Betriebsferien machen würden. Die Stundentarife lägen zwischen 10 und 12 Franken. Zudem biete Globegarden Krippenplätze an Innenstadtlagen, wofür das Unternehmen entsprechende Mieten einrechne. «Dank Sponsoren und Partnern erreichen wir eine schwarze Null», sagt Mair.Dass Globegarden reines Bio-Essen versprochen habe, stimme ebenfalls nicht.«Mit unserer Ernährung bilden wir eine normale Haushaltssituation in der Schweiz ab, in der auch Budgetprodukte vorkommen. Darauf weisen wir in unserem Betriebsreglement transparent hin», sagt Mair. Wer sich auf die kostenpflichtige Warteliste setzen lasse, werde regelmässig kontaktiert, und Globegarden suche aktiv nach einem Platz für die Familie. Daneben gebe es eine kostenlose Liste, die allen offen stehe.

Elf von den dreizehn Eltern, die den kritischen Brief unterzeichnet haben, lassen ihre Kinder immer noch im Globegarden Münchhalden betreuen. Einige hätten mittlerweile sogar ihre Betreuungstage aufgestockt, wie der Leiter der Krippe im Seefeld sagt.

Letzte Krippe in der Enge

Laut Peter Walter von der städtischen Aufsicht sind die Probleme bei Globegarden nicht gravierend. Dass die meisten der kritischen Eltern ihre Kinder noch immer in derselben Krippe betreuen liessen, zeige dies auf. Es sei aber eine Tatsache, dass es durch den rasanten Ausbau zu Schwierigkeiten gekommen sei. Nun brauche es eine Konsolidierung. Im Januar ist die Einweihung des Globegarden Enge geplant. Danach müssen die Macherinnen eine Pause einlegen. Die Krippenaufsicht will vorläufig keine weiteren Globegardens in Zürich mehr bewilligen. «Es wäre schade, wenn das junge Unternehmen wegen des schnellen Wachstums in Schwierigkeiten käme», sagt Walter. «Das Konzept ist nämlich sehr überzeugend.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 12.11.2012, 08:39 Uhr)

Krippen in Zürich
Verstärkter Fokus auf Qualität

Im letzten Jahr sind in der Stadt Zürich 627 neue Krippenplätze geschaffen worden. Für 2012 rechnet das Sozialdepartement mit einem weiteren Ausbau um etwa 300 Plätze. Vor allem für Säuglinge übersteigt die Nachfrage das Angebot noch immer. Auch der Bedarf an subventionierten Plätzen ist nicht gedeckt. Ende 2011 standen in Zürich 7021 Krippenplätze in 246 Krippen zur Verfügung. 2934 davon subventioniert die Stadt, die selber 9 Krippen mit 302 Plätzen führt. Die familienexterne Kinderbetreuung generiert einen Umsatz von schätzungsweise 170,8 Millionen Franken. Die Stadt beteiligt sich mit 58,6 Millionen an den Kosten, die Eltern mit 112,2 Millionen. Nach dem quantitativen Ausbau der letzten Jahre will das Sozialdepartement den Fokus nun mehr auf die Qualität legen, wie es im jüngsten Report zum Thema Frühbereich schreibt. (gg)

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