Ladensterben an der Bahnhofstrasse

Neun Läden an Zürichs renommierter Einkaufsmeile verschwinden. Der Wechsel geschieht in den meisten Fällen unfreiwillig. Viele angestammte Geschäfte können die gestiegenen Mietpreise nicht mehr bezahlen.

Paradeplatz: Mövenpick ist weg, die Modemarke Hackett kommt.

Nicola Pitaro

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Am Paradeplatz ist vom Restaurant Mövenpick fast nichts mehr zu sehen. Eine rote Bretterwand versperrt die Sicht in das vor wenigen Tagen leer geräumte Lokal. Bald beginnen die Umbauarbeiten, denn im Oktober eröffnet die englische Herrenmodemarke Hackett ihre erste Filiale in der Deutschschweiz. Er sei schon länger auf der Suche nach einem geeigneten Standort gewesen, sagt Thomas Rieffel, Besitzer der Vertriebsfirma Madison Clothing.

Verdoppelter Mietzins

Mövenpick betrieb seit 1952 ein Restaurant am Paradeplatz und wäre auch gerne weiterhin an dieser exklusiven Lage präsent geblieben. Doch der geforderte Mietzins war zu hoch. Laut gut informierten Kreisen sei er von 400'000 auf 800'000 Franken verdoppelt worden. Offiziell bestätigen will dies niemand. Das Haus gehört Peter Steiner, der kürzlich seine Generalunternehmung der indischen Hindustan Construction Company verkaufte.

Mit dem bekannten Silberfachgeschäft Meister Silber zieht nach mehr als sieben Jahrzehnten ein weiteres Traditionsgeschäft vom Paradeplatz weg. Den Zuschlag für den neuen Mietvertrag erhielt Hermès. Das französische Luxus-Label gibt dafür seinen bisherigen Standort an der Bahnhofstrasse 31 auf. Wer die frei werdenden Räume übernimmt, wird laut der Besitzerin Credit Suisse im Sommer entschieden.

Wegzug nach über 84 Jahren

Rund 200 Meter vom Paradeplatz entfernt, verschwindet ein weiteres Traditionshaus: das Teppichgeschäft Vidal. Nach über 84 Jahren muss auch dieses Geschäft wegziehen, weil die geforderten Mietzinse zu hoch sind. In der bald frei werdenden Liegenschaft entsteht eine Boutique der Uhrenmarke Breguet. Die Besitzerin der Luxusmarke, die Firma Swatch, soll laut der Zeitschrift «Bilanz» dabei den Vormietern ein sogenanntes Schlüsselgeld in der Höhe von 3,8 Millionen Franken bezahlt haben.

Auch im unteren Bereich der Bahnhofstrasse kommt es zu Mieterwechseln. Direkt neben der Papeterie Landolt-Arbenz eröffnet die Modekette Bernie's im Haus Nummer 65 ihre erste Filiale an der berühmten Einkaufsmeile und löst damit das Modegeschäft Orsay ab. In unmittelbarer Nähe der Bahnhofstrasse, am Bahnhofplatz 9, zieht zudem der Outdoorspezialist Jack Wolfskin ein und gibt seine bisherige Filiale an der Weinbergstrasse auf. Die Boutique Soho konnte den geforderten Mietzins nicht mehr bezahlen und deshalb den Vertrag nicht verlängern. Laut Soho-Geschäftsführer Freddy Kenel habe die Hauseigentümerin, die PSP Swiss Property, den Zins verdoppelt.

Abercrombie & Fitch Ende Jahr

Urs Küng von der Immobilien-Beratungsfirma Partner Real Estate weiss von neun anstehenden Mieterwechseln an der Bahnhofstrasse. Dieser Wert ist aussergewöhnlich hoch. Laut Markus Hünig, Präsident der Vereinigung Bahnhofstrasse, ziehen pro Jahr ein bis drei langjährige Ladenbesitzer von der Bahnhofstrasse weg.

Um welche Geschäfte es sich bei den neun anstehenden Wechseln handelt, kann Küng nicht sagen, weil er bei einigen Verhandlungen selber als Berater involviert ist. Er ist auch für die US-Modefirma Abercrombie & Fitch auf der Suche nach einem geeigneten Standort und führt Gespräche mit Liegenschaftsbesitzern. Die Verhandlungen würden wahrscheinlich noch bis Ende dieses Jahres dauern. Abercrombie & Fitch werde wahrscheinlich eine Filiale in der Bahnhofstrassen-Gegend eröffnen. In Europa gibt es bisher erst zwei Filialen, in London und Mailand.

Kürzere Mietverträge

Als Grund für den regen Mieterwechsel führt Küng die auslaufenden Verträge an, die teilweise sehr günstig gewesen seien. An der Bahnhofstrasse bewege sich der Quadratmeterpreis heute bei rund 6500 bis 7000 Franken pro Jahr. Im Vergleich zu früher schliessen die Hausbesitzer heute keine Mietverträge mehr für 20 Jahre ab, sondern nur noch für 10 Jahre.

Das Café Ernst neben der Buchhandlung Orell Füssli steht laut einem Insider ebenfalls davor, seinen Mietvertrag erneuern zu müssen. Eine massive Erhöhung könnte das Aus bedeuten. Café-Besitzer Hans Ernst wollte keine Stellung nehmen. Bereits 1989, als das Haus mit der zweigeschossigen Metallfassade renoviert wurde, drohte Ernst eine ähnliche Situation. Der Liegenschaftsbesitzer verzichtete damals allerdings bewusst auf eine Anhebung des Mietzinses. Die viel gehörte Klage, dass die Bahnhofstrasse durch die internationalen Luxusboutiquen veröde und austauschbar werde, kennt Markus Hünig. Er könne diese Entwicklung, die er als undramatisch empfinde, nicht ändern. «Auch an der Bahnhofstrasse findet die Globalisierung statt.»

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.03.2010, 04:00 Uhr)

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