Oerlikoner Messehalle – das Leben in Viererhütten

Exklusiver Einblick: So leben 250 Flüchtlinge in 62 Holzhütten. Zum Beispiel die Afghanin Farnaz oder der Kurde Huzhaifa.

Warten und Tee trinken: So sieht der Alltag der Flüchtlinge in der Messehalle aus. Video: Lea Blum und Stefanie Hasler

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Kinder flitzen auf ihren Kickboards durch die Gassen des Hüttendorfes. Andere spielen im Eingangsbereich Federball. Junge Männer vergnügen sich mit Tischfussball. Auf einem Sofa haben sich drei Knirpse hingelümmelt und verfolgen am TV einen Zeichentrickfilm. Zukünftige Lehrerinnen erteilen jungen Männern Aufgabenhilfe in Deutsch. So präsentiert sich die Situation im Übergangszentrum in der Halle 9 in Oerlikon an einem sonnigen Tag im März.

Die Anlaufstelle der Zürcher Asyl­organisation AOZ ist im Eingangsbereich Tag und Nacht besetzt. Wer ins Haus kommt, wird kontrolliert, wer eine Frage oder ein Problem hat, dem wird geholfen. Das Ganze sieht wie ein Retortendorf aus: 250 Asylsuchende aus Eritrea, Syrien und Afghanistan leben in 62 Viererhütten. Diese verteilen sich in der Halle auf zwei Etagen. Die Holzboxen sind genormt und sehen alle gleich aus. Verbunden sind sie mit einem Netz aus Haupt- und Nebenstrassen, die nicht asphaltiert, sondern mit grauem Filz bedeckt sind. All dies wirkt surreal – wie ein Leben unter einer Käseglocke.

Wie im richtigen Immobilienmarkt ist auch in diesem Flüchtlingsdorf die Lage entscheidend. Die jungen, allein gereisten Männer bekommen die billigen Plätze im Untergeschoss, wo durch die schmalen Fensterschlitze nur wenig Licht eindringt. Das Erdgeschoss ist dank grosser Fenster mit Licht durchflutet. Hier leben Familien, 38 Frauen und 45 Jugendliche, die ohne Eltern flüchteten.

Die Frauen sind zunächst unsichtbar. Sie kommen nur dann in den öffentlichen Eingangsbereich, wenn sie ihre Kinder in den Spielcontainer bringen. Sonst sitzen sie in einer Querstrasse vor ihren Hütten. Einige tragen westliche, andere traditionelle Kleider. Viele sind barfuss. Ihre Hauptbeschäftigung ist die gleiche wie jene der Männer: Sie warten. Warten auf den Asylentscheid, auf die Zukunft, auf den Deutschunterricht, den noch nicht alle besuchen können, auf eine Wohnung mit Privatsphäre.

Schlägereien sind selten

Die Idylle am sonnigen Märztag täuscht. Nicht immer geht es im grössten Flüchtlingsdorf des Kantons so friedlich zu. Die junge Afghanin Farnaz zeigt ihre gut verheilte Wunde an der Schläfe. Sie stammt aus einer Prügelei, die sich kürzlich zwischen Eritreern und Afghanen zugetragen hat. Die Frau wollte nachschauen, was sich draussen abspielte, als ihr eine Flasche entgegenflog. Sie war eine von vier Verletzten. Insgesamt waren elf Asylsuchende in die Auseinandersetzung vor zwei Wochen involviert. Für Iris Pulver, Leiterin des Übergangszentrums, gehören solche Schlägereien nicht zum Alltag. «Solche handgreiflichen Streitereien sind eine Ausnahme.» Und sie hatten Kon­sequenzen: Sieben Eritreer sind vorübergehend umplatziert worden.

Eigentlich ist es bemerkenswert, dass nicht mehr passiert. «Die Leute arrangieren sich auf eine bewundernswerte Art», sagt Pulver. Und sie seien dankbar. Thomas Schmutz, Sprecher der AOZ, doppelt nach: «Auch wenn hier niemand wirklich glücklich sein kann, sind die 4er-Wohneinheiten eine gut vertretbare, vorübergehende Lösung.»

Der Junge mit der Geige

Aus einem der dünnwandigen, engen Holzhütten dringt das Spiel einer Geige. Ein Übersetzer von der AOZ bittet den jungen Mann nach draussen. Es handelt sich um den 16 Jahre alten Kurden Huzhaifa aus Syrien. Er hat früher mit andern Musikern zusammen an Festen gespielt. Jetzt hofft er, bald einen Geigenlehrer zu finden und Deutsch lernen zu können. Der grösste Teil der Flüchtlinge besucht einen professionellen Deutschkurs. Zwei Stunden am Tag – bei der Migros oder in der Tramont-Halle der Asylorganisation. Der Übersetzer macht uns auf eine schwangere Frau aufmerksam, die mit ihren Schulunterlagen vor ihrer Hütte sitzt. «Sie ist fleissig. Immer wenn sie mich sieht, fragt sie mich nach deutschen Ausdrücken», lobt er.

Die Profis der AOZ werden von 15 Freiwilligen unterstützt. Sie helfen den Asylbewerbern beim Organisieren ihres Alltags, zeigen ihnen, wo sie am günstigsten einkaufen können oder wie sie eine der grössten Herausforderungen meistern: das richtige Billett am VBZ-Automaten zu lösen. Kochen müssen die Bewohner selber, auch die Jugendlichen. Dafür stehen in einem Container jeder Hütte eine ­Küchenplatte, ein kleiner Kühlschrank und ein Abwaschbecken.

Die Integration beginnt gleich nach dem Einzug. Wegen der vielen Eritreer führt die AOZ auch muttersprachliche «Swiss-Skills-Kurse» durch, in denen die Prinzipien des Alltagslebens in der Schweiz vermittelt werden. «Das Interesse ist sehr gross», sagt Pulver, «wenn wir sie in den entsprechenden Sprachen vermitteln.» Damit die Bewohner auch Zugang zu lokalen Freizeitangeboten ­haben, versucht die AOZ, Kontakte zum Jugendtreff Oerlikon und zum Gemeinschaftszentrum zu vermitteln.

Am lautesten dröhnt die Lüftung

In der Halle neigt sich ein ruhiger Tag seinem Ende zu. Am lautesten dröhnt die Lüftung, welche die verschiedensten Kochgerüche ins Freie befördert. Kurzfristig kommt so etwas wie Hektik auf: Ein AOZ-Mitarbeiter verteilt in einzelnen Hütten Briefe. Die Bewohner ­eilen nach draussen und stecken die Köpfe zusammen – doch die Briefe sind auf Deutsch verfasst. Der AOZ-Mitarbeiter, der hätte übersetzen können, ist schon gegangen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.03.2016, 23:19 Uhr)

Chronik

Von Kirche bis Ikea

23. 9. 2015: «Alles unter Kontrolle»

Der Kanton Zürich sei von einer Notlage weit entfernt, jeder Asylbewerber habe ein Dach über dem Kopf, sagt Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP). Der Bund rechnet nicht mit einem Anstieg der Flüchtlingszahlen, alle Gemeinden erfüllen die Pflicht, pro 1000 Einwohner 5 Asylsuchende aufzunehmen.

1. 11. 2015: Die Quote wird erhöht

Die Prognosen werden korrigiert: Der Kanton Zürich erwartet 2500 zusätzliche Flüchtlinge und muss die Quote auf den 1. Januar 2016 von 5 auf 7 Asylsuchende pro 1000 Einwohner erhöhen. Für die Stadt Zürich bedeutet dies: Statt 2000 Menschen muss sie neu gut 2800 aufnehmen. Der Kanton eröffnet die Zivilschutzanlage Turnerstrasse in Unterstrass. Der Verband der Gemeindepräsidenten kritisiert die Erhöhung als «zu kurzfristig» und wirft Kanton und Bund vor, sie hätten im Sommer lang «zu tief gestapelt».

26. 11. 2015: Unbürokratische Lösungen

Der Regierungsrat beschliesst, für temporäre Asylunterkünfte Abweichungen von den Brandschutzvorschriften zu genehmigen. Zudem eröffnet der Kanton zwei weitere Zivilschutzanlagen in Zürich: 50 Plätze an der Baslerstrasse in Altstetten und 100 Plätze unter dem Schulhaus Looren in Witikon.

18. 12. 2015: Ikea-Häuschen in der Messe

In der Halle 9 in Oerlikon sollen 60 von Ikea entwickelte Fertighäuschen aufgestellt werden. Diese kosten 1500 Franken pro Stück. Die Häuschen sind bereits gekauft und zur Hälfte aufgebaut, als die kantonale Gebäudeversicherung das Veto einlegt. Ein Brandtest verlief vernichtend: Das Plastikhäuschen brannte in 30 Sekunden ab und setzte giftigen Rauch frei. Was mit den Häuschen geschieht, ist bis heute unklar.

22. 12. 2015: Holz anstelle von Plastik

Eine Holzbaufirma entwirft und baut während der Festtage in aller Eile Holzhäuschen in die Halle ein, für 3800 Franken pro Stück.

25. 1. 2016: Billigmodell in der Kirche

In der Winterthurer Kirche Rosenberg bauen Zivilschützer 14 Holzhäuschen aus Spanplatten zum halben Preis auf. Ab März werden im alten Busdepot Deutweg weitere Holzhäuschen für 100 Asylsuchende eingebaut.

1. 3. 2016: Es bleibt bei 7 pro 1000

Der Kanton belässt die Aufnahmequote bei 0,7 Prozent. Der Gemeindepräsidentenverband fordert Transparenz bei der Quotenerfüllung, eine paritätische Konferenz und kantonale Mitfinanzierung. Gemäss Kanton sind die meisten Forderungen erfüllt. Die Sozialvorsteher des Bezirks Bülach verlangen zudem, dass der Kanton auch vorläufig Aufgenommene an die Quote anrechnet. (rba)

Wer lebt hier?

Das Hüttendorf in Zahlen

Zürich muss 2016 rund 2730 Flüchtlinge aufnehmen. Das sind 0,7 Prozent der städtischen Einwohner. Weil Zürich wächst, verändert sich die Zahl, und entsprechend passt der Kanton das Aufnahmekontingent an.

95 Prozent der 250 Asylsuchenden in der Halle 9 befinden sich in einem laufenden Verfahren. Während dieser Zeit erhalten sie 16 Franken pro Tag. Jene Flüchtlinge mit einer Anerkennung oder einer vorläufigen Aufnahme bekommen 23.50 Franken. Es gibt allerdings nur wenige, die einen Schutzstatus erhalten haben. Diese werden laut Thomas Schmutz, Sprecher der Asylorganisation AOZ, baldmöglichst in eine normale Wohnung umziehen.

Durchschnittlich verlassen pro Woche drei Bewohner das Zentrum, drei neue treten ein. Letzte Woche ist ein Asylsuchender freiwillig in seine Heimat zurückgekehrt. 18 Kinder besuchen die öffentliche Schule, drei den Kindergarten. (mq)

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