Lieber ein Leuchtturm als ein Hafenkran?
Von Jürg Rohrer. Aktualisiert am 05.02.2009 7 Kommentare
«The Head», auch Dickschädel genannt.
Die sechs Meter hohe Stahlkugel.
Der Leuchtturm an der Limmat sei zu naturalistisch, um als Kunstwerk zu funktionieren, kritisierte die Jury.
Die 36 Aluminiumquader.
Etwas gesehen, etwas geschehen?
Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...
Eine steife Meeresbrise weht dem Occasion-Hafenkran entgegen, der als Kunstaktion im Jahr 2011 für einige Monate auf das Plätzchen neben dem Rathauscafé gestellt werden soll. Mehrheitlich sind die Kommentare aus dem Publikum negativ: Hässlich, passt nicht hierher, unnötig, lautet der Tenor. Die Wettbewerbsjury mit den Stadträten Martin Waser und Kathrin Martelli lobte dagegen die «aussergewöhnliche Dramaturgie», die «fruchtbare Verunsicherung» und das «humorvolle wie auch ästhetisch aussergewöhnliche Zeichen» des Krans. Überhaupt war die Jury von den Ergebnissen des Wettbewerbs begeistert, und sprach allen 7 Projekten, die aus 57 Bewerbungen ausgesucht worden waren, «überdurchschnittlich hohe Qualität» zu. Je 8000 Franken erhalten die sieben Teams.
In die engere Wahl war das Projekt «The Head» gekommen, entworfen vom Rotterdamer Atelier Van Lieshout und von der Zürcher Architektin Roswitha Büsser. «The Head», auch Dickschädel genannt, ist eine begehbare Skulptur, halb kubischer Kopf, halb Aussichtsplattform. Sie würde neue Perspektiven auf den Limmatraum ermöglichen und wäre eine touristische Dienstleistung, hielt die Jury fest, wirke aber «etwas monströs und desintegriert».
Ein Hotelzimmer im Leuchtturm
In der engeren Wahl war auch Kerim Seilers «Komposition für Zürich», 36 Aluminiumquader, die wirken, als ob sie eingestürzt seien, kombiniert mit fünf beleuchteten Pflastersteinkreisen am Boden – das eine als Reverenz an Max Bills Granit-skulptur an der Bahnhofstrasse, die Pflastersteine eine Erinnerung an die Jugendunruhen. Ein «erfrischend unverkrampfter Umgang mit Abschnitten der Zürcher (Kunst-)Geschichte», lobte die Jury, kritisierte aber den rückwärtsgerichteten Blick.
In die engere Wahl kamen nachträglich auch die «Findlinge» von Claudia und Julia Müller aus Basel. Sie wollten einen acht Meter hohen Kunststein bauen, der künstlich bewässert allmählich erodiert und vermoost wäre. «Hermetisch», meinte die Jury, die Bevölkerung hätte den philosophischen Hintergrund dieser Arbeit wohl kaum «aufgegriffen».
Dem Projekt «Der See – Die See» des Zürchers Markus Weiss hielt die Jury das Gegenteil vor: «Disneywelt» – zu naturalistisch, um als künstlerische Skulptur im Stadtraum funktionieren zu können. Weiss wollte einen 17 Meter hohen Leuchtturm bauen nach Plänen richtiger Leuchttürme, aber mit Fenstern, wie sie am Limmatquai zu sehen sind. Zuoberst hätte sich ein Hotelzimmer befunden, das vom Hotel Florhof bedient worden wäre. Der Gang der Hotelgäste vom Florhof durch die Altstadt zu ihrem Turmzimmer wäre dabei Teil der künstlerischen Gesamtstrategie gewesen. Skeptisch war die Jury beim Leuchtturm auch wegen der Kosten: Die Kunstaktion darf höchstens 440'000 Franken kosten.
Johannes Gees aus Zürich schlug vor, eine Chromstahlkugel aufzustellen, auf der sich die Häuser und die Limmat spiegeln würden. «Ohne wirkliche Anbindung an seine Umgebung», bemängelte die Jury. Carmen Perrin aus Carouge schliesslich wollte zwei runde, rote, sich langsam drehende Plattformen aufstellen, welche die Grösse der Zifferblätter der Kirche St. Peter und des Fraumünsters haben. Das Rot hätte an das Blut der Tiere erinnert, das dort bis 1962 in der Fleischhalle geflossen ist. «Unklar», meinte die Jury.
Die sieben Projekte sind bis 12. Februar in der «Ladenlücke» an der Schipfe 26 ausgestellt. Di bis Fr 11–18.30, Sa 10–16 Uhr.
Mehr Nachrichten und Hintergründe aus der Stadt Zürich gibt es täglich in der Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an stadt@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 05.02.2009, 07:29 Uhr
Kommentar schreiben
7 Kommentare
Viele meiner Zürcher Freunde haben mich wegen den drei hochkant aufgestellten Containern im Zentrum von Schlieren ausgelacht und sich darüber mockiert, was in Schlieren für ein hinterwäldlerisches Kunstverständnis vorherrsche. Dass Zürich das jetzt aber noch toppt und die zu den Containern passende Hafenanlage als Kunst hinstellt, lässt mich lachen. Und wer zuletzt lacht... Antworten


































