Zürich

«Kunst in der Stadt schärft den Blick»

Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 09.06.2012 27 Kommentare

«Art and the City» lädt ab heute ein zur Auseinandersetzung mit Kunst im Stadtraum. Kunstprofessor Philip Ursprung flanierte durch die Stadt und kommentiert die Kunstwerke.

1/9 «Es schadet nicht, ein wenig suchen zu müssen»: Was der Kunstprofessor Philip Ursprung zu den Werken aus «Art and the City» zu sagen hat.
Bild: Dominique Meienberg

   

Die Kunst des Standortmarketings

In den nächsten Tagen geniesst Zürich die Aufmerksamkeit des internationalen Feuilletons. Über 30 Kulturjournalisten aus China, England, Frankreich, Italien und Deutschland kamen zur gestrigen Eröffnung von «Art and the City». Viele von ihnen werden die Zürcher Aktion mit einem Artikel würdigen. So verschmilzt Kunst mit Standortmarketing.

Die Journalisten wären kaum extra wegen «Art and the City» und der Wiedereröffnung des Löwenbräu-Areals (siehe Seite 34) nach Zürich gereist. Doch das Tiefbauamt nutzte ein Schlupfloch in der internationalen Kunstagenda. Nach der Eröffnung der Documenta Kassel am letzten Mittwoch und dem Start der Art Basel am Montag befinden sich viele Journalisten sowieso in der Gegend. Und nutzten die freie Zeit für einen Abstecher in den Kreis 5.

Dort, im neuen Mobimo Tower, begrüsste sie Stadträtin Ruth Genner (Grüne) auf Hochdeutsch und mit ein paar Brocken Italienisch. Auf Englisch fuhr dann Christoph Doswald fort, der als Vorsitzender der Gruppe Kunst im öffentlichen Raum (Kiör) alle 43 Werke selber ausgesucht hat. Auch dank der jungen Kunstszene, die sich in leeren Industriehallen formierte, habe Zürich seine frühere Langeweile überwunden, sagte Doswald. «Art and the City» passe deshalb bestens nach Zürich-West, das sich ständig neu erfinde. (bat)

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«Kunst hält unsere Sinne wach und schärft den Blick auf die Stadt, auf unsere direkte Umgebung», sagt Philip Ursprung, als wir mit dem Tram nach Zürich-West fahren, wo die Dichte der Kunstwerke am höchsten ist. «Sie eröffnet überraschende Perspektiven auf scheinbar Gewohntes.» Ist also viel mehr als eine ästhetische Aufwertung. «Schon die gemeinsame Suche nach den Kunstwerken entfernt uns von den gewohnten Pfaden und lässt uns mit anderen Menschen ins Gespräch kommen.»

Doch was passiert, wenn man das Kunstwerk gar nicht erkennt, wie etwa die minimalistischen Vierkantrohre aus Stahlblech aus den 60er-Jahren von Charlotte Posenenske, die sich hoch oben an einem Gebäude an der Limmattalstrasse befinden? Es könnten genauso gut zwei Lüftungsrohre sein. Kann ein Kunstwerk überhaupt zugänglich sein, wenn es sich versteckt? «Ein Plan ist hilfreich, um die Werke aufzuspüren, ebenso wie die Etiketten. Aber im Laufe der Ausstellung wird man sicherlich auch die Passanten fragen können oder sich von einer Performance überraschen lassen können. Und es schadet ja nichts, ein wenig suchen zu müssen und unsicher zu sein, was Kunst ist und was nicht.» Denn nicht alle Werke präsentieren sich so prominent wie «Vanessa», die übergrosse Darstellung einer jungen Frau in glänzendem Chromstahl an der Hardstrasse.

«Welche Art Stadt wollen wir?»

Hat man den Blick erst einmal eingestellt auf kleine Unregelmässigkeiten und Veränderungen, kommt einem bislang Banales plötzlich merkwürdig und seltsam vor. Das Windrad dort auf dem Migros-Hochhaus an der Pfingstweidstrasse – das ist doch ein Kunstwerk, oder? Falsch. Es ist schlicht ein rotierender Energielieferant für den Grossverteiler, der da prominent seine Runden dreht. Dafür ist auf der anderen Seite der Fassade eine künstlerische Message zu lesen: Der britische Künstler Martin Creed hat dort den tröstlichen, aber bei längerem Hinschauen immer uneindeutiger erscheinenden Satz «Everything is going to be alright» platziert. «Das geht alle etwas an und lässt sich auf viele Arten verstehen. Warum will uns ausgerechnet der trostlose Bau am Stadtrand trösten? Darf nur die Konsumindustrie noch optimistisch sein? Oder lacht er gar und macht sich über den Optimismus lustig und erinnert daran, was aus unseren politischen Utopien geworden ist, beispielsweise der Zürcher 80er-Bewegung?»

Ohne alles abschliessend betrachten zu können – dazu ist «Art and the City» viel zu weitläufig – hält Ursprung das Projekt für grundsätzlich gelungen. Vieles findet sein Lob, manches seine Anerkennung, hinter einiges setzt er Fragezeichen. Etwa, wenn ein Werk sich in der Illustration einer Idee erschöpft. Eines steht für ihn fest: «Hier bietet sich dank der Kunst ein Anlass, darüber zu diskutieren, welche Art Stadt wir wünschen, welche Bilder wir wollen, wie es weitergehen soll. Wir können dies nicht der Politik und der Werbeindustrie überlassen.» Wenn Kunst die schützenden Konventionen von Museen und Galerien verlasse und sich im öffentlichen Raum exponiere, polarisiere sie nun einmal, und das sei gut so. «Der Stadtraum gehört allen, und das gemeinsame Terrain, das weder privat noch staatlich kontrolliert ist, wird rar. Die Kunst hilft, dieses Terrain zu schützen.»


Philip Ursprung ist Professor für Kunst- und Architekturgeschichte am Institut für Geschichte und Theorie der Architektur ETH Zürich. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 09.06.2012, 12:06 Uhr

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27 Kommentare

Marc Bachmann

09.06.2012, 12:29 Uhr
Melden 37 Empfehlung 0

Kunst? Kunst war es wohl nicht mal, der Stadt Zürich dafür Steuergelder abzuluchsen, geschweige Bewilligungen zu bekommen, um den öffentlichen Raum (gratis?) zu benutzen! Antworten


Gustav Habegger

09.06.2012, 13:40 Uhr
Melden 21 Empfehlung 0

Ich wünschte mir den Ankauf von "Catedrales" am Escher-Wyss-Platz. Sie stilisieren ja auch noch Technik (Schraubenzieher), passen daher bestens an diesen Ort. Auch sonst wäre noch
etwas zu tun zur Möblierung dieses Platzes (nebst einer anständigen Toilette).
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