Zürich

Lastwagenfahrer beklagen «Velo-Horror» in Zürich

Die Zahl der tödlichen Unfälle ist sprunghaft angestiegen.

Stresstest: Eine Velofahrt durch Zürich kann ganz schön ristkant sein.

Stresstest: Eine Velofahrt durch Zürich kann ganz schön ristkant sein.
Bild: Keystone

In der Stadt Zürich hat erstmals in diesem Jahr eine Velofahrerin ihr Leben lassen müssen: Eine 48-jährige Frau wurde am Donnerstag am Stauffacherquai von einem Lastwagen überrollt. Der erste tödliche Velounfall in der Schweiz war es 2010 jedoch nicht. Erst gerade am Mittwoch kam ein 75-jähriger amerikanischer Tourist im Umfahrungstunnel Giswil ohne Fremdeinwirkung zu Fall und starb. Im April kollidierte ein 12-jähriger Knabe in Maladers GR auf einer Bergstrasse mit einem entgegenkommenden Wagen. Die Beispiele zeigen: Velofahrer können überall und jederzeit verunglücken. Doch wie häufig geschieht dies?

Die Fachzeitschrift «Velojournal» hat die Situation analysiert: Die Zahl der getöteten Velofahrer hat 2009 im Vergleich zum Vorjahr in praktisch allen Kantonen zugenommen: von 27 auf 54. Spitzenreiter ist Bern (von 4 auf 9), gefolgt vom Kanton Zürich, der in beiden Jahren sechs Opfer zählte. In der Stadt Zürich kam es 2009 zu drei tödlichen Zusammenstössen – gegenüber einem im Vorjahr. Zürich ist damit die einzige Deutschschweizer Grossstadt, in der Radfahrer im besagten Zeitraum umgekommen sind. Pro Jahr ereignen sich in Zürich durchschnittlich fünf Unfälle mit Velo- und Lastwagen-Beteiligung.

Ins Auge sticht, dass die tödlichen Kollisionen zwischen Velo und Lastern sprunghaft zugenommen haben: von 3?auf 14. Eine Zeitreihe über mehrere Jahre hinweg fehlt. Es ist deshalb nicht klar, ob 2009 ein Ausreisser ist oder sich darin der Beginn eines Trends spiegelt. Auch punkto Ursachen sind gesicherte Aussagen kaum möglich, da bei einem Unfall immer ein Zusammenspiel verschiedener Einflüsse wirkt.

Radfahrer unterschätzen die Gefahr

Lastwagenchauffeure wundern sich über den skizzierten Anstieg gleichwohl nicht. «Viele Velofahrer sind sich zu wenig bewusst, wie gefährlich Lastwagen für sie sein können», sagt Lastwagen-Fahrlehrer Roland Kleiner aus Wettingen. Velofahrer befänden sich, gerade beim rollenden Verkehr, schnell einmal in einem toten Winkel, sodass der Chauffeur sie nicht sehen könne. «Dann wird es heikel.»

Seit 21 Jahren bildet Kleiner Männer und Frauen hinter dem Steuer der Stahlkolosse aus – auch auf Fahrten in der Stadt Zürich. Den Verkehr dort nimmt er als «ziemlich chaotisch» wahr. Dass es zu Velounfällen mit Lastwagen kommt, schreibt Kleiner nicht nur der Unachtsamkeit der Radfahrer zu. «Auch die Chauffeure machen Fehler.» Viele wissen laut Kleiner nicht einmal, wie sie den Rückspiegel einstellen müssen, damit für das Blickfeld möglichst keine toten Winkel entstehen. Dabei handle es sich auch um erfahrene Camionneure.

Die Unfallgefahr mindern lässt sich mit der Technik: Dank Kameras an der Seite oder hinten am Fahrzeug kann der Chauffeur die Situation auf einem Bildschirm in der Führerkabine überblicken. «Entscheidend ist und bleibt aber der Fahrer», stellt Kleiner klar. Dieser müsse stets aufmerksam sein. Beim Rückwärtsfahren etwa sollte er die Fensterscheiben herunterkurbeln, um allfällige Warnrufe zu hören, die Umgebung stets überblicken und falls möglich eine Hilfsperson beiziehen.

Inwieweit beim tödlichen Unfall am Stauffacherquai menschliches Versagen im Spiel war, untersucht die Stadtpolizei derzeit. Wernher Brucks wertet in der Stadtzürcher Dienstabteilung Verkehr das Unfallgeschehen aus. Er hält es für wenig wahrscheinlich, dass das Problem beim Velostreifen in der Mitte der Strasse liegt; im Unterschied dazu haben Politiker der Grünen diese seltene Verkehrsführung gestern als heikel taxiert. «Doch was ist die Alternative?» Brucks verweist auf frühere tödliche Unfälle. Letztes Jahr kam es in Zürich zu einem Zusammenstoss zwischen einem Traktor mit Anhänger und einer Vespa; diese fuhr auf der Schaffhauserstrasse verbotenerweise auf einem Velostreifen – am rechten Strassenrand. 2008 verunglückte ein Velofahrer an der Kreuzung Kalkbreite- und Zurlindenstrasse. Er wollte geradeaus fahren; ein LKW bog nach rechts ab, worauf der Velofahrer unter die Hinterräder geriet und verstarb. Auch in diesem Fall lag der Velostreifen auf der rechten Seite der Strasse.

Fahrt wird zum Stresstest

Erfahrung in der Stadt Zürich hat auch Marcel Strebel gemacht. Seit 18 Jahren arbeitet er als Lastwagen-Fahrlehrer. «Nach zwei Stunden Stadt Zürich sind meine Schüler jeweils total geschafft», sagt er. Dies liegt laut Strebel nicht zuletzt am fehlenden Resepkt der Velofahrer. Besonders mühsam seien Velokuriere und Radrennfahrer, die sich wie Könige gebärden würden. Sie schlüpfen in jede Lücke, bremsen abrupt, fahren vor die Lastwagen, ohne zu schauen, wie Strebel moniert. «Ein Horror ist das.» In den letzten Jahren habe sich die Lage verschärft. Problematisch sind laut Strebel auch die Rückspiegel, deren Grösse in den letzten Jahren zugenommen hat. Für den Fahrer kann dies zum Problem werden, weil der Spiegel selber den Blick nach links und rechts vorne versperrt. «Da muss man höllisch aufpassen.» Während der Fahrt durch die Stadt bedeute dieser Zwang zu starker Konzentration vor allem etwas: Stress.

Um die Problematik weiss auch Urs Christen, der die Zürcher Astag-Sektion präsidiert. Der Schweizerische Nutzfahrzeugverband versucht, die Verkehrsteilnehmer entsprechend zu sensibilisieren. «Wenn sich die Velofahrer besser an die Regeln hielten, käme es zu weniger brenzligen Situationen», sagt Christen. Manch ein Velofahrer fühle sich aber als ökologischer Verkehrsteilnehmer über alle erhaben. «Er glaubt dann wohl, er könne sich alles erlauben.»

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Erstellt: 12.06.2010, 09:08 Uhr

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