Lebensschützer mobilisieren gegen Sterbehilfe-Treffen

Der Weltverband der Sterbehilfe-Organisationen führt in Zürich seinen grossen Kongress durch. Die Gegner organisieren eine Parallelveranstaltung. Zur gleichen Zeit – und gleich vis-à-vis.

Bild: Felix Schaad, Tages-Anzeiger

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International bekannt als Stadt der Sterbehilfe und des Freitodtourismus, wird Zürich vom 12. bis 18. Juni auch Schauplatz des weltweit grössten Sterbehilfe-Anlasses sein. Im Swissôtel Oerlikon richtet Exit für die World Federation of Right-to-Die Societies den alle zwei Jahre stattfindenden Weltkongress aus. Dem Verband sind 55 Sterbehilfe-Organisationen angeschlossen. Diese schicken rund 100 Delegierte an den Zürcher Kongress, an dem Exit auch sein 30-Jahr-Jubiläum feiert.

Am Kongress treten so ziemlich alle auf, die in der nationalen und internationalen Sterbehilfe-Szene Rang und Namen haben: etwa die an multipler Sklerose leidende Aktivistin Debbie Purdy aus Grossbritannien. George Felos, der Anwalt aus Florida, der sich dafür einsetzte, dass die während Jahren im Wachkoma liegende Terri Schiavo 2005 sterben durfte. Oder Claudia Konietzka, deren Ehemann Timo im März mit Exit aus dem Leben schied.

Selbst so umstrittene Aktivisten wie Roger Kusch, Alt-Justizsenator und Sterbehelfer aus Hamburg, oder der australische Arzt Philip Nitschke, Herausgeber des Sterbehilfe-Ratgebers «The Peaceful Pill», werden Referate halten. Mit dabei ist auch die Behördenseite, vertreten durch den leitenden Zürcher Oberstaatsanwalt Andreas Brunner und Ex-Regierungsrat Markus Notter.

700 Leute erwartet

Am öffentlichen Konferenztag vom 15. Juni wird zudem Bundesrätin Simonetta Sommaruga auftreten. Die Justizministerin äussert sich zum ersten Mal seit dem Bundesratsentscheid vom Juni 2011, die Suizidhilfe nicht einzuschränken, in der Öffentlichkeit zum Thema. Sie wird erklären, warum sie den Status quo belassen und die von ihrer Vorgängerin Eveline Widmer-Schlumpf verlangten Restriktionen der Suizidbeihilfe nicht übernehmen will. Titel ihres Referats: «Wie viel Selbstbestimmung am Lebensende? – Das Schweizer Modell».

Für Exit-Vizepräsident Bernhard Sutter ist die Schweiz, die mit ihrer äusserst liberalen Sterbehilfe-Regelung eine Vorreiterrolle einnehme, der ideale Veranstaltungsort für den Kongress. Die rund 100 Delegierten und 600 Gäste dürfen in Zürich ein besonders liberales Klima erwarten. Doch ausgerechnet hier wird ihnen auch der Protest der Gegnerschaft entgegenbranden.

«Die Schweiz mit ihrer äusserst liberalen Sterbehilfe-Regelung ist der ideale Standort für den Kongress», sagt Bernhard Sutter, Vizepräsident Exit.

Diese plant am 15. Juni, dem Publikumstag von Exit, einen Gegenkongress unter dem Motto «Assistierter Suizid: ge(zer)störte Menschenwürde» in der Migros-Klubschule vis-à-vis des Swissôtel. Ihre eigene Pressekonferenz wollen die Lebensschützer am 12. Juni im Swissôtel selber, unmittelbar nach jener des offiziellen Kongresses, durchführen. Das bestätigt Christoph Keel, Sekretär der Lebensschutzorganisation Human Life International Schweiz (HLI-Schweiz). «Wir möchten speziell die Zielgruppen, die zum Sterbehilfe-Kongress unterwegs sind, auch einmal mit der anderen Seite konfrontieren und fragen, ob der assistierte Suizid tatsächlich mehr Menschenwürde garantiert.» Es sei aber nicht die Absicht, den Weltkongress zu stören.

Gemäss Keel ist HLI-Schweiz an der Gegenkonferenz «nur beteiligt». Eigentlicher Veranstalter ist die Euthanasia Prevention Coalition (EPC), eine weltweite Dachorganisation der Sterbehilfe-Gegner, sozusagen der Gegenspieler der World Federation of Right-to-Die Societies. Der Direktor der EPC, Alexander Schadenberg, ist ein bekannter kanadischer Lebensschützer, der mit Organisationen vor Ort zusammenarbeitet und auch in Zürich auftreten wird. HLI-Schweiz versucht, weitere Akteure für die Gegenveranstaltung zu gewinnen, etwa Vertreter der Vereinigung katholischer Ärzte und der Arbeitsgemeinschaft evangelischer Ärzte.

Zusammenarbeit mit Bischof Huonder

HLI-Schweiz ist klar für ein Verbot der organisierten Beihilfe zum Suizid und ist stolz darauf, im Kampf gegen Exit schon gepunktet zu haben. 2009 hat die Organisation zusammen mit der Vereinigung katholischer Ärzte der Schweiz und der Schweizerischen Gesellschaft für Bioethik die Vereinbarung über die Beihilfe zum Suizid zwischen Exit und dem Oberstaatsanwalt des Kantons Zürich juristisch angefochten. Das Bundesgericht hat die Vereinbarung als nichtig erklärt. Für Exit zumindest ist diese nach wie vor bindend.

Die Schweizer Sektion von Human Life International ist katholisch dominiert und arbeitet eng mit dem Churer Bischof Vitus Huonder zusammen. HLI-Vizepräsident Pfarrer Roland Graf ist auch Sekretär des Churer Priesterkreises, der die Verbindung der Priester untereinander und zu Bischof Huonder vertiefen will. HLI-Schweiz lädt zusammen mit dem Churer Ordinariat, also der bischöflichen Behörde, zum «Tag des Lebens» ein, den Vitus Huonder im Bistum Chur eingeführt hat und am kommenden Sonntag zum dritten Mal durchführen wird. Während der Messe in der Zürcher Kirche St. Anton beim Kreuzplatz lässt er gegen Abtreibung und Suizidbeihilfe beten. Zum Beispiel: «Erbarme dich der alten und kranken Menschen, die aus Gleichgültigkeit oder angeblichem Mitleid getötet werden.» Was den Gegenkongress der Exit-Gegner in Zürich anbelangt, gibt es laut Keel «keinen grossen Kontakt zum Churer Bischof».

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 31.05.2012, 07:31 Uhr)

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