Lesen hinter dem Lenkrad: Im Stossverkehr keine Seltenheit

Beim Autofahren greifen die Automobilisten nicht nur häufig zum Handy, sondern auch zur Zeitung – vor allem im Stossverkehr. Doch mangels Beweisen kommt es nur selten zu Ahndungen.

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Ruth Küng staunte nicht schlecht, als sie heute Morgen die Birmensdorferstrasse in Zürich überqueren wollte. «Ich stand am Fussgängerstreifen und wollte zur Traminsel. Als ich dabei auf das herannahende Auto blickte, sehe ich, dass die Lenkerin beim fahren eine Zeitung liest», schildert sie die Situation gegenüber Tagesanzeiger.ch. «Wenn ich nicht am Strassenrand gewartet hätte, dann wäre sie wohl in mich hinein gefahren – auf dem Fussgängerstreifen.»

«Ohne Beweise können wir nichts machen»

Die Stadtpolizei Zürich kennt dieses Problem. «Wir hören immer wieder von solchen Vorfällen. Vor allem im Stossverkehr kann es zu solchen Situationen kommen. Einmal hatten wir sogar einen Zeitungsleser auf der Autobahn», sagt Pressesprecher Marco Cortesi. «Wenn ein Polizist einen fahrenden Automobilisten beim Lesen sieht, der dadurch andere Verkehrsteilnehmer gefährdet, dann wird der Fahrausweis sofort entzogen», betont Cortesi.

Ohne Beweise könne die Polizei aber nichts machen, daher stehe in solchen Fällen oft Aussage gegen Aussage. Deshalb rät Cortesi dazu, wann immer möglich einen Zeugen beizuziehen, der den Vorfall gesehen hat. «Mit einem Zeugen haben sich bessere Karten, dass es zu einer Anzeige kommt. Auch ein Handyfoto kann nützlich sein.» Ob man damit allerdings auch vor dem Richter durchkommt, lasse sich nur schwer sagen, gibt Cortesi zu bedenken und verweist auf einen Fall, bei dem ein lesender Autofahrer vor dem Bundesgericht frei gesprochen wurde (siehe Infobox).

Bessere Umsetzung der Gesetze gefordert

«Dieses Urteil hat uns tatsächlich viel Kopfzerbrechen bereitet. Es widerspricht all unseren Bemühungen um eine Verbesserung der Sicherheit im Strassenverkehr», sagt auch Eugenio Scheuchzer, Chef Verkehrsunfallprävention der Stadtpolizei Zürich. Beim Autofahren sei generell jede Handlung, die vom Führen des Fahrzeuges ablenke, sehr gefährlich. «Alleine das Hervorkramen des Handys oder das Eingeben einer Nummer lenkt gedanklich vom Verkehr ab.»

Auch das Essen während dem Fahren ist für Scheuchzer ein rotes Tuch: «Dann hat man in der einen Hand den Burger in der anderen das Getränk und steuert wo möglich mit den Knien. In einer solchen Situation kann schon ein Steinchen auf der Fahrbahn einen Unfall verursachen, weil man nicht sofort reagieren kann.» Selbst was den Einsatz von Navigationssystemen anbelangt, rät der Fachmann zur Vorsicht: Die Routenplanung sollte bereits vor Fahrtantritt angegangen werden, damit während der Fahrt keine Geräte manipuliert werden müssen.

Eugenio Scheuchzer fordert trotz zunehmender Ablenkung am Steuer keine höheren Strafen für fehlbare Automobilisten. «Die gesetzliche Verankerung ist bereits da», so Scheuchzer, «wir wünschen lediglich von den Richtern, dass sie die bestehenden Gesetze rigoroser durchsetzen und anwenden.» (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 26.08.2008, 16:20 Uhr

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